Aufklärung eines Mordes

Tod im Dschungelheim

Eine Frau verschwindet in Brandenburg. Ihr Skelett wird zwei Monate später gefunden. Haben die Behörden so lange gebraucht, weil sie keine Weiße war?

Ein rotweißes Absperrband hängt zwischen den Bäumen im Wald

Erst zwei Monate nach ihrem Verschwinden wird die junge Frau tot im Wald aufgefunden Foto: Sebastian Wells

BERLIN UND HOHENLEIPISCH taz | Es ist still in der Asylunterkunft Hohenleipisch. Nur wenige Menschen sind auf dem weitläufigen Gelände zwischen den ehemaligen Militärkasernen unterwegs. Kiefernkegel knacken unter den Füßen, es riecht nach Harz und warmem Boden. Zwei Männer sitzen auf einer Bank, ohne sich zu unterhalten. Obwohl es noch nicht Mittag ist, hat sich die Hitze schon ausgebreitet, die Hitze und die Stille. Und die Angst.

„Wir fürchten uns alle“, sagt eine junge Frau, die ihr kleines Kind auf dem Arm hält. Ihr Name solle nicht in der Zeitung stehen, sagt sie, so wie viele weitere Menschen, die in diesem Text vorkommen werden. „Wir wissen nicht, was passiert ist und ob es wieder passieren wird. Es war hier vorher schon schlimm, aber es ist alles noch viel schlimmer geworden, seit Rita weg ist.“

Rita Awour Ojungé verschwand am 7. April aus der Asylunterkunft Hohenleipisch. Die Unterkunft liegt mitten im Wald an einer wenig befahrenen Landstraße. Weil die 32-Jährige weder ihre beiden kleinen Kinder noch eine Tasche, persönliche Gegenstände, Kleidung oder ihre Bankkarte mitgenommen hatte, befürchteten ihre Freunde und Angehörigen sofort ein Verbrechen. Als die Polizei zum ersten Mal den Wald um die Unterkunft herum durchsucht, findet sie Überreste eines menschlichen Skeletts. Es ist das von Ojungé. Ihr Verschwinden ist zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als zwei Monate her.

Es dauert zwei Wochen, bis die gefundenen Skelettreste identifiziert sind. Ein Schädel, Knochen, Brandspuren. „Warum hat man sie erst so spät gefunden?“, fragt die junge Frau mit dem Kind auf dem Arm.

„Rita würde niemals ohne ihre Sachen wegfahren“

Knapp drei Kilometer sind es von der Unterkunft bis zum Bahnhof Hohenleipisch, wo alle zwei Stunden ein Zug die 150 Kilometer nach Berlin fährt. Wir sind im südlichsten Teil von Brandenburg.

Ein Mann joggt hier in der Morgensonne die steile Bahnhofstreppe hoch und runter, der Schweiß läuft ihm über das Gesicht. Hoch, durchatmen, runter, durchatmen, hoch. Auch dieser Mann will nicht, dass sein Name öffentlich wird, nennen wir ihn Jules Ngeko. Ngeko, ein großer, sportlicher Mann, war Ojungés Lebensgefährte seit 2012. Kennengelernt haben sie sich in der Erstaufnahmestelle Eisenhüttenstadt. Sie kam aus Kenia, er aus Kamerun, beide wollten in Deutschland bleiben. Sie wurden ein Paar, bekamen zwei Kinder, führten eine Fernbeziehung: Ojungé, deren Asylantrag abgelehnt wurde, blieb mit den Kindern in Hohenleipisch. Ngeko, der Aufenthalt bekam und arbeiten gehen durfte, zog nach Berlin.

Ngeko sagt, er habe Rita am 7. April angerufen, ein Sonntag, doch sie sei kurz angebunden gewesen, habe gestresst geklungen. Er solle in zehn Minuten wieder anrufen. Als er das versucht, wird der Anruf weggedrückt. Beim nächsten Versuch ist das Handy aus.

