Berlin Weichselplatz: Die Eroberung des Südpols
Ist das noch Neukölln oder schon die Antarktis? Eisig peitscht einem der Wind ins Gesicht, während man über die Gehwege schlittert.
N ach einer Erkältung wage ich erste Schritte in die freie Wildbahn. Ausgerüstet mit dem Wanderstock meines Großvaters verlasse ich das Haus und staune über die Eisfläche, die mich auf dem Gehsteig erwartet. Warum habe ich keine Schlittschuhe angezogen?
Als ich aufblicke, sehe ich eine vermummte Frau mit Kinderwagen an der Ecke Weichselplatz. Mit einer Hand hält sie sich am Kinderwagen fest, an der anderen balanciert vorsichtig ein kleines Kind auf dem Eis. Das Kind fällt um und beginnt zu weinen. Die Frau lässt den Kinderwagen los, um dem Kind aufzuhelfen und sinkt selbst zu Boden.
Ich weiß, was ich zu tun habe. Schließlich sind es nur wenige Meter. Dennoch kommt mir die Strecke unendlich vor. Amundsen muss sich bei der Eroberung des Südpols ähnlich gefühlt haben. Als ich die Straßenecke erreiche, schlägt mir eine eisige Brise ins Gesicht. Sie kneift mir in die Wangen, wie früher mein Großvater, wenn er mit meinem Zeugnis zufrieden war. Der Wind ist aber nicht zufrieden mit mir, er hasst mich. Ich spüre den Unterschied ganz deutlich. Aber ich lasse nicht nach. Ich bin eben ein echter Eroberer.
Noch fünf Meter. Die Frau erkenne ich als Nachbarin. Sie hat es inzwischen wieder alleine auf die Beine geschafft. Sie winkt mir erleichtert zu. Das Kind lächelt ebenfalls. Sogar die Sonne blinzelt durch das triste Grau der Wolkendecke. Eigentlich alles gut, bis ich selbst den Boden unter den Füßen verliere. Wie eine Schildkröte komme ich auf dem Rücken zu liegen. Aus dem Späti kommt ein junger Mann angelaufen. Er trägt nur ein T-Shirt. Noch ein Eroberertyp. Der junge Mann zwinkert der Frau zu und streckt mir seine Hand hin. Er steht fest wie eine Eiche. Wir lachen beide, als wir uns gegenüberstehen. Auf den Schreck spendiere er uns einen Tee mit Zitrone, sagt er und greift nach dem leeren Bierkasten im Kinderwagen.
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