Aus Le Monde diplomatique: Das Haselnuss-Imperium

Der weltweit drittgrößte Süßwarenhersteller Ferrero will noch größer werden. Die Kleinbauern und die Umwelt haben dabei das Nachsehen.

Man sieht eine Nahaufnahme einer Portion Haselnusscreme auf einem Messer vor schwarzem Hintergrund.

10,7 Milliarden Euro Umsatz macht das italienische Familienunternehmen Ferrero heute Foto: sipa/Pixabay

Noch bevor man eintritt, riecht man es. Eine Mischung aus Kakao und gerösteten Haselnüssen, die Kindheitserinnerungen weckt. Auf einem Fließband werden kleine Waffelkugeln mit Schokocreme befüllt, auf einem zweiten sind sie mit ganzen Haselnüssen bestückt. Der Prozess ist vollständig automatisiert, doch in jeder Phase kontrollieren zwei Arbeiter, ob die Nüsse die richtige Größe haben, und passen auf, dass die Schokocreme nicht überläuft. Dann werden die Kugeln mit zwei Lagen Kuvertüre aus flüssiger Schokolade und Nussstreuseln überzogen und zum Schluss in Goldpapier gewickelt – fertig sind die Ferrero Rocher.

Die Fabrik liegt ganz in der Nähe des Zen­trums von Alba, dem piemontesischen Städtchen, in dem vor über 60 Jahren die Geschichte des Familienbetriebs begann, dessen Produkte die ganze Welt erobern sollten. 10,7 Milliarden Euro Umsatz macht Ferrero heute, aufgeteilt in 94 Ge­sellschaften mit 25 Fabriken auf fünf Kontinenten.

Die Ferrero-Story kann als Symbol und Paradigma gelten für den Kapitalismus made in Italy – eine Mischung aus Erfindergeist und Handwerkskunst, Wachstumstalent und Veredelung des Produkts. Der Gründervater Pietro Ferrero war Konditor in Alba. Mitten im Krieg kam er auf die Idee, die Haselnüsse der piemontesischen Landschaft Langhe als Ersatz für die immer teurer und schwieriger zu beschaffende Schokolade zu verwenden. Er entwickelte eine Masse aus Kakao in Pulverform, Kokosöl und Haselnüssen, die er als Tafeln unter dem Namen Giandujot vermarktete.

Das Produkt ließ sich schneiden und aufs Brot legen, und als die Nachfrage in die Höhe schnellte, kurbelte Ferrero die Produktion an und industrialisierte zusammen mit seinem Bruder Giovanni den Handwerksbetrieb. Ab 1952 wurde die Creme in Gläser gefüllt und unter dem Namen „Supercrema“ vermarktet. Es war die Geburt eines Massenprodukts, das Pietros Sohn Michele 1964 Nutella tauft und damit etwas erschafft, das zum Synonym für streichbare Schokocreme überhaupt werden wird.

Generationenwechsel an der Spitze

Michele Ferrero übernimmt im Alter von 32 Jahren die Leitung und bringt die Firma nochmals rasant voran. Es entstehen neue Produkte – 1956 Mon Chéri, 1969 Tic Tac, 1974 Kinder-Überraschung, 1982 die goldenen Ferrero Rocher – und neue Absatzmärkte: Zuerst Deutschland, dann Frankreich, Irland, Großbritannien – bis es schließlich nach Übersee geht, in die USA und alle wichtigen Länder außerhalb Europas.

Während sich der Umsatz vervielfacht, hält man sich noch an die alten Regeln: Keine Schulden machen, Wachstum nur mit kalkulierbarem Risiko und enger Kontakt zur Heimatregion. Hauptproduktionsort bleibt Alba, auch wenn die Zentrale ins Steuerparadies Luxemburg verlegt wird.

Michele Ferrero arbeitet unermüdlich und wird dafür von den Beschäftigten respektiert. Sie profitieren von Zuschüssen im Gesundheitsbereich und kostenlosen Kitas für ihren Nachwuchs. Als Michele 2015 stirbt, ehrt die Stadt Alba ihn mit der Umbenennung eines zentralen Platzes. Den Betrieb übernimmt sein Sohn Giovanni.

Der neue Chef gibt sich jovial, ist aber angriffslustig. Er glaubt, dass man immer weiter wachsen muss, um auf dem Weltmarkt mithalten zu können. Und so beginnt er einzukaufen: 2015 übernimmt Ferrero für 112 Millionen Pfund (157 Millionen Euro) den britischen Schokoladenhersteller Thorntons. Wenige Monate später ist das Süßwarengeschäft von Nestlé in den USA an der Reihe, für 2,8 Milliarden Dollar (2,3 Milliarden Euro), im Sommer 2019 dann die Kekssparte von Kellogg’s für 1,3 Milliarden Dollar. Ebenfalls 2019 wird der spanische Eiscremehersteller Comaker für rund 100 Millionen Euro übernommen.

