Ballsport und Weltordnung: Regelbasierter Fußball war gestern
Fußball war ein utopischer Ort für mich – bis Donald Trump wegen einer Roten Karte bei Gianni Infantino anrief.
Foto: Martin Meissner/ap
V iele Spiele habe ich nicht gesehen bei dieser Fußball-WM. Aber wenn ich auf meinem Sofa lag oder mit Freunden WM schaute, erfüllte mich eine selige Ruhe. Darüber nachgedacht habe ich nicht, es fiel mir noch nicht einmal auf – bis Donald Trump bei Gianni Infantino anrief, um was zu klären: die Rote Karte für Folarin Balogun, die wenig später aufgehoben wurde. Infantino behauptete, die Fifa-Ethikkommission habe die Entscheidung unabhängig getroffen. Geglaubt hat ihm das wohl kaum jemand. Der US-Präsident dankte dem Fifa-Chef öffentlich für dessen „großartige, großartige, großartige Entscheidung“.
Aber erst als ich erfuhr, dass die Fifa ihre eigenen Regeln brach und zum Finale eine Halftime-Show inszenierte, die länger als die 15 Minuten war, die das Reglement festlegt, ging mir ein Licht auf: Warum regen uns Infantino und die korrupte Fifa so auf? Weil internationale Fußballwettbewerbe große Sublimationsleistungen sind. Statt Krieg miteinander zu führen, treten die Teams der Nationen gegeneinander an. Wenn englische Fans bei einem Spiel gegen Deutschland ihr Lied von den „ten German bombers“ anstimmen, die einer nach dem anderen von der Royal Air Force vom Himmel geholt werden, wird der Krieg in die sportliche Form des Schmähgesangs überführt. Auf dem Platz selbst herrschen Regeln, Schiedsrichter wachen darüber, dass sie eingehalten werden. Über ihre Entscheidungen wird oft gestritten, aber alle respektieren sie.
Fußball war daher immer schon ein utopischer Ort. Sein Licht strahlte aber noch heller, als korrupte Regime und Imperialisten aller Couleur begannen, die regelbasierte Weltordnung anzugreifen und sie nicht einmal mehr pro forma zu respektieren.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Selbst angesichts der Kumpanei der Fifa mit autoritären Herrschern konnte man sich noch bis zu dieser WM einbilden, dass auf dem Platz Regeln gelten. Man konnte hoffen, dass sich die internationale Staatengemeinschaft ein Beispiel am Fußball nimmt. Das ist vorbei. Gianni Infantino hat diese Hoffnung endgültig zunichtegemacht.
Dass Trump laut Medienberichten nun beabsichtigt, Infantino als Nachfolger von UN-Generalsekretär António Guterres ins Spiel zu bringen, passt wie die Faust aufs Auge. Denn Fifa und UNO haben eins gemeinsam: Angesichts ihrer vielfältigen Skandale mag man nicht mehr recht daran glauben, dass bei ihnen Recht und Fairness über politischer Opportunität stehen. Trump und Infantino wurden ausgepfiffen, als sie auf den Rasen traten. Das immerhin lese ich als gutes Omen. Die Leute lieben solche Regelbrecher nicht.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert