Beobachtungen und Gedanken zur Wahl: Stolz und Misstrauen

Das Kulturressort der taz blickt auf die Wahl. In Erinnerung bleiben beschmierte Plakate, Unterschriftenzwang, eine Briefwahl mit Querdenkern, Eden und Hochgefühle.

Beschmiertes SPD-Wahlplakat in Berlin

Auch sie gehörten dieses Jahr leider dazu: beschmierte Wahlplakate Foto: Annette Riedl/dpa

Der Souverän spricht und kritzelt

„Der Souverän hat gesprochen.“ Zum ersten Mal habe ich diese Sentenz wohl von Joschka Fischer gehört. Er sprach sie aus in Erwartung eines Wahlergebnisses, dem er sich nach Schließung der Wahllokale zu stellen hatte. Die Nüchternheit solch eines normalen demokratischen Vorgangs steht dem hohen Maß an Emotionen gegenüber, mit dem das Stimmvieh bei einer politischen Wahl agiert.

Spricht der Souverän bereits vor der eigentlichen Stimmabgabe, wenn er zum Beispiel Wahlplakate verunziert? Und geht auch diese Form der Meinungsäußerung als politische Willensbildung durch? Das Dictionary definiert sie als „Prozess, bei dem mit unterschiedlichem Gewicht bestimmte Gegebenheiten (Zustände, Fakten) und bestimmte Absichten (Interessen, Ideen) zu politischen Überzeugungen, Zielen und gegebenenfalls politischen Handlungen führen.“

Wenn also jemand auf ein Plakat des Linken-Kandidaten Pascal Meiser schreibt: „Du siehst müde aus“ und jemand anderes „Nicht ausschlaggebend“ hinzufügt, ist das schon eine Art Diskurs? „Nee, lass ma’“ wird dagegen ein CDU-Plakat abschlägig bewertet, das die Polizeipräsenz im Viertel erhöhen möchte. Reicht dies als Antwort? Oder fehlt die Äquidistanz, denn auch CDU-Kandidatenfotos wurden unisono und nicht sehr kreativ mit „Korrupt“-Aufklebern versehen.

Auch Wahlplakate der Grünen erregen die Gemüter. Je weiter es aus dem Stadtzentrum hinausgeht, desto stumpfer fällt der Protest gegen die etablierten Parteien aus. In Krakelbuchstaben steht flächendeckend „Kriegspartei“ geschrieben. „Linksfaschisten“ steht unter Fotos von Annalena Baerbock auf dem Mittelstreifen einer Ausfallstraße, während Plakate von SPD-Kandidat Olaf Scholz gleich vom Holzrahmen heruntergerissen wurden.

In der Innenstadt ist nirgendwo Wahlwerbung von rechtsradikalen Parteien zu sehen. In Kaulsdorf hängt auf der sechsspurigen Straße neben jeder Tankstelle ein Plakat der AfD: „Wer hat die Spritpreise erhöht?“ Der Fahrradweg ist holprig und schmal. Julian Weber

Unterschriftstellerin geht wählen

Nicht länger als vielleicht eineinhalb Minuten nachdem Prof. Dr. Maßmann die Wahlkabine betreten und einen ersten, flüchtigen Blick auf den Wahlzettel geworfen hatte, stieg in ihr ein mächtiger Ärger darüber auf, dass sie den Zettel nicht sollte unterschreiben dürfen.

Eine gewisse sonntägliche Routine hatte sie aus dem Schreibzimmer hinausgeführt, ohne zu überlegen hatte sie den Weg in das Wahlbüro angetreten, vielleicht war es ein wissenschaftliches Interesse, das sie dazu veranlasst hatte, so erklärte es sich zumindest Prof. Dr. Maßmann. Sie legte stets großen Wert auf ihren Titel, was sie sich selbst nicht recht erklären konnte, war sie doch, was ihre Herkunft anging, Historikerin in dritter Generation, eine gewisse Gewohnheit dem Titel gegenüber war ihr also gegeben, aber vielleicht lag es eben an genau dieser Gewohnheit, dass sie stets auf dem vollen Namen bestand.