Nutella als „glokales“ Produkt

Während viele uritalienische Marken von ausländischen Firmen geschluckt werden, geht Ferrero den umgekehrten Weg. Ferrero aus Alba ist heute ein Multi und der drittgrößte Süßwarenhersteller der Welt. Geht es nach Chef Giovanni Ferrero, dem reichsten Mann Italiens, dessen Vermögen das Forbes-Magazin auf 22 Milliarden US-Dollar schätzt, soll das Unternehmen noch weiter wachsen.

Sieht man sich die Zukäufe an, dann fällt auf, dass sich Ferrero in einem Geschäftsfeld engagiert, das nicht gerade als zukunftsträchtig gilt, nämlich dem der zuckerreichen Lebensmittel. Aber die Firma setzt darauf, dass sie mit Nutella und Dutzenden anderer Produkte weiterhin Erfolg hat. Jedes Jahr werden weltweit 350 000 Tonnen Nutella produziert. Jeder kennt die Creme, in 170 Ländern wird sie verkauft, Deutschland ist der größte Absatzmarkt, gefolgt von Frankreich, Italien und anderen europäischen Ländern.

Heutzutage würde man ein Produkt wie Nutella als „glokal“ bezeichnen: Die Hauptproduktionsstätte liegt in Alba, doch die Rohstoffe kommen aus aller Herren Länder: Palmöl aus Indonesien und Malaysia, Kakao aus Westafrika und Ecuador, europäischer Rübenzucker und Rohrzucker aus Südamerika. Und dann natürlich die Haselnüsse. Der Bedarf ist gigantisch. „Wir nutzen Nüsse aus ganz unterschiedlichen Regionen“, erzählt CEO Marco Gonçalves von der Ferrero Hazelnut Company. „Wir wollen die Bezugsquellen zwar diversifizieren, aber unser größter Markt bleibt die Türkei.“

„Ferrero ist der Tod der Haselnuss!“

Mit 70 Prozent Anteil an der globalen Produktion ist die Türkei Weltmarktführer. Von den Toren Istanbuls bis zur georgischen Grenze dominieren die Haselnusssträucher entlang der Schwarzmeerküste die Landschaft. Es sind zumeist Kleinbauern, die die insgesamt 700 000 Hektar bewirtschaften. Sie verkaufen an Zwischenhändler, die die Ware dann an die Exportfirmen und die verarbeitende Industrie weiterverkaufen.

In Ordu und Giresun, zwei Städtchen am Schwarzen Meer, ist die Haselnuss Königin. Überall sieht man Bilder der fındık, wie die Nuss auf Türkisch heißt. Man verkauft sie geröstet, gemahlen für Süßspeisen oder als Paste für Eiscreme. Es gibt viele Kunden, aber einer sticht sie alle aus: Ferrero. Ohne die türkischen Früchte hätte die Firma Probleme, ihre Produktion am Laufen zu halten.

Kürzlich besiegelt durch die Städtepartnerschaft zwischen Alba und Giresun, wirkt das Verhältnis des italienischen Konzerns und der Schwarzmeerregion wie eine Vernunftehe. Ferrero nimmt den Türken etwa ein Drittel ihrer Produktion ab. Die Kleinbauern können nicht mehr auf den piemontesischen Partner verzichten. Doch in letzter Zeit kriselt es. „Ferrero ist der Tod der Haselnuss! Raus aus unserem Dorf! Nimm deine schmutzigen Hände weg von unseren Nüssen!“, stand eines Tages auf einer Mauer im Dorf Aydındere.

Weniger aggressiv, aber nicht minder deutlich sagen viele: Der italienische Multi beherrscht den Markt wie ein Monopolist. „Ferrero bestimmt die Preise, die Bauern müssen tun, was die Firma will“, sagt Rıfkı Karabulut, Vorsitzender des Verbands der Agraringenieure von Giresun, der die Erzeuger berät.

Dass der Konzern schon zu viel Macht hat und Ambitionen hegt, bald die gesamte Produktionskette unter seine Kontrolle zu bringen, ist unter den Bauern und in der weiterverarbeitenden Industrie in der Türkei unbestritten.