Ngeko sagt, er habe Rita am 7. April angerufen, ein Sonntag, doch sie sei kurz angebunden gewesen, habe gestresst geklungen. Er solle in zehn Minuten wieder anrufen. Als er das versucht, wird der Anruf weggedrückt. Beim nächsten Versuch ist ihr Handy aus

Ngeko versucht immer wieder, sie zu erreichen, am Sonntag, den ganzen Montag. Am Montag ruft jemand aus der Unterkunft an: Rita sei verschwunden, die Kinder habe sie zurückgelassen. Dienstagmorgen nimmt Ngeko den ersten Zug nach Hohenleipisch. Dort habe er seine beiden Kinder in der Obhut eines Mannes getroffen, den er kennt: der Zimmernachbar von Ojungé, ein Mann aus Nigeria. Rita sei nach Berlin gefahren, habe der ihm gesagt. Sie habe ihn gebeten, auf die Kinder aufzupassen. Ngeko habe ihm kein Wort geglaubt. „Ich wusste, dass Rita niemals ohne ihre Kinder und ihre Sachen wegfahren würde.“ Sein vierjähriger Sohn habe ihm erzählt, dass der Zimmernachbar Rita bedroht, geschlagen und weggeschleppt habe.

Ein Zimmernachbar mit „zwei Gesichtern“

Es ist nicht geklärt, wie Rita Ojungé verschwunden ist und wie sie getötet wurde. Die Ermittlungen dauern an. Auch dieser Artikel kann nur Puzzleteile zusammensetzen und muss dabei auf Schilderungen von Menschen zurückgreifen, bei denen nicht immer klar ist, wie verwickelt sie sind.

Eins dieser Puzzleteile: Was war Ojungé für ein Mensch? Eine Dame sei sie gewesen, sagt ihre ältere Schwester, die seit Jahren in Berlin wohnt. Sie habe auf ihr Äußeres geachtet. Nie wäre sie ohne Handtasche rausgegangen. Ihre Kinder seien ihr das Wichtigste gewesen. „Rita war immer sehr gut organisiert“, sagt die Schwester. Dieselbe Formulierung verwendet die junge Mutter aus dem Heim, die Ojungé als beste Freundin bezeichnet. Alle, die Ojungé kannten und mit denen die taz spricht, sind sich einig: Rita Ojungé wäre niemals einfach so verschwunden.

Am 9. April gibt Jules Ngeko eine Vermisstenanzeige bei der Polizei auf. Er sagt den Beamten, dass er glaubt, dass die Geschichte, Rita sei nach Berlin gefahren, nicht stimmen kann. Er sagt ihnen auch, dass er glaubt, Ritas Zimmernachbar, dem sie angeblich die Kinder übergeben hatte, könne etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben.

Ojungé und der Zimmernachbar haben eine Vorgeschichte, auch das erzählen ihre Freunde und Angehörigen übereinstimmend. „Er hatte zwei Gesichter“, sagt die Freundin aus dem Heim, nennen wir sie Angelina Wakaba. „Er war oft aggressiv, hat getobt, und dann hat er wieder geweint, um Entschuldigung gebettelt.“ Er sei Ojungé gegenüber immer wieder ausfallend geworden. Einmal, im letzten Herbst, sei er völlig ausgerastet, habe ihre Sachen durch die Gegend geworfen. Rita habe daraufhin der Heimleitung gesagt, sie könne nicht mehr mit ihren Kindern neben diesem Mann leben, er bedrohe sie immer wieder, müsse verlegt werden. „Die Heimleitung hat nichts gemacht, gar nichts“, sagt Wakaba. Auf eine taz-Anfrage antwortet der Betreiber des Heims, „aus datenschutzrechtlichen Gründen und auch im Hinblick auf die Ermittlungsarbeit der Polizei“ werde man keine „Aussagen zu Personen und eventuellen Beziehungen treffen“.

Unter einem Dach mit dem Verdächtigen

Jules Ngeko kann die beiden Kinder nicht einfach mit nach Berlin nehmen. Zu diesem Zeitpunkt hat er nur für eines von beiden das Sorgerecht. Wochenlang muss er mit den Kindern in der Unterkunft wohnen, mitten im Wald, da, wo der Mann lebt, den er und die Kinder verdächtigen, Rita Ojungé verschleppt, vielleicht sogar ermordet zu haben.

Eine Woche nachdem Ngeko die Vermisstenanzeige aufgegeben hat, durchsucht die Polizei das Gelände der Unterkunft, befragt einige Bewohner. Auch Ngeko wird erneut vernommen. Danach hört er nichts mehr von der Polizei. Polizisten tauchen bei Ojungés Schwester in Berlin auf, wollen wissen, ob Ojungé dort ist. Die Tage vergehen, Rita Ojungé bleibt verschwunden.

