piwik no script img

Berliner KriminelleVon der Schönheit des Fahrraddiebstahls

Wer nachts nicht schlafen kann, sollte mal aus dem Fenster schauen. Dort gibt es einiges zu sehen. Wer will, kann auch noch die 110 wählen.

I ch bin in dem Alter, in dem Frauen oft nachts ein Weilchen wach liegen und dann viel Zeit haben, um über dies und das nachzudenken. Letzte Woche nutzte ich die geschenkte Wachzeit für entspannende Atemübungen und die Frage, worüber ich diesen Monat eigentlich in der taz schreiben sollte. Es war 4.20 Uhr.

Während ich meinen Atem spürte, schallte durch das geöffnete Fenster mein ganz persönlicher Triggersatz: „Lassen Sie das Fahrrad in Ruhe!“ Ich sprang auf, sah einen Radfahrer vorbeiradeln. Hinter einem Baum raschelte und knackte es. Dann schob sich ein oranges Mounti aus dem Halbschatten, darauf ein Mann, der noch sein Gleichgewicht suchte. Neben ihm schob ein zweiter ein Gravelbike. Sie hielten vor einer ganz in Schwarz gekleideten dritten, kleineren Person, die gerade die an unserer Laterne befestigten Räder betrachtete.

Dort stand mein Bahnhofsrad 2.0, nach zwei Diebstählen an genau dieser Stelle inzwischen dreifach gesichert. Daneben das Rad meines Nachbars aus dem vierten Stock. Ha!, dachte ich. Jetzt aber!

Durch mein aus der Kommode geholtes Fernglas zoomte ich aus der Dachgeschosswohnung auf den Gehweg. Zwei waren schon hinter dem nächsten Baum verschwunden, der dritte inspizierte ein weiteres Fahrrad, das hinten an einem Wohnmobil befestigt war. Ich wählte 110 und schilderte die Situation.

Hallo, Polizei?

„Haben Sie gesehen, wie die ein Fahrrad klauten?“

Nein. Hatte ich nicht. Aber gehört. Und jetzt schraubte der eine am Wohnmobilrad, fuhr eine Kurve, kam zurück und prüfte es wieder.

„Wenn ein Wagen frei wird, schicke ich den vorbei“, hörte ich.

Demnächst kam also die Polizei. Und ich? Mit der Konzentration auf meinen Atem war es ohnehin vorbei. Da konnte ich auch weiterblockwarten. Also filmte ich den Mann, der erneut an dem Gravelbike werkelte. Plötzlich erklangen sogar Maschinengeräusche durch die sonst völlig ruhige Straße. Der Mann fuhr wieder einen Kreis. War wohl doch zu laut.

Frauen an die Macht?

Ich hörte ein Auto kommen. Erkannte zwischen den Bäumen einen Kleinbus der Polizei und lief die Treppe hinunter.

„Wir haben schon nachgesehen“, erklärten die bereits wieder startklaren Beamten. „Das Rad am Wohnmobil ist unbeschädigt. Alles in Ordnung.“

Ich zeigte meine unscharfen Handyvideos. Erklärte, dass die Personen vor einer Minute noch hier waren. „Dann fahren wir mal und schauen, ob wir jemand Verdächtiges sehen.“

Unschlüssig blieb ich zurück. Auf Socken, ungekämmt, um 4.30 Uhr auf der Straße.

Aus dem Hof des Nachbarhauses trat eine junge, elegant in Schwarz gekleidete Frau. Sie steuerte auf das Wohnmobil zu, stellte einen Fuß neben das Querfeldeinfahrrad auf den Träger und band sich ruhig die Schuhe. Sie war nicht allein. Neben ihr schoben zwei Männer Fahrräder: ein Gravelbike und ein oranges Mounti.

Als sie an mir vorbeiging, lächelte sie mich an.

„Sei freudvoll“, lautet ein buddhistisches Sprichwort, „nicht weil alles schön ist, sondern weil du Schönheit in allem siehst.“ Und so dachte ich: Organisierter Fahrraddiebstahl in junger, weiblicher Hand. Klasse, wie aktiv Frauen ihre nächtliche Wachzeit gestalten können. Und einem nebenbei noch ein taz-Kolumnenthema schenken.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Kerstin Finkelstein

Kerstin Finkelstein

Dr. phil, Expertin für Verkehrspolitik und Migration. Studium in Wien, Hamburg und Potsdam. Volontariat beim „Semanario Israelita“ in Buenos Aires. Lebt in Berlin. Fährt Fahrrad. Bücher u.a. „So geht Straße“ (Kinder-Sachbuch, 2024), „Moderne Muslimas. Kindheit – Karriere - Klischees“ (2023), „Black Heroes. Schwarz – Deutsch - Erfolgreich“ (2021), „Straßenkampf. Warum wir eine neue Fahrradpolitik brauchen“ (2020), „Fahr Rad!“ (2017).
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Meine "Bewunderung" gilt in dieser Sache der jungen, eleganten Dame, die den Überblick behielt, und nicht den Polizisten, denen dieser Überblick offensichtlich fehlte. Auf die Idee, mal in den Höfen rechts und links nachzusehen, kamen sie nicht. Was lerne ich daraus? Ein Anruf bei der Polizei bringt rein gar nichts.