Russland und der Iran-Krieg: Bellen, aber nicht beißen
Russlands Reaktionen auf die Tötung Chameneis sind verbal, aber praktische Unterstützung bleibt aus. Moskau hofft auf deutlich steigende Öleinnahmen.
Auf den „brüllenden Löwen“ konnte Wladimir Putin nur als kläffender Köter antworten. Als „zynischen Verstoß gegen alle Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts“ verurteilte der Kremlherr die Tötung Chameneis im Rahmen der Operation „Roaring Lion“ der USA und Israels am Samstag in Teheran.
Russland und Iran hatten noch im Januar 2025 in Moskau ein Abkommen über eine „umfassende strategische Partnerschaft“ für die nächsten 20 Jahre unterzeichnet. Beide Seiten betonten, dass dieser 47 Punkte umfassende Pakt die Zusammenarbeit in allen Bereichen – insbesondere in Wirtschaft, Energie und Militär, aber auch bei der geheimdienstlichen Kooperation – vertiefen soll. Putin erklärte, das Abkommen werde der Zusammenarbeit neue Impulse verleihen. Während die iranische Seite klarstellte, dass es keine gegenseitige Beistandsklausel gibt, da der Iran für seine eigene Sicherheit sorge.
Gerade in den ersten zwei Jahren nach Russlands Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 war Moskaus Militär stark auf Lieferungen iranischer „Schahed“-Kampfdrohnen angewiesen. Inzwischen wurden sie in Russland in „Geran“ umgetauft und werden im dort selbst hergestellt. In Syrien unterstützte der Kreml den Diktator Baschar al-Assad bis zu dessen Flucht Anfang Dezember 2024 nach Moskau durch seine Luftwaffe. Die schoss den Weg in Rebellengebieten frei für Irans Al-Quds-Brigaden, den Auslandstruppen der berüchtigten iranischen Revolutionsgarden, die am Boden Massaker durchführten.
Irans bisher einziges Atomkraftwerk Buschehr im Süden des Landes wurde vom russischen Atomkonzern Rosatom 1995 fertiggestellt –nachdem Siemens und AEG den Bau nach der Islamischen Revolution 1979 eingestellt hatten. Vier neue Reaktorblöcke hatten Russland und Iran im September 2025 vereinbart – für 25 Milliarden Dollar.
Indien und China wollen wieder mehr russisches Öl
Teheran und Moskau sind auch Mitglieder der Shanghai Cooperation Organization, eines autokratischen, von China geführten Sicherheitsbündnisses, das laut Statut auch demokratische Umbrüche verhindern, wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Zusammenarbeit fördern soll.
Doch beim Werben um den großen Partner China wurden Russland und Iran auch immer wieder zu Rivalinnen: Peking versucht durch seine Transportkorridore im Rahmen der neuen „Seidenstraße“, Zentralasien und Iran, die von Russland umworben werden, direkt anzubinden. Im vorigen Mai wurde die erste Fracht-Eisenbahnlinie vom chinesischen Xian ins Gebiet Teheran eröffnet.
China kauft auch 90 Prozent der iranischen Ölexporte auf, die weitgehend unter Sanktionen stehen. Zuletzt haben sich iranische und russische Produzenten ein Unterbietungsrennen geliefert, um ihr Öl an China zu verkaufen. Denn wegen der scharfen US-Sanktionen nahm vor allem Indien deutlich weniger russisches Rohöl ab.
Durch die faktische Durchfahrsperre der Straße von Hormus im Persischen Golf vor Irans Küste, durch die gewöhnlich gut ein Fünftel der weltweiten Ölförderung auf Tankern transportiert wird, dreht sich die Lage: Nun wollen Indien und China die im Indischen Ozean dümpelnden Tanker mit russischem Öl in ihre Raffinerien lenken.
Ein Fall Irans wäre schlecht für Russland
„Kurzfristig gesehen werden die Folgen für uns erfreulich sein. Denn aufgrund dieses Konflikts steigen die Ölpreise“, meint der Duma-Abgeordnete Anatolij Wasserman. Russlands Ölexporte brächten nun wieder „einen beträchtlichen Betrag ein“. Allerdings haben EU-Sanktionen den Preis für russisches Öl, das mit Tankern unter westlicher Rechtsordnung transportiert werden darf, auf 47 Dollar pro Barrel gedeckelt. Aktuell ist der Ölpreis auf 81 Dollar gestiegen, aber Russland bekam zuletzt von China gerade noch um die 40 Dollar.
Zudem warnt Wasserman wie andere russische ExpertInnen vor einer Schwächung der geopolitischen Rolle Russlands. Moskau verliert mit Syrien, der US-Festnahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro und einem möglichen Fall Irans wichtige Partner. „Von Großmächten, die der Brics angehören, wird erwartet, dass sie auch ihre Machtfähigkeiten unter Beweis stellen“, so der russische Abgeordnete.
„Russland kann seinen Partner nicht schützen, was Reputationsverlust und Imageschaden bedeutet“, konstatiert auch Sabine Fischer, Russland-Expertin der deutschen Stiftung Wissenschaft und Politik. Moskaus Einfluss „in der Region und auf die Entwicklungen ist minimal, und das ist für alle Welt sichtbar“. Die Lage in Iran sei „nicht besonders zuträglich für das Image, das Moskau sich zu geben versucht als Großmacht, die fähig ist zu Machtprojektionen auch in anderen Erdteilen“. Dazu habe der Kreml nicht die Fähigkeiten und Mittel.
Allerdings lenke der Irankrieg von der Ukraine ab. Moskauer Militärblogger jubeln, dass Israel große Mengen Patriot-Raketen zum Abfangen iranischer Raketen einsetze. Entsprechend weniger amerikanische Flugabwehrraketen könne Europa für die Ukraine kaufen. Das nütze dem Kreml in seinem Ukrainekrieg.
Sollte Iran am Ende der „Löwen-Operation“ unter westliche Kontrolle geraten und die Ölsanktionen gegen Iran aufgehoben werden, würde dies laut Ölmarkt-ExpertInnen langfristig einen Abwärtsdruck auf die russischen Öl- und Gaseinnahmen ausüben.
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