Ende April wendet sich Ngeko an die Opferperspektive, einen Brandenburger Verein in Potsdam, der Opfer rechter und rassistischer Gewalt berät. Die Geschichte, die er erzählt, passt eigentlich nicht zum Aufgabenprofil des Vereins. Doch der Fall klingt so dramatisch, dass der Verein ihn trotzdem annimmt.

Das Bild Rita Awour Ojungés auf einem Handy

Rita Awour Ojungé. Immer wieder versuchte ihr Mann, sie anzurufen – irgendwann war das Handy aus Foto: Sebastian Wells

Am nächsten Tag telefoniert der Vereinsmitarbeiter Hannes Püschel mit der zuständigen Polizeiinspektion und gibt weiter, was Ngeko ihm erzählt hat, darunter auch eine neue Information: Der Vierjährige habe mittlerweile auch erzählt, dass der Mann, der seine Mutter geschlagen habe, ihr das Handy weggenommen habe. Der Berater bittet darum, dass der Junge erneut vernommen wird, von einem psychologisch geschulten Beamten. Der Polizist sagt, er werde das selbst machen, er habe auch Kinder und wisse, wie man mit denen reden müsse.

Überlastung oder Rassismus?

Bei einem erneuten Anruf wird Püschel an die übergeordnete Polizeidirektion in Cottbus verwiesen, wo niemand zuständig sein will. Am 8. Mai, Ojungé ist über einen Monat verschwunden, bittet die Opferperspektive die Brandenburger Polizeiführung, die Ermittlungen zu intensivieren. Am Tag darauf bekommt Püschel ein Fax der Polizeiinspektion Elbe-Elster. „Im Fall des Verschwindens der Rita Ojungé ergaben sich bisher keine Hinweise auf das Vorliegen einer Straftat, demzufolge wird derzeit nicht wegen des Verdachtes einer Straftat ermittelt“, steht darin. Das Verfahren werde als Vermisstenvorgang geführt.

Am 10. Mai stellt die Opferperspektive Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Cottbus. Am 17. Mai wird bestätigt, dass der Fall nun ein Aktenzeichen habe. Weitere Nachfragen von Püschel bleiben unbeantwortet.

Dass die Ermittlungsbehörden im südlichen Brandenburg überlastet sind, ist ein offenes Geheimnis. 2015 thematisiert eine kleine Anfrage der CDU-Fraktion im Landtag die Überforderung der Staatsanwaltschaft Cottbus sowie der Polizeidirektion Süd. Mitte Mai wurden bei einem Doppelmord in der östlich von Cottbus gelegenen Stadt Forst zwei Menschen erschossen, bei denen es sich um Mitglieder einer montenegrischen Mafia gehandelt haben soll, es gibt auch Spekulationen, dass einer der Männer Informant des Bundeskriminalamts war. Es ist vorstellbar, dass so ein Fall viele Ressourcen der Ermittlungsbehörden bindet.

Bewohnerin des Dschungelheims

„Es war hier vorher schon schlimm, aber es ist alles noch viel schlimmer geworden, seit Rita weg ist“

Es ist aber auch vorstellbar, dass die Ermittlungen anders gelaufen wären, wenn Ojungé eine weiße Deutsche gewesen wäre. Wenn sie nicht in der Asylunterkunft mitten im Wald gelebt hätte, sondern ein paar Kilometer weiter im kleinen Ort Hohenleipisch, wo es mehrere Gaststätten gibt, gepflegte Vorgärten, einen Bäcker und einen Fleischer.

„Keine Anhaltspunkte für eine Straftat“

Wenn aus diesem Ort eine junge, deutsche, weiße Mutter verschwunden wäre und ihre beiden kleinen Kinder zurückgeblieben wären, wenn sich alle anderen einig gewesen wären, dass dieses Verschwinden nicht zu ihrer Nachbarin passt, dann hätte es vielleicht mehr gegeben als eine knappe Vermisstenmeldung der Polizei drei Wochen nach ihrem Verschwinden in der Lokalzeitung. Vielleicht wäre das Bild der hübschen jungen Frau auf Titelseiten von Boulevardmedien gelandet, vielleicht wäre es tausendfach bei Facebook geteilt worden, vielleicht hätten freiwillige Helfer den Wald durchkämmt, vielleicht hätte die Polizei Hubschrauber eingesetzt. Vielleicht wäre der Fall nicht erst bekannt geworden, als die Identifikation der Leiche abgeschlossen war, drei Monate nach dem Verschwinden, und auch dann nur deswegen, weil die Flüchtlingsorganisation Women in Exile dafür sorgte.

