Ein Mann in Armeekleidung spricht zu einer Menschengruppe, Präsident Selenski in Butscha

Ukraines Präsident Wolodimir Selenski mit Ein­woh­ne­r*in­nen von Butscha, April 2022 Foto: Ukrainian Presidential Press Service/reuters

Berichterstattung über Ukrainekrieg:Wir sind Europas Augen und Ohren

Ohne das Wissen ukrainischer Journalisten wären westliche Medien aufgeschmissen. Viele Jahre überging man aber deren Perspektiven.

Ein Artikel von

23.4.2022, 18:04  Uhr

Als sich im Februar dieses Jahres die Nachricht einer möglichen russischen Invasion verbreitete, strömten zahlreiche ausländische Korrespondenten in die Ukraine. Die schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich bald: Die russische Armee griff das gesamte Staatsgebiet der Ukraine mit Raketen an, bombardierte Kyiv und andere große Städte des Landes und besetzte einen Teil der südlichen Regionen.

Ausländische Journalisten flogen ein, um international zu berichten, wie ein Staat, der die zweitstärkste Armee der Welt besitzt, ein anderes Land mitten in Europa angriff. Und das nur, weil dieses sich seit vielen Jahren zu westlichen Werten bekennt und im Gegensatz zu den meisten Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion eine Aufnahme in die Europäische Union anstrebt.

In Kriegen, wie wir ihn jetzt in der Ukraine erleben, sind lokale Reporter die ersten Ansprechpartner für westliche Medienvertreter. Journalisten aus dem Ausland sind auf die Kenntnisse ukrainischer Kollegen angewiesen. Sie sind es, die wissen, wie man sich in der Ukraine am besten fortbewegt, wohin man fahren, mit wem man sprechen sollte und worauf man bei der Berichterstattung achten muss.

Den Rahmen, wie über die Geschehnisse in der Ukraine berichtet wurde, setzt schon seit vielen Jahren der Westen. Selbst unter Ukrainern genießen westliche Medien größeres Vertrauen, der nationalen Presse hingegen misstraut man. Ein Großteil ukrainischer Medien ist im Besitz von Oli­gar­chen und Konzernen. Sie pflegen oftmals Beziehungen zu Politikern, die die Medien für ihre politischen Zwecke und ihre Geschäftsinteressen ausnutzen. Das Wort eines westlichen Journalisten zählte in der Vergangenheit deshalb oft mehr als das eines örtlichen Reporters. An diesen Zustand hatten sich alle im Land gewöhnt.

Doch der 24. Februar markierte einen Wendepunkt. Lokale Journalisten befanden sich, anders als ihre ausländischen Kollegen, in einer noch prekäreren Lage als sowieso schon: Schutzwesten und Helme besaßen die wenigsten, es fehlte an Erfahrung mit Sicherheitstrainings oder an grundlegenden Dingen wie einer Krankenversicherung. Mehr als 70 Medienhäuser mussten bereits aufgrund der militärischen Aus­einandersetzungen mit Russland oder aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Ein Ausweg bestand für viele darin, als „­Fixer“ oder lokaler Produzent für westliche Medien zu arbeiten.

Ukrainische Perspektiven fehlen

Aktuell wiederholt sich etwas, das der Journalismus 2014 auf ähnliche Weise erlebt hat. Als sich in Kyiv auf dem Maidan Protest gegen den damaligen Präsidenten Wiktor Janukowitsch formierte, der sich weigerte, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen und sich stattdessen für ein Bündnis mit Russland entschied, kamen schon einmal Journalisten aus dem Westen in die Ukraine, um da-rüber zu berichten.

Bald darauf folgte die Annexion der Krim, und der Donbass wurde durch Separatisten besetzt. Fixer übernahmen auch damals schon die Hauptarbeit der Berichterstattung. Sie versorgten Journalisten aus dem Westen mit nützlichen Informationen und riskierten nicht selten dafür ihr Leben. Daraus ergab sich ein ungleiches Abhängigkeitsverhältnis: Der Westen war auf die Hilfe ukrainischer Fixer angewiesen. Diese wiederum brauchten die Aufträge aus dem Ausland, konnten aber wenig Einfluss darauf nehmen, wie ihre Zulieferungen in Berichten verarbeitet wurden. Westliche Medien nutzten die Arbeitskraft örtlicher Journalisten aus, übergingen aber ihre Perspektiven. Stattdessen übernahm man russische Argumentationen und Sichtweisen.

Viele Jahre wurde die Situation im Donbass folglich nicht als Krieg bezeichnet und die Annexion der Krim gerne als „Wiederherstellung einer historischen Gerechtigkeit“ dargestellt. Dass die militärischen Attacken Russlands auf keine Weise gerechtfertigt waren, ließ sich den westlichen Redaktionen nur schwer vermitteln.