2014 hat Ferrero Oltan übernommen, mit mehr als 500 Millionen Dollar Umsatz türkischer Marktführer bei der Gewinnung, Verarbeitung und Vermarktung von Haselnüssen. Oltan kontrolliert heute zwischen 20 und 30 Prozent des Welthandels mit Haselnüssen.

Die EU-Kommission hat die Übernahme abgesegnet, von einer marktbeherrschenden Posi­tion Ferreros sei nicht auszugehen. Dabei hat sich Grundlegendes verändert: Ferrero ist jetzt nicht mehr ein – wenn auch bedeutender – Käufer unter vielen; der Konzern ist nun auch Haselnussverkäufer.

Die Liberalisierung der Branche

„Den Markt teilen eine Handvoll Firmen unter sich auf, die Konzentration nimmt weiter zu“, betont Dursun Oğuz Gürsoy, Vorsitzender des gleichnamigen Konzerns, der Haselnüsse und Haselnussprodukte an die Industrie und den Handel verkauft. In seiner Fabrik am Rand von Ordu sagt der Chef „mit 42 Jahren Erfahrung in der Branche“, heute gebe es nur noch fünf Großexporteure. „Vor 20 Jahren waren es 55. Ferrero bestimmt die Preise und kann Konkurrenten aus dem Markt drängen. Das Problem ist, dass der Staat den Markt nicht mehr reguliert.“

Wenn schon die türkischen Industriellen Schwierigkeiten haben, gegen den Giganten Ferrero anzukommen, wie geht es dann erst den Kleinbauern? Nurettin Karan sitzt in Giresun der Landwirtschaftskammer vor, die in jeder türkischen Provinz die Interessen der Hersteller vertritt. In seinem Büro hängt das unvermeidliche Foto von Staatsgründer Atatürk an der Wand, auf dem Regal stehen verschiedene, mit geschälten Haselnüssen gefüllte Gläser.

Karan, der uns in einem eleganten dunklen Anzug empfängt, erklärt: „Die Grundstücke sind zu klein, die Hersteller werden immer älter, Dünger und Pflanzenschutzmittel immer teurer. Aber der Hauptgrund für die derzeitige Krise ist die Privatisierung, die nur einige Akteure begünstigt und die anderen in die Knie gezwungen hat.“

Was Karan meint, ist die von der Weltbank geforderte und von der Regierung Recep Tay­yip Erdoğans umgesetzte Liberalisierung der Branche. Bis ins Jahr 2000 wurde die Ernte von einer halbstaatlichen Gesellschaft aufgekauft, der Fiskobirlik, die sie dann auf dem Markt anbot. 1938 gegründet, versammelte die Fiskobirlik 210 000 Erzeuger. „Die größte Bauern­union der Welt“, sagt Karan. Die Fiskobirlik zahlte den Produzenten einen garantierten Preis in Abstimmung mit den Herstellungskosten und dem durchschnittlichen Ernteertrag.

Verlust des kollektiven Rituals

Die Schuldenkrise, die Abwertung der türkischen Lira und die zunehmend schwindenden Ressourcen haben die Regierung dazu veranlasst, das System umzumodeln und Fiskobirliks Funktion herunterzuschrauben.

Aus einer subven­tio­nier­ten halbstaatlichen Institution wurde ein privater Akteur, der für die Erzeuger kein Referenzpunkt mehr ist: Sie verkaufen nun an eine Vielzahl von Zwischenhändlern, die nicht die kritische Masse aufbringen können, um gute Preise für die Waren zu erzielen – und das, obwohl die türkischen Haselnussbauern 70 Prozent der weltweiten Produktion erzeugen.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe von Le Monde diplomatique. LMd liegt immer am zweiten Freitag des Monats der taz bei und ist einzeln im taz-Shop bestellbar: Gedruckt oder digital (inklusive Audio-Version). Das komplette Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe finden Sie unter www.monde-diplomatique.de.

In dieses Vakuum hat Ferrero sich platziert und diktiert nun seine Regeln: „Fiskobirlik hat aus den Kleinbauern eine Einheit geschmiedet“, sagt Karan. „Jetzt bestimmt der Markt die Preise; und langsam, aber unaufhaltsam zerbröselt eine einst gewinnbringende Branche, von der eine ganze Region gut gelebt hat.“

Alaaddin Yilmazer kann sich noch gut an die Sommertage erinnern, als er auf den Feldern seiner Familie Nüsse erntete. „Zusammen mit unseren Nachbarn haben wir ganze Säcke gefüllt, es hat Spaß gemacht. Die ganze Gemeinde war auf den Beinen bei diesem kollektiven Ritual.“

Rund um das Dorf Çoteli, eine Autostunde von Giresun entfernt, stehen die zum Meer hin abfallenden Hügel voller Haselnusssträucher. Es ist wunderschön hier, die Sträucher tragen gerade Blüten, aus denen später die Früchte wachsen. Die gerade mal zwei Hektar ermöglichten es Yilmazers Eltern, ihn und seine zwei Brüder zum Studieren nach Istanbul zu schicken.