Doch Routine hin oder her, es war eine andere, erst jüngst sehr lieb gewonnene Sache, die ihr das Setzen des Kreuzes seltsam, gar übertrieben demütig erschienen ließ. Marx’ Klage über den parlamentarischen Idiotismus etwa hatte sie doch stets scharf kritisiert, woher aber rührte dann ihr plötzlicher Ärger; war es gar Wut, die sie fühlte?

Nervös nahm sie ihren silbernen Kugelschreiber aus der Tasche hervor, führte ihn zum Zettel, konterte das leichte Zittern ihrer Hand mit einem entschlossenen Spitzen des Mundes, setzte den Absatz ihres linken Pumps exakt neben den ihres rechten und schrieb in großen Lettern auf den langen Zettel mit seinen vielen Spalten und vielen Namen: Professor Dr. Maßmann.

Erleichtert, die erst jüngst so liebgewonnene Gewohnheit der Unterschriftstellerei erneut ausgeführt zu haben, verließ sie das Wahllokal, nicht bevor sie den Zettel pflichtgemäß in die Urne geworfen hatte, und zischte im Hinausgehen: Herr, gib mir meinen täglichen Offenen Brief. Tania Martini

Das Grundrauschen wieder abstellen

Die Kommunen melden seit einigen Wochen neue Rekorde beim „Briefwahlaufkommen“. In Nordrhein-Westfalen etwa rechnen die Gemeinden mit einem Anteil von 50 Prozent an Briefwählerinnen. Dass die Zahl in Berlin ähnlich hoch ausfallen könnte, macht der eigene Besuch beim Bezirkswahlamt zumindest plau­sibel.

Beim Abholen der Wahlunterlagen wartet vor dem Büroraum eine mittellange Schlange, alle mit Abstand zu­einander, am Ende des Gangs herrscht Betrieb bei den Wahlkabinen. Erstaunlich, wie viele Leute ihre Kreuze, in Berlin sind es diesmal immerhin sechs, gleich an Ort und Stelle machen. Fast wie Wahltag. Erfreulich zugleich, wie freundlich zuvorkommend und entspannt die Wahlhelferinnen trotz Dauereinsatzes ihren Dienst tun.

Vor dem Gebäude stehen Leute, die anscheinend schon ihren Anteil am Wirken der Volkssouveränität geleistet haben. Sprechen einvernehmlich über Sinn und Unsinn der allgemeinen Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken, die bei Bartträgern ja bekanntlich „wirkungslos“ seien. Reflexhafte Sorge, wem dieser Mann, der sich – an der frischen Luft, daher ohne Maske – den Coronamaßnahmen gegenüber derart skeptisch gezeigt hat, wohl seine Stimme gegeben haben könnte.

Gesundes Misstrauen? Diese Alarmhaltung, um sich herum allenthalben Querdenker mit Neigung zur AfD zu wittern, gehört anscheinend zum tendenziell pauschalisierenden Grundrauschen bei dieser Wahl. Hätte man direkt mal nachfragen können, wie das denn bitte gemeint sei. Aber will man das?

Rauschen wieder abgestellt: ein beruhigendes Gefühl, den blauen Umschlag beim zweiten Amtsgang im roten Umschlag in die Wahlurne geworfen zu haben. Auch wenn es schöner gewesen wäre, am Wahltag in die Schule um die Ecke zu gehen. Tim Caspar Boehme

Kreuzchen in der Obstbausiedlung

Da ich meinen Hauptwohnsitz bei meinen Eltern gemeldet habe, bedeutet Wählengehen für mich, dass ich nach Eden fahren werde, um dort meine Stimme abzugeben. Eden, das ist die älteste Obstbausiedlung Deutschlands, benannt nach dem biblischen Paradies, und der Ort, wo ich die ersten 18 Jahre meines Lebens verbracht habe. Ich kenne dort jede Straße, jeden Winkel und jede Hecke, und wahrscheinlich kennt auch jeder mich, aber ich erinnere mich immer besser an Orte als an Gesichter.

