Die einzig harte Währung auf der COP: Wenn die Uhren rückwärts laufen

Die Zeit, den Klimawandel einzugrenzen, rennt, obwohl sie manchmal stillzustehen scheint. Mit der Zeit auf der COP26 ist es wieder anders.

Eine Frau hält den Zeiger einer Uhr an

Die Zeit rückwärts drehen Foto: Joacquie Boyd/imago

GLASGOW taz | Oben kreisen dröhnend die Hubschrauber, unten werden die Securityguards nervös: Gedrängel auf der Klimakonferenz vor dem Plenarsaal, der eigentlich nur ein sehr großes Bierzelt ist. „World Leaders Summit“ heißt das, und wer wichtig ist, muss mitdrängeln: PolitikerInnen, BeraterInnen, JournalistInnen, UmweltschützerInnen, Kameras hier, Mikrofone da.

Die härteste Währung der Klimakonferenz ist Aufmerksamkeit. Das könnte man jedenfalls denken, wenn man die ersten zwei Tage sieht. Stimmt aber nicht. Der wichtigste Gradmesser für Gewicht und Wichtigkeit ist hier nicht mediale Aufmerksamkeit, nicht die Macht, die demonstriert wird, und nicht das Geld, das ausgegeben wird oder nicht. Die härteste Währung ist: Zeit.

Denn wenn es etwas gibt, das es auf Klimakonferenzen nicht mehr gibt, dann ist das Zeit. Da hat echte Deflation eingesetzt: Bei der ersten COP 1995 hieß es, um die Klimakrise zu verhindern, müssten die globalen CO2-Emissionen in jedem Jahr um ein Prozent sinken. Nicht einfach, aber machbar.

Heute sind es sechs oder sieben Prozent. Das schaffen wir bisher nur in einem Corona-Lockdown. Der Grund: knapp 30 Jahre Verzögern und Verzagen. Mit der knappsten aller Ressourcen sind wir umgegangen wie Elon Musk mit Investorengeldern. Einfach rausballern.

Mordlust vor verschlossener Türe

Zeit ist ohnehin sehr relativ bei den Konferenzen, Albert Einstein würde sich freuen. Wenn es am Freitagabend kein Verhandlungsergebnis gibt, wird einfach die Uhr angehalten und weitergemacht. Es gehört zum guten Ton und zu den Machtspielchen, seine Zeitvorgaben nicht einzuhalten und zu spät zu kommen. Unter BeobachterInnen und Medienmenschen dagegen grassiert dann vor den verschlossenen Türen nächtelang die Mordlust: An jeder Ecke wird die Zeit totgeschlagen.

Glasgow ist da anders: Zum ersten Mal auf einer Klimakonferenz laufen die Uhren rückwärts. Zwar nur in der Nacht von Samstag auf Sonntag, aber immerhin: So einfach kann das sein, die Zeit zurückzudrehen und die gewonnene Zeit für etwas Sinnvolles zu nutzen. So könnte sie aussehen, die offizielle Strategie zum Kampf gegen die Klimakrise: nicht um einen Tag, sondern um Jahre und Jahrzehnte die Zeit zurückdrehen. Noch mal anfangen, es richtig machen. Und ein paar Fantastilliarden Tonnen Kohlendioxid gar nicht erst in die Atmosphäre blasen.

Eine schöne Fantasie, meinen Sie? Sicher. Aber eine solche Fantasie hat uns am Wochenende immerhin auf Trab gehalten. Überall Hexen, Spinnen, Gespenster. Denn das sind Klimakonferenzen jenseits unserer Zeitmaschinenträumereien ja eigentlich, wenn man sieht, wie auch nach 26 COPs voller Klimagerede immer noch Öl, Gas und Kohle den Ton angeben: die Nacht der lebenden Toten.

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

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