Soldat mit Helm auf einem Militärfahrzeug

Ukrainischer Soldat legt einen Stopp ein, irgendwo im Osten der Ukraine Foto: Press service of the Ukrainian Ground Forces/reuters

Acht Jahre lang hat ein Großteil westlicher Medien seinem Publikum erzählt, dass die Annexion der Krim und die Besetzung des Donbass nachvollziehbare Gründe hätten. Sie versäumten es, ihre Leser ordentlich über die Aggressionen Russlands gegen die Ukrai­ne aufzuklären. Ukrainische Journalisten, Politiker und Diplomaten schrien buchstäblich, dass die Russen ihre Gebiete gewaltsam eingenommen hätten. Sie wurden nicht gehört.

Die Ukraine müsse Verständnis für Russland aufbringen und einen Frieden aushandeln, las man stattdessen oft. Uns, den Ukrai­nern, sagte man: Euer Land ist korrupt, ist voller Rechtsradikaler, ihr seid nicht gut genug, um in der EU zu sein. Russischen Oppositionellen und Journalisten, die sich nicht damit auseinandersetzen wollten, dass ihr Land ukrainische Gebiete illegal einnahm, gaben Medien häufiger eine Plattform als Ukrainern, die mit eigenen Augen gesehen hatten, wie russische Streitkräfte Ukrainer im Osten des Landes entführten und folterten. Acht Jahre lang hat sich Russland an die Tatsache gewöhnt, dass es für seinen Umgang mit der Ukraine kaum eine Strafe zu erwarten hat.

Journalisten setzen ihr Leben aufs Spiel

Dieser Umgang des Westens mit der Ukraine setzt sich bis heute fort. Kürzlich stellte die Welt die russische Ex-Propagandistin Marina Owsjannikowa ein, die mit ihrem Protest gegen den Krieg im russischen Staatsfernsehen bekannt geworden war. Währenddessen sehen Dutzende ukrainische ­Journalisten ihre Existenz bedroht und ­wissen nicht, wie es mit ihrer beruflichen Karriere weitergehen soll. Über ihr Schicksal liest man kaum etwas.

Russische Journalisten tauchen hingegen öfter in den Medien auf und berichten, wie sie unter den restriktiven Maßnahmen der russischen Behörden leiden. Ukrainische Journalisten berichten parallel dazu aus Luftschutzkellern und reisen in gefährliche Militärgebiete, um zu zeigen, wie die russische Armee Zivilisten beschießt und hinrichtet.

Seit Beginn des erweiterten Krieges haben die russischen Streitkräfte zwölf Journalisten getötet. Unter ihnen waren sowohl westliche als auch lokale Reporter. Journalisten setzen ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel, um der Welt zu zeigen, welches Grauen mitten in Europa geschieht. Heute ist es deshalb wichtiger denn je, ukrai­ni­schen Journalisten und anderen Menschen vor Ort, die etwas zu sagen haben, eine Stimme zu geben.

Die Ukraine kämpft für Europa, und ukrainische Journalisten riskieren ihr Leben. Ist Europa aber bereit, der Ukraine zuzuhören?

Im Krieg mit Russland verteidigt die Ukraine die Grenzen Europas, seine Unversehrtheit und Sicherheit. Wir ukrainischen Journalisten nehmen dabei eine besondere Rolle ein: Wir sind Europas Augen und Ohren.

Wir zählen die Tage seit dem Beginn der russischen Invasion und warten auf sein Ende wie auf ein Wunder. Die Ukraine kämpft für Europa, und ukrainische Journalisten riskieren täglich ihr Leben. Ist Europa aber bereit, der Ukraine zuzuhören?

UKrainische Flagge zwischen Trümmern zweier Häuser

Ukrainische Journalisten berichten von der Zerstörung ihres eigenen Landes, hier Borodjanka Foto: Sergei Chuzavkov/imago-images

Wir verdienen es, dass sich der Westen endlich mit der Tatsache abfindet, dass unsere Stimmen ebenso zählen. Denn auch wir sind Europäer.

Aus dem Englischen von Erica Zingher

Die taz unterstützt aktuell die ukrainischen Medien Zaborona und Hromadske mit Spenden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir alle wollen angesichts dessen, was mit der Ukraine derzeit geschieht, nicht tatenlos zusehen. Doch wie soll mensch von Deutschland aus helfen? Unsere Ukraine-Soli-Liste bietet Ihnen einige Ansätze fürs eigene Aktivwerden.

▶ Die Liste finden Sie unter taz.de/ukrainesoli

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de