25 Jahre lang hatte er in der quirligen Metropole und im Ausland gelebt, bevor er mit 43 Jahren beschloss, noch mal neu anzufangen. Er ging zurück in die Heimat, um sich um seine alte Mutter zu kümmern, „ein weniger aufregendes Leben zu führen“ und wieder Landwirtschaft zu betreiben. „Heute komme ich mit den Nüssen aber nur über die Runden, weil ich Single bin und keine großen Ansprüche habe. Die Zeiten, wo das hier eine Goldgrube war, sind vorbei.“

„Es gibt Kinderarbeit, keine Frage“

Das Dorf ist nicht mehr, wie es war, die Jungen fehlen, die Ernte machen jetzt Saisonarbeiter. „Im Sommer kommen hier Zehntausende her, ganze Familien, zumeist Kurden aus dem Osten“, erzählt Yilmazer. Maschinen kann man auf dem abschüssigen Terrain nicht einsetzen. In Gruppen von 10 bis 15 Personen ziehen sie durch die Hügel und verdienen an einem 12-Stunden-Tag zwischen 65 und 85 Lira (10 bis 13 Euro). Der Lohn wird für jedes Dorf festgelegt und die Rekrutierung der Erntehelfer von Agenten übernommen.

Diese Agenten, dayıbaşı genannt, gehören schon lange zur türkischen Landwirtschaft. Seit Jahrzehnten organisieren sie den alljährlichen Zug der Erntearbeiter aus dem armen Osten in den wohlhabenderen Westen, sie sorgen für Unterkünfte – häufig in provisorischen Zelten am Rande der Felder – und behalten dafür einen Teil des Lohns ein. International wird diese Praxis kritisiert, weshalb sich die Regierung bemüht, die Sache administrativ in den Griff zu bekommen.

Die dayıbaşı müssen sich mittlerweile regis­trie­ren lassen. Von staatlicher Seite werden Unterkünfte gestellt, und die Beschäftigung von unter 16-Jährigen ist verboten worden. „Es ist besser geworden in den letzten Jahren, aber noch immer sieht man Kinder zwischen den Bäumen“, sagt Yilmazer.

Bei Ferrero bestreitet man nicht, dass es Probleme gibt in der Türkei: „Es gibt Kinderarbeit, keine Frage“, sagt Gonçalves. „Wir arbeiten mit verschiedenen Organisationen wie der Internationalen Arbeitsorganisation zusammen und suchen sehr ernsthaft nach einer längerfristigen Lösung.“

Bis 2020 hat sich Ferrero zum Ziel gesetzt, seine Lieferkette vollständig offenzulegen. Außerdem soll den Erzeugern mit technischem Support geholfen werden, die Erträge zu steigern. Aber auch hier gibt es Skepsis, ob der Konzern nicht einfach die Produktion direkt kontrollieren, das Land kaufen oder eine Art contract farming etablieren möchte. Die Bauern würden sich in Subunternehmer verwandeln, die Autonomie wäre dahin.

Gonçalves bestreitet diesen Vorwurf, aber er weiß um den Ruf, den Ferrero in der Türkei inzwischen hat. Es ist kein Zufall, dass die Diversifikation der Anbau- und Bezugsgebiete vorangetrieben wird. In Chile hat der Konzern 4000 Hektar gekauft, die er selbst bewirtschaftet. Auch in Südafrika, Georgien und Serbien ist man aktiv geworden.

Monokultur mit dramatischen Folgen

In Italien, dem weltweit zweitgrößten Anbaugebiet für Haselnüsse, hat man die Initiative Nocciola Italia lanciert, um die aktuelle Anbaufläche von 70 000 Hektar auf mindestens 90 000 auszudehnen. Dabei soll die Frucht auch in Regionen kultiviert werden, in denen sie bisher untypisch ist wie in Molise, Umbrien, der Toskana oder den Abruzzen.

Das mittelitalienische Viterbo ist mit 22 000 Hektar die Provinz mit der größten Anbaufläche für Haselnüsse. In den 1950er Jahren begann der intensive Anbau, der sich dann in den 1980er Jahren steigerte, als die industrielle Nachfrage anzog. Hier bringt der Hektar zwei- bis dreimal so viel Ertrag wie in der Türkei, zwischen 200 bis 300 Kilo. Zudem kann hier mit Maschinen geerntet werden. Ein neu gepflanzter Hektar kann nach fünf Jahren 5000 Euro Gewinn bringen. Eine be­trächtliche Summe in der italienischen Landwirtschaft.