Jeden Tag werden in Deutschland Tausende Menschen als vermisst gemeldet, allein in der Brandenburger Polizeidirektion Süd, die für den Landkreis Elbe-Elster zuständig ist, waren es letztes Jahr mehr als 1.500. In den meisten Fällen taucht die vermisste Person schon nach wenigen Tagen oder Stunden wieder auf. In anderen handelt es sich um Menschen, die schon oft abgehauen sind, die verwirrt sind oder psychisch krank, die gerade eine schlimme Lebenskrise haben. Nichts von alldem traf auf Rita Ojungé zu, sagen ihre Angehörigen und Freunde.

„Alle üblichen Ermittlungsschritte sind in der üblichen Reihenfolge erfolgt“, sagt der zuständige Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Cottbus. „Es gab keine Anhaltspunkte für eine Straftat oder ein Unglück“, sagt die Sprecherin der Polizeidirektion Süd. Die Aussagen des vierjährigen Kindes seien nicht so eindeutig gewesen wie behauptet. Bei der Durchsuchung des Zimmers seien keine Blutspuren oder Ähnliches gefunden worden.

„Wir haben ihnen gesagt, dass Rita etwas Schlimmes passiert sein muss, und sie haben nichts gemacht“, sagt die Schwester.

Der Verdächtige drückt Anrufe weg

Außerhalb der weißen deutschen Öffentlichkeit schlägt der Fall hohe Wellen. Eine kenianisch-deutsche Organisation veröffentlicht eine Vermisstenmeldung, kenianische Medien zeigen Fotos von Ojungé, genauso wie Websites von Organisationen der kenianischen Diaspora. Auf einem trägt sie eine verspiegelte Sonnebrille und große Ohrringe, auf einem anderen reichen ihre gelockten, glänzenden Haare bis über die Schultern, im Arm hält sie eine Handtasche.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Ojungés Verwandte melden den Fall beim Auswärtigen Amt in Nairobi und alarmieren die kenianische Botschaft in Deutschland. Sie beauftragen einen in Nairobi lebenden Nigerianer, den Zimmernachbarn von Ojungé anzurufen, den sie verdächtigen, etwas mit ihrem Verschwinden zu tun zu haben. Als die Anrufe weggedrückt werden, versucht es Ojungés Mutter, die ebenfalls in Nairobi lebt, selbst. „Mach dir keine Sorgen, Mama“, habe der Mann immer wieder erzählt, berichtet die Familie. Rita werde zurückkommen. Er habe ihr nichts getan. Hätte er auch gar nicht können, in dem Heim seien doch überall Überwachungskameras. Letzteres stimmt nicht.

Zu den Puzzleteilen dieser Geschichte gehört, dass Nigerianer in vielen Ländern keinen guten Ruf haben. Auch in Kenia nicht. Sie gelten als aggressiv und kriminell. Diese Vorurteile schwingen mit, wenn Ojungés Familie über den Verdächtigen spricht.

Der sei Anfang Mai, nachdem die Polizei noch mal da war, auf ein anderes Zimmer verlegt worden, sagt Ngeko. Bis Ende Juni habe er in der Unterkunft gelebt und sei dann in anderes Heim verlegt worden, erklärt der Landkreis.

„Keine Gefährdung der Kinder in der Einrichtung“

Es gebe in dem Fall „vage Indizien für mehrere Verdächtige“, sagt die Staatsanwaltschaft Cottbus. Selbst wenn die Ermittlungsbehörden, anders als Ojungés Angehörige und Freunde, nicht davon überzeugt sind, dass der Zimmernachbar für den Tod verantwortlich ist: Wie kann es sein, dass er und Ojungés Lebensgefährte samt Kind monatelang am gleichen Ort leben müssen?

