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Autorin über Frauen in der Lebensmitte„Das Gefühl der Überforderung ist sehr präsent“

33 Frauen zwischen 40 und 50 kommen in Lina Muzurs Buch „Frauenprobleme“ zu Wort. Sie stehen unter Dauerstress und müssen mit dem Altern klarkommen.

Ganz normale Vierfach-Belastung: Mutter mit Kindern beim Frühstück Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Interview von

Petra Schellen

taz: Frau Muzur, warum ist die Spanne zwischen 40 und 55 Jahren für Frauen so brisant?

Lina Muzur: Es ist es eine herausfordernde Zeit, die Mitte des Lebens. Eine Zeit, in der man sich fragt: „Was habe ich bisher geschafft?“ Bei Frauen setzt außerdem die Menopause ein. Gleichzeitig werden viele spät Mütter und haben in dieser Phase kleine Kinder. Es ist eine Zeit, in der alles parallel passiert: Eltern werden älter, die Kinder sind noch nicht aus dem Haus, und die Frauen müssen mit dem eigenen Altern klarkommen.

taz: Wie ihre Mütter auch. Was ist anders?

Muzur: Ich habe den Eindruck, dass diese Generation, zu der ich selbst gehöre, es besonders schwer hat. Die meisten sind mit dem Versprechen groß geworden, dass man alles unter einen Hut kriegen kann: Familie, Karriere, eine erfüllte Partnerschaft, funktionierende Freundschaften. Immer mehr Frauen scheitern an diesem perfektionistischen Anspruch. Sie merken, dass sie sich dabei verlieren. Das Gefühl der Überforderung ist sehr präsent.

Bild: Christian Werner
Im Interview: Lina Muzur

Jahrgang 1980, ist seit 2019 Verlagsleiterin von Hanser Berlin. Von 2016 bis 2025 gehörte sie zum Redaktionskollektiv 10nach8 bei Zeit Online. 2018 hat sie den Band „Sagte sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht“ mit herausgegeben.

taz: Warum glauben Frauen an dieses Versprechen?

Muzur: Ich selbst habe auch daran geglaubt, glaube immer noch ein bisschen daran. Denn es ist doch Teil der Emanzipation, dass im Berufsleben Gleichberechtigung gelebt wird. Aber eben nicht unbedingt in der Kleinfamilie. Natürlich versuchen viele Familien ein 50-50-Muster bei Haushalt und Care-Arbeit einzuführen. Gleichzeitig ist es der totale Betrug, weil die psychische Belastung, im Haushalt alles organisieren, an alles denken zu müssen – der Mental Load – letztlich bei den Frauen bleibt. Die Belastung der Frauen ist de facto unendlich viel größer.

taz: Warum ist das im Jahr 2026 noch so?

Muzur: Weil es in unserer Gesellschaft und in den Strukturen verankert ist. Und wenn man Kinder bekommt, eine Familie gründet – auch wenn man vorher denkt, dass Geschlechterunterschiede keine Unterschiede spielen – merkt man, wie weit wir von Gleichberechtigung entfernt sind.

Die Lesung

Lina Muzur im Gespräch mit der Autorin Karen Köhler: 8.3., 16 Uhr, Hamburg, Hotel Wedina, Gurlittstraße 23. Eintritt 15 Euro. Anmeldung erbeten unter lesung@lit-hamburg.de

Das Buch: Lina Muzur (Hg): „Frauenprobleme. 33 neue Nachrichten“: Hanser 2026, 224 Seiten, 22 Euro. E-Book 22 Euro.

taz: Trotzdem setzen sich Frauen im Privaten oft nicht durch.

Muzur: Es ist auch meine Beobachtung, dass viele Frauen sich ergeben, weil sie sich fragen: „Welchen Kampf will ich führen? Ich habe kleine Kinder, bin aus Schlafmangel total am Limit. Will ich dann noch mit meinem Mann darüber streiten, wer die Windel wechselt – oder mach’ ich es einfach?“ Diesen Kampf zu führen, erfordert so viel Kraft, dass viele resignieren. Das ist zwar verständlich, aber ohne diesen Kampf kann es wohl keine echte Veränderung geben.

taz: In Ihrem Buch „Frauenprobleme“ kommen auch Kinderlose zu Wort. Was bewegt sie?

Muzur: Alle – auch die Mütter – sagen, dass Freundschaften mit zunehmendem Alter wichtiger werden, dass sie mehr Zeit mit ihren Freundinnen verbringen möchten. Andere fragen sich ganz grundsätzlich, wie sie leben möchten, welche Rolle Geld und Sicherheit für sie spielen.

taz: Geht es auch ums Altern?

Muzur: Ja. Eine 40-Jährige im Buch sagt: „Ich bin in der Mitte des Lebens, habe die Hälfte noch vor mir.“ Aber man weiß ja nicht, wie viel Zeit wirklich bleibt. Dadurch fühlt man sich in Bedrängnis. Es geht ja auch um das Selbstbild: Wie gehe ich damit um, dass ich weniger attraktiv, weniger sichtbar werde? Dazu kommt die Menopause, mit der ja auch symbolisch etwas zu Ende geht: Ich nehme am Reproduktionsprozess nicht mehr teil.

taz: Eine Frau im Buch sagt, die Menopause habe sie „kalt erwischt“. Hat sie ihrer Mutter nicht geglaubt?

Muzur: Viele Mütter haben früher nicht darüber gesprochen, und die öffentliche Debatte gibt es erst seit kurzem. Dass es einen kalt erwischt, hat sicher auch mit Verdrängung zu tun, dass man denkt: Ich bin noch nicht so weit.

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