Bis 2025 möchte Ferrero hier noch einmal 10 000 Hektar zupflanzen. Famiano Crucianelli gefällt das nicht. „Dieses Projekt gefährdet die Biodiversität und führt zu einer radikalen Veränderung des Landschaftsbilds“, sagt der Vorsitzenden des lokalen bio-distretto, eines Ortsverbands des International Network of Eco Regions. „Die Haselnuss ist eine große Ressource für diese Gegend, aber sie muss mit Respekt für die Umwelt angebaut werden. Hier wird exzessiv Chemie eingesetzt und eine Kulturlandschaft in eine Monokultur verwandelt.“

Doch über solche Aussagen besteht keine Einigkeit in Viterbo. Die örtlichen Erzeuger und ihre Verbände sagen, es handle sich um eine romantische Sicht auf die Landwirtschaft. „Um keine Frucht muss man sich so wenig kümmern wie um die Haselnuss“, sagt Pompeo Mascagna von Assofrutti, dem größten Erzeugerverband der Region, der mit Ferrero einen langjährigen Vertrag abgeschlossen hat: 75 Prozent der Ernte gehen an die Firma im Piemont. „In der Provinz Viterbo wachsen auf weniger als 9 Prozent der Gesamtanbaufläche Haselnusssträucher. Das ist doch absurd, da von einer Monokultur zu sprechen. Sicher, in einigen Gegenden, rund um den Lago di Vico etwa, ist die Konzentration dann schon höher.“

Diese Monokultur rund um den See hat dramatische Folgen, erklärt Giuseppe Nascetti, Dekan der Fakultät für Ökologie und Biologie der Università della Tuscia in Viterbo. „Der See ist in einem komatösen Zustand. Die Produktionssteigerung der letzten Jahre hat zu einer starken Eutrophierung der Gewässer geführt, verursacht durch Phosphor und Stickstoff, die Bestandteile von Düngemitteln und Pestiziden sind.“

Keine Nüsse aus biologischem Anbau

Man müsse zusammenarbeiten, um Entwicklung und Umweltinteressen in Einklang zu bringen, ist sich Nascetti sicher. Das Dilemma scheint sich dabei derzeit überall in der Landwirtschaft zu wiederholen: Wie können die Erzeuger ihr Auskommen sichern, ohne dass die Natur zerstört wird? Famiano Crucianelli übt scharfe Kritik am Nutella-Produzenten: „Ferrero weigert sich, Nüsse aus biologischem Anbau zu kaufen. Sie wertschätzen das Produkt nicht, sondern folgen einer extraktiven Logik und setzen dabei ganz auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.“

Ferreros Firmenpolitik lässt keine Zweifel: Man kauft keine Nüsse aus biologischem Anbau, weil die Ware einen möglichst niedrigen Anteil an Bittergeschmack haben soll – und dafür müssen die Pflanzen zahlreichen Behandlungen unterworfen werden. „Uns geht es um hohe Qualitätsstandards, wir wollen das Beste für die Verbraucher“, sagt Gonçalves. Doch der Manager schließt nicht aus, dass man sich in Zukunft anders orien­tie­ren könne. „Für den Durchschnittsverbraucher bedeutet Qualität heute etwas anderes als früher. Wenn der Markt es hergibt, gehen wir auf jeden Fall mit.“

In einer Welt, in der die Konsumenten immer mehr Wert auf Umweltschutz und die gesundheitliche Verträglichkeit von Lebensmitteln legen, scheint Ferrero einen eigenen dritten Weg gewählt zu haben: So bemüht sich der Konzern zwar um eine größere Nachhaltigkeit und Transparenz in der Lieferkette, die Zutatenliste der Produkte bleibt jedoch unverändert – selbst wenn diese damit aktuellen Konsumtrends widerspricht. Eine Philosophie, die durch die neuen Aktivitäten der Gruppe auf beiden Seiten des Atlantiks bestätigt zu werden scheint.

Giovanni Ferrero bleibt jedenfalls optimistisch. Seine Familie, ist er überzeugt, hat einen Mythos geschaffen, der allen Wechselfällen der Gegenwart gewachsen ist. Während er weiter fröhlich auf Milliarden-Einkaufstour geht, scheint er den Skeptikern ins Ohr zu flüstern: Was wäre das für eine Welt, in der es kein Nutella gibt?

Aus dem Italienischen von Ambros Waibel

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