„Bestehende Ängste um die Kinder in der Asylunterkunft bezüglich eines dortigen Mitbewohners wurden durch [Name des Vaters] gegenüber der Polizei geäußert“, steht in dem Fax der örtlichen Polizeibehörde vom 9. Mai. Den Kindern gegenüber sei dieser jedoch in der Vergangenheit nicht aggressiv aufgetreten, auch seitens des Jugendamts seien keine Bedenken geäußert worden. Außerdem seien die Kinder „bereits im Vorfeld auch durch den Betreffenden betreut“ worden. „Insofern ergeben sich keine tatsächlichen Hinweise auf eine Gefährdung der Kinder in der Einrichtung.“

Es stimme, sagt Angelina Wakaba, die Freundin von Ojungé, dass der Mann manchmal auf die Kinder aufgepasst habe. „Er hatte zwei Gesichter“, sagt sie noch einmal. Sie habe gehört, dass die Polizei denken würde, die beiden hätten eine Affäre gehabt. Das stimme nicht: Der Mann hätte gern eine Beziehung mit Ojungé gehabt, doch die habe das nicht gewollt, ihn abgewiesen. Genau darum sei es bei den Auseinandersetzungen oft gegangen.

Mitte Mai hat jemand „Schlachtabfälle eines Schweins“ vor der Unterkunft abgeladen

„Dschungelheim“ werden Asylunterkünfte, die isoliert mitten im Wald liegen, unter Flüchtlingen genannt. Das Heim in Hohenleipisch nennen viele der Bewohner einfach nur „Dschungel“. Keiner will im Dschungel leben. Wer kann, ist so viel wie möglich in Berlin. Manche können nicht, weil sie kleine Kinder haben oder keinen Platz in Berlin, an dem sie unterkommen können. Einmal die Stunde fährt der Bus vorbei, mit dem man zum Bahnhof fahren kann, von dem alle zwei Stunden ein Zug nach Berlin fährt: montags bis freitags bis 18 Uhr. Am Wochenende fährt kein Bus. Mitte Mai hat jemand „Schlachtabfälle eines Schweins“ vor dem Eingang der Unterkunft abgeladen, heißt es in einer entsprechenden Polizeimeldung.

Demonstrationen gegen das Dschungelheim

In Hohenleipisch leben fast nur Menschen „ohne Bleibeperspektive“. Die meisten von ihnen wohnen jahrelang in diesem Heim. „Wenn du in Deutschland bleiben willst, brauchst du einen Plan, du brauchst hier für alles Papiere“, habe sie Ojungé nach ihrer Ankunft gesagt, erzählt die ältere Schwester. Zuerst sah es gut aus: Ojungé arbeitete ein Jahr als Au-pair in Hannover, danach half ihr die Schwester, sich auf ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Altersheim zu bewerben. Dann passierte etwas in Ojungés Leben, von dem die Schwester nicht weiß, was es ist, oder nicht darüber sprechen möchte. Jedenfalls bricht Ojungé das FSJ ab, ihr Asylantrag wird abgelehnt, sie landet in Hohenleipisch. Im Dschungelheim.

2011 gibt es eine Demonstration in Herzberg, wo die Ausländerbehörde Elbe-Elster sitzt. „We demand immediate closure of the Heim“, steht auf einem Pappschild, dass einer der protestierenden Flüchtlinge hoch hält. Es geht um die Unterkunft Hohenlei­pisch, schon damals wird für ihre Schließung demonstriert.

Ein weißes Haus von Bäumen umgeben, die Bewohner der Unterkunft gehen an dem Gebäude entlang

Das Heim in Hohenleipisch nennen viele einfach nur „Dschungel“. Keiner will im Dschungel leben Foto: Sebastian Wells

Mehrere Brandenburger Flüchtlingsorganisationen fordern die Schließung des Heims in Hohenleipisch. Das könne „nicht nachvollzogen werden“, sagt der Landkreissprecher Torsten Hoffgaard. Das Gelände sei „für die Unterbringung von Asylbewerbern grundsätzlich geeignet“. Auch andere Menschen im Landkreis Elbe-Elster seien in der Situation, dass der Bus an ihrem Wohnort nicht am Wochenende fahre.

Andere Menschen in Elbe-Elster dürfen zumindest in ihren eigenen vier Wänden wohnen, arbeiten, Geld verdienen und in ihrer Nachbarschaft Menschen kennenlernen, die ihre Sprache sprechen.

