Luftverschmutzung in Berlin: Lebt wie ihr wollt, die Luft bringt uns eh um!
Niemand zieht wegen der Luft nach Berlin. Dennoch lässt sich die schmutzige Luft der Stadt nicht auf die Verantwortung des Individuums abwälzen.
B evor ich diesen Text zu schreiben beginne, gehe ich erst mal auf den taz-Balkon, eine rauchen. Der Himmel ist grau, in den kahlen Kastanien sitzen frierende Tauben. Die können sich nicht über die schlechte Luft in der Hauptstadt beklagen. Laut Berliner Luftgütemessnetz ist die Qualität am heutigen 10. Februar um 11 Uhr in der Innenstadt „ausreichend“, Richtung Stadtrand „befriedigend“, laut Umweltbundesamt hingegen innerstädtisch „schlecht“ bis „sehr schlecht“.
Beides ist nicht überraschend, denn erstens riechen wir ja, dass es stinkt; und zweitens ist wegen der „Berliner Luft“ noch niemand hierhergezogen, es sei denn, man steht auf einen gleichnamigen Pfefferminzlikör oder einen schmissigen Schlager, der die hiesige Atmo „mit ihrem holden Duft“ mit Lebensfreude und Liberalität in Verbindung brachte.
Mir ist da der Fachbegriff „Inversionswetterlage“ näher. Vor ein paar Tagen habe ich nämlich noch von einem sonnigen Gipfel ins trüb-verhangene Alpenvorland hinuntergeschaut und an Verse von Hugo von Hofmannsthal gedacht: „Manche freilich müssen drunten sterben, /Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, /Andre wohnen bei dem Steuer droben, /Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.“
Und ganz ähnlich schicksalsergeben, wie Hofmannsthal hier die scheinbar nicht zu ändernde und Lebenschance bestimmende Klassenzugehörigkeit besingt, sollen wir ja auch mit der toxischen Mischung, die wir und unsere Kinder und die armen Tauben einatmen müssen, umgehen. Die Verbrenner fahren weiter und weiter auch innerstädtisch viel zu schnell, der Feinstaub steigt aus heimischen wie weiter östlich gelegenen Kaminen auf. Und ganz wie unsere Ururur-Vorfahren warten wir auf Wind und Regen, auf göttliches Wirken sozusagen, das allein Besserung bringen könnte.
Mit dem Kinderwagen an qualmenden Auspuffen vorbei
Was an dieser quasi steinzeitlichen Ergebenheit fasziniert, ist die Tatsache, dass in so vielen, wenn nicht in allen anderen Bereichen unseres (Über-)Lebens, wir permanent aufgefordert werden, in Eigenleistung zu gehen. Uns selbst tracken wir genauer als die Verhältnisse um uns herum.
Wenn, was noch vorkommen soll, wir Menschen sitzend und rauchend in einem Auto sehen, dann sehen wir die Gefahren eben dieses ungesunden, sitzenden und rauchenden Lebensstils – und schieben unsere Kleinen im Kinderwagen ganz nah an den qualmenden Auspuffen vorbei. Und bilden uns dabei noch was auf unsere Longevity-Skills ein, weil wir heute Abend auf das Glas Wein zum Essen verzichten.
Dabei war das Recht auf Licht und saubere Luft mal die Grundforderungen der auf die Zumutungen der Industrialisierung reagierenden Lebensreformbewegung. Und eben als solidarische Forderung: nicht nur für die Gipfelstürmer und Villenbewohner – sondern für alle.
Hier hat sich der Wind in einer ansonsten „austauscharmen“ Großwetterlage tatsächlich gedreht. Ein Projekt wie das der hochwirksamen, schadstoffentlastenden Pariser Verkehrspolitik wird zumindest in Teilen als elitär wahrgenommen – Metropolen gelten ja inzwischen als Exklusivzonen der „liberalen Eliten“ mit ihrer „Verbotskultur“. Das Recht, sich und andere motorisiert einzuqualmen, ist hingegen in weiten Teilen Deutschlands – und warum dann nicht gerade in der Hauptstadt – ein Freiheitsreservat.
Und nu? Nochmal auf den Balkon: Die Tauben haben’s gut, die sind einfach weggeflogen – doch wahrscheinlich nicht ins Schadstoff-, aber auch nahrungsärmere Umland. Stadtluft macht eben nicht nur frei, sie macht auch satt. Der Regierende Bürgermeister geht heute eher nicht draußen joggen, sondern spielt lieber in der Halle Tennis, aber das kennen wir ja schon. Vor einem Jahr um diese Zeit wurde gemeldet, bundesweiter Spitzenreiter bei Feinstaubtoten sei Berlin. Immerhin – einmal wieder vorne!
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