Ausnahmespieler Florian Wirtz: Zwei Tore, vier Gemälde
Im Schweizer „Joggeli“ macht Florian Wirtz ein außergewöhnlich gutes Spiel, kredenzt Tore und Vorlagen und stiftet damit viel Hoffnung für die WM.
Als sich die deutsche Nationalmannschaft in ihren neuen Farben vor dem mitgereisten Anhang im St. Jakob-Park bedankte, drängte es Florian Wirtz, 22, nicht in den Mittelpunkt. Der Kreativdirektor der diesmal tiefblau-türkisfarben angetretenen DFB-Auswahl hielt sich eingerahmt von Ergänzungsspieler Pascal Groß und Debütant Lennart Karl am Rand auf.
Fast schüchtern hob er nach dem Torspektakel gegen die Schweiz (4:3) in dieser kühlen Nacht die Arme, während ihn alsbald erste Augenzeugen in den Himmel hoben. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus verpasste ihm als RTL-Experte „einen Stern hinter der Eins“ – und Bundestrainer Julian Nagelsmann wollte da nicht widersprechen. Die Gala von Basel sei „außergewöhnlich“ gewesen.
Der erste Sieg gegen die effizienten Eidgenossen nach 18 Jahren ging weitgehend auf sein Konto. Sein 38. Länderspiel sei „wahrscheinlich“ sein bislang bestes gewesen, gab der Ausnahmespieler vom FC Liverpool zu. „In den wichtigen Momenten muss es klappen – heute war es da.“
Der Schweizer Kapitän Granit Xhaka, wie Wirtz ein Baustein der Meisterelf von Bayer Leverkusen 2024, hielt fest: „Ganz Deutschland kann froh sein, so einen Spieler zu haben.“ Zwei großartige Vorlagen und zwei grandiose Volltreffer hatten wie Gemälde ausgesehen – das kulturbewusste Publikum im Dreiländereck reagierte mit anerkennendem Raunen in dieser traditionsreichen Spielstätte.
Kunstschuss zum 3:2
Genau auf jener Seite, in der am 19. Juli 2025 die deutsche Nationaltorhüterin Ann-Katrin Berger bei der Frauen-EM eine Parade für die Ewigkeit hinlegte, zirkelte Wirtz die Kugel vom Strafraumeck zu einem der schönsten Länderspieltore der Geschichte unter die Latte. War der Kunstschuss zum 3:2 überhaupt nach einer schnell ausgeführten Ecke detailliert so geplant?
„Es war ein bisschen gewollt. Ich würde aber lügen, wenn ich sage, dass ich den genau dahin schießen wollte“, gab der Torschütze zu, der vor der Pause bereits die Tore von Jonathan Tah und Serge Gnabry präzise aufgelegt hatte. Erst per Flanke, dann per Schnittstellenpass. Zur ständigen Präsenz kamen geniale Konstruktionen, die der gebürtige Kölner meisterhaft aus dem Fußgelenk schüttelte.
Wie sein 4:3 fast aus dem Stand, um die Schweizer Kuhglocken zum Verstummen zu bringen. „Den wollte ich dahin schießen“, erläuterte Wirtz fröhlich grinsend. Die Defensivschwächen lächelte er derweil locker weg. „Man merkt ein bisschen, dass wir lange nicht miteinander gespielt haben.“ Solange man ein Tor mehr schieße als der Gegner, sei doch alles in Ordnung.
Ansonsten wollte Wirtz nicht zu weit nach vorne blicken. Mit dem FC Liverpool warte noch eine „heiße Saisonphase“, erst danach werde die WM wirklich sein Thema. Aber klar sei: „Man will ins Finale. Wir müssen uns vor keinem verstecken.“ Seine blitzgescheiten Ideen und sein enormer Aktionsradius tun der DFB-Elf vor allem deshalb gut, weil mit Jamal Musiala der zweite Zauberfuß aus der Heim-EM einfach nicht in Tritt kommt.
Auf dem Weg zum Weltfußballer?
Erst in Basel hatte der Bundestrainer deutliche Sorge geäußert, dass die schwere Verletzung aus der Klub-WM immer noch nachwirkt: „Er hat nicht mehr so viel Zeit. Ich will ihm nur die Daumen drücken, dass da nichts mehr passiert.“ Eines ist auch klar: Wenn es beim nächsten Großereignis übers Achtelfinale mit einem möglichen Gegner wie Frankreich hinausgehen soll, braucht es am besten beide Unterschiedsspieler in Topform. Insofern beruhigend, wie spiel-, einsatz- und lauffreudig sich Wirtz präsentierte.
Natürlich kam ihm entgegen, dass sich viel mehr Räume öffneten als im Alltag der Premier League. Zu den Anpassungsproblemen in England holte Nagelsmann etwas weiter aus. Er habe den Stareinkauf der „Reds“ nie wirklich schlecht gesehen, aber die Umgewöhnung sei eben „nicht leicht“ gewesen; auch weil der Ballkünstler derart „harten Gegenwind“ bis dahin kaum kannte.
„Das beschäftigt einen jungen Menschen“, so Nagelsmann. Wirtz habe in dieser Zeit immer wieder das Gespräch gesucht: „Er hat sich extrem geöffnet: Wir haben viel enger zueinander gefunden.“
Am Limit sei der Edeltechniker noch längst nicht. „Er ist im Weltfußball ein Name. Und wenn er sich das beibehält, dann wird er über ganz, ganz lange Zeit ganz oben stehen bei allen Klubs. Weil er einfach unfassbar gut ist, engagiert und immer mit der nötigen Power“, befand der Bundestrainer. Gegen eines hätte er gewiss nichts: wenn Florian Wirtz bis zur auf allen Ebenen herausfordernden WM diese Form konserviert.
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