Unwürdige Bedingungen und drei Arbeitsplätze

122 Menschen leben in der Unterkunft. Die Bewohner haben am 17. Juli einen offenen Brief veröffentlicht. Sie schildern, wie schlecht das Heim angebunden ist, dass die Kinder keine Möglichkeit haben, an Sport oder anderen Aktivitäten teilzunehmen oder Freunde zu besuchen. Zum Fall Ojungé schreiben sie: „Wir alle haben sehr viel Angst, hier zu leben, da es auch möglich ist, dass ihr Mörder unter uns im Heim lebt.“

Die drei in der Unterkunft tätigen Sozialarbeiter würden denken, die Probleme seien gelöst, weil jetzt ein Zaun um das Heim gebaut wurde. „Sie unternehmen alles, damit wir uns wegen unserer Probleme nicht beschweren, damit das Heim nicht geschlossen wird und sie ihre Arbeit nicht verlieren“, heißt es in dem offenen Brief, und weiter: „Wir wollen, dass uns geholfen wird, von diesem schrecklichen Ort wegzuziehen. Keiner von uns braucht riesige Wohnungen im Zentrum der Stadt. Wir wollen einfach nur weg von hier.“

Der Betrieb des Heims ist neu ausgeschrieben. Der Landkreis will am jetzigen Träger festhalten, der niedersächsischen Firma Human Care GmbH, die mehr als 100 Flüchtlingsunterkünfte in mehreren Bundesländern betreibt und sich erneut beworben hat.

Nachdem der offene Brief von mehreren Medien aufgegriffen wird, gibt es wenige Tage später einen Pressetermin für ausgewählte Journalisten. Sauber geputzte Küchen und Bäder werden gezeigt. Dann gibt es einen unangekündigten Besuch im Zimmer eines Bewohners, wo laut späterer Berichte ein Teller mit Essensresten auf dem Tisch gestanden habe. Tenor der extra angereisten Geschäftsführerin der Human Care GmbH: Wenn die Bewohner nicht Ordnung halten können, sind sie selbst schuld. Auch den Vorwurf, es gebe nicht genügend Freizeitaktivitäten, weist sie zurück, diese würden kaum wahrgenommen werden. „Man muss sie wirklich zu ihrem Glück zwingen“, wird sie im rbb zitiert und erklärt: Von Angst spüre sie bei den Bewohnern nichts.

Mensch zweiter Klasse – auch wenn man tot ist

Wer das Heim nicht im Rahmen eines Pressetermins besucht, bekommt einen anderen Eindruck. Jeder hier sagt, dass er Angst habe, dass er wegwill. Handyvideos, die der taz vorliegen, zeigen Kakerlakenbefall in Duschräumen und Zimmern, Schimmel an der Wand und Ungeziefer in Fluren.

Angelina Wakaba erzählt, dass die Bewohner nicht aufgeklärt wurden, nachdem die Leiche identifiziert worden sei. Jules Ngeko habe es nur erfahren, weil er nachgefragt habe. Später seien die Bewohner informiert worden, dass sie Beratung in Anspruch nehmen könnten. „Eine Beratung, für die einmal jemand kommt, der dann nie wieder da ist, das hilft uns nicht“, sagt Wakaba.

Jeden Tag würden die Verwandten aus Kenia anrufen und fragen, ob der Mann endlich festgenommen sei, sagt Ojungés Schwester. Sie versuche ihnen zu erklären, dass das deutsche System anders funktioniere, dass hier nicht am Anfang, sondern erst am Ende von Ermittlungen Menschen festgenommen werden. „Aber eigentlich kann ich es nicht erklären, weil ich es selbst nicht verstehe“, sagt sie. Wenn sie schildert, wie sie versucht, die deutschen Ermittlungsbehörden zu verteidigen, muss sie lachen. Aber gleich darauf wird sie wieder ernst, leise: „Es ist alles zu spät“, sagt sie. „Rita ist nicht mehr da, und alles ist kaputt.“

Wäre diese Geschichte anders verlaufen, wenn Ojungé eine weiße Deutsche aus dem Dorf gewesen wäre? Es gibt keine direkte Vergleichsmöglichkeit, anders als damals, 2015, als zwei kleine Jungen verschwanden. Der kleine Elias und der kleine Mohamed, von denen man später wissen wird, dass sie von demselben Mann umgebracht wurden. „Nach dem deutschen Elias sucht die Polizei mit 1.800 Leuten, beim Flüchtlingsjