Berlin Science Week beginnt: Der Welt den Hintern retten

Die „Berlin Science Week“ will mit 200 Veranstaltungen wissenschaftliche Forschung und Lehre für ein breites Publikum abbilden.

Auch Özlem Türeci, Biontech-Mitgründerin, kommt zur Science Week nach Berlin Foto: Biontech

Wissenschaft sei „das eigentliche Zukunftsressort“: Mit diesen Worten beendet der neue Berliner Bundestagsabgeordnete und Noch-Regierende Bürgermeister Michael Müller am Samstag bei einer Diskussion der Wissenschaftsmesse „Tabula Rasa“ in der Berliner Urania seine Karriere als Wissenschaftssenator in Berlin. Zwar gebe es bei den Koalitionsverhandlungen für die Bundesregierung jetzt schon Ansprüche, wer das künftige Finanz- oder Klimaministerium politisch führen solle. „Aber ich sehe mit Sorge, dass sich niemand um das Wissenschaftsressort streitet“, sagte Müller.

Das sei aber wichtig, denn hier würden zentrale Voraussetzungen für die künftige Entwicklung des Landes gelegt. „Und das muss gestärkt werden“, sagte der SPD-Politiker, der in den letzten fünf Jahren die Zuständigkeit für die Berliner Hochschulen und Forschungseinrichtungen innerhalb der Senatskanzlei mit wahrgenommen hatte.

In der Urania-Debatte wurde auch die Klimakrise angesprochen, die derzeit auf der Climate Change Conference COP in Glasgow politisch verhandelt wird. Vertreter der Zivilgesellschaft kritisierten, dass die Maßnahmen zur Minderung des Klimawandels zu einseitig den Individuen, etwa ihrem Fleisch-Konsum oder Verkehrsverhalten, abverlangt werde. Damit stehle sich die staatliche Seite aus ihrer Pflicht zur Veränderung grundlegender Strukturen.

Gegen diese Sicht setzte sich Müller zur Wehr. „Es gibt hier kein Entweder-Oder, sondern nur ein Sowohl-als-auch“, sagte der Politiker. Die Individuen in der Gesellschaft müssten sich gemeinsam mit dem Staat gegen die Klimabedrohungen engagieren.

Müllers Werben für mehr Wahrnehmung der Wissenschaft soll in Berlin in den nächsten zehn Tagen massiv aufgegriffen werden. Im Rahmen der am heutigen Montag beginnenden „Berlin Science Week“ – für die die Urania-Messe mit 400 Besuchern ein Präludium bildete – soll in 200 Veranstaltungen mit über 500 Referenten die gesamte Bandbreite des Forschens und akademischen Lehrens abgebildet werden.

Die Organisatoren wollen eine „Berlinale der Wissenschaft“ in der Hauptstadt etablieren

Die Angebote reichen vom wissenschaftlichen Schreibtraining in der Staatsbibliothek über virtuelle Besuchstouren im elektronischen Speicherring Bessy in Adlershof bis hin zur Live-Schaltung des Raketenstarts des deutschen Astronauten Matthias Maurer (auf den 3.11. verschoben). In dieser Konzentration, nunmehr im sechsten Jahr, wollen die Organisatoren mittelfristig eine „Berlinale der Wissenschaft“ in der Hauptstadt etablieren, sogar von einem „World Science Summit“, einem „Weltwissenschaftsgipfel“ nach dem Wirtschafts-Vorbild Davos ist die Rede.

Der Gipfel hatte im vergangenen Jahr zumindest digitaltechnisch auch schon erste Gestalt angenommen, als nämlich pandemiebedingt alle Präsenzveranstaltungen abgesagt werden mussten und die Berlin Science Week nur online konferierte. Die Teilnehmerzahlen schossen – auch wegen des Gratis-Zugangs – in die Höhe: von 20.000 auf 65.000 Besucher, die allermeisten aus dem Ausland. In diesem Jahr, in dem ein Viertel der Events wieder leibhaftig besucht werden können, rechnet Jürgen Mlynek von der gemeinnützigen Falling Walls Stiftung wieder mit einer geringern Beteiligung.

Für Mlynek, der früher Präsident der Humboldt-Uni war, ist es ein Anliegen, dass sich Wissenschaft öffentlich präsentiert und ihre praktische Bedeutung für die Gesellschaft herausstellt, gerade in Zeiten der Coronakrise. „Die Wissenschaft hat der Welt in den letzten 15 Monaten den Hintern gerettet“, sagt er plakativ unter Anspielung auf den schützenden Impfstoff. Die BioNtech-Gründer haben denn auch beim großen Falling Walls-Finale am 9.11. ihren Auftritt. Dies zeige, welche Kraft in der Wissenschaft stecke, betont Mlynek. „Die Mission der Berlin Science Week, Wissenschaft für alle erlebbar zu machen, ist heutzutage wichtiger denn je“. Das lasse sich nur erreichen, „wenn wir diese Aufgabe als internationale Gemeinschaft angehen“, in der Forschung wie in der Kommunikation.

Zahlungskräftige Unterstützer hat er dafür bereits gewonnen: sowohl für die Publikums-Veranstaltung Berlin Science Week wie für die schon zuvor etablierten Fachkonferenzen der Falling Walls-Stiftung, die ihren Namen dem Berliner Mauerfall 1989 verdankt und ihn auf „Durchbrüche in der Wissenschaft“ übertrug. Über zwei Millionen Euro werden pro Jahr ausgegeben, die eine Hälfte stammt aus öffentlichen Mitteln, die andere von privater Seite, etwa von Unternehmen.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert 2021 die Durchführung der Falling Walls Conference und Circle mit 500.860 Euro, des Falling Walls Lab 2021 mit 265.000 Euro, teilte das BMBF der taz auf Anfrage mit. Unabhängig davon bekommt die „Berlin Science Week“ eine eigene Zuwendung aus dem Landessäckel, nämlich 645.000 Euro

Inzwischen seien in Berlin über 50 Prozent der erstberufenen Professoren Frauen

Im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) wird am Dienstag im Rahmen der Science Week der mit 200.000 Dollar dotierte “A.SK Social Science Award“ verliehen, der in der Fachwelt als Nobelpreis der Gesellschaftswissenschaften gilt. WZB-Chefin Jutta Allmendinger sieht Berlin auch bei einem anderen Thema schon in Spitzengefilden. 1992, zu Beginn ihrer Laufbahn als Soziologin, habe München und nicht Berlin als unbestrittene Hauptstadt der Wissenschaft gegolten. Inzwischen seien in Berlin über 50 Prozent der erstberufenen Professoren Frauen. Eine Ausstellung im Roten Rathaus “Hauptstadt der Wissenschaftlerinnen“ dokumentiert den Wandel.

Generell stehe der akademische Bereich jedoch in Sachen Diversität noch in einem Aufholprozess. So ist nur jede fünfte Professur an deutschen Unis mit einer Frau besetzt. Und im Mittelbau ist nur jeder Achte ein nicht aus Deutschland stammender Forscher. „Offensichtlich gelingt es uns noch immer nicht, wichtige Talente und Potenziale für die deutsche Wissenschaft zu gewinnen“, moniert Allmendinger. „Das können und sollten wir uns nicht leisten, denn unsere Wissenschaft braucht mehr Diversität.“ Auch als Standort-Magnet, der internationale Talente an die Spree zieht, soll die Science Week Wirkung entfalten.

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