Als ich fünf war, habe ich mit meiner Mutter im neuen Kindergarten ein Konzert besucht, und ich war unglaublich fasziniert von den Instrumenten, besonders von den Geigen. Meine erste Geigenstunde hatte ich dann im alten Presshaus, dort wurden früher Äpfel zu Saft verarbeitet, und bis vor ein paar Jahren stand sogar noch die alte Presse im Hauptraum. Morgen wird dort die Wahl stattfinden, ist besser wegen der zwei Ausgänge, sonst war sie immer im Festsaal.

In diesem Festsaal war ich das erste Mal mit meinem Vater wählen. Drinnen sah alles sehr offiziell aus. Ich durfte sogar mit in die Kabine und mir den Wahlschein angucken, aber ich musste mir die Augen zuhalten, als mein Vater die Kreuze machte, ist ja eine geheime Wahl. Morgen, im Presshaus, wo ich so oft mit der kleinen Quietschegeige stand, gehe ich als einer der wenigen jungen Menschen wählen, und wahrscheinlich werde ich mein Kreuzchen ähnlich setzen wie meine Eltern und Großeltern und viele Ede­ne­r:in­nen auch.

Doch nicht alle Bewohner der Obstbausiedlung sind so überzeugte Naturliebhaber. Und ich hoffe inständig, dass sie ihre deutschen Eichen und penibel geraden Beete beim Wählen zu Hause lassen. Charlotte Eisenberger

Hochgefühl und Bohnerwachs

Gewählt habe ich schon in Schulen, Gemeindehäusern, Krankenhäusern, einmal in einem Altersheim. Politische Wahlen riechen irgendwie nach Bohnerwachs. Das Improvisiertwirkende daran – in einem großen Raum werden mal eben die Stühle und Tische beiseite gerückt, Sichtblenden aus Pressholz werden als Wahlkabinen aufgestellt, freundliche Nachbarn fungieren als Wahlhelfer – hinderte mich aber nie, an diesem Tag eine leise Erhebung zu empfinden, eine Art Stolz, fast Rührung. Und das, obwohl ich mich keinen Illusionen darüber hingebe, ausgerechnet mit meiner Stimme etwas „bewirken“ zu können (politische Prozesse sind dann doch komplizierter).

Dieses Hochgefühl hält auch Abkühlungen etwa durch Niklas Luhmann aus, der politische Wahlen auf die Erzeugung einer „relativ kurzfristigen Ungewissheit“ herunterbricht; das politische System garantiere sich durch Wahlen selbst das Unbekanntsein seiner Zukunft. Mag ja sein, doch woher kommt dann mein Hochgefühl?

Rousseau meinte im „Contrat social“, die Briten seien nur während der Stimmabgabe frei und ansonsten Sklaven. Christoph Möllers bezieht sich in seinem Buch „Freiheitsgrade“ (lesenswert!) auf diesen Gedanken und hält dagegen: „Die Parlamentswahl ist nicht nur eine Form organisierter Freiheit, sie setzt auch andere Praktiken der Freiheit vor und nach der Wahl voraus.“

Im Umfeld dieses Arguments denkt Möllers über Solidarität, Engagement, politische Energie und Mobilisierung nach. Ich und mein Hochgefühl, wir sind an Wahltagen offenbar Team Möllers, selbst trotz der Enttäuschung, dass zum Beispiel die Mobilisierung fürs Klima in der aktuell anstehenden Wahl nicht geglückt sein wird.

Es ist eben vielleicht nicht nur politischer Kitsch, sein Hochgefühl als Ausdruck der Solidarität zu lesen, und zwar eben gerade nicht für abstrakte Begriffe wie Nation oder repräsentative Demokratie, sondern für die Bürger*innen, mit denen man sein politisches System (und den Geruch nach Bohnerwachs) teilt. Dirk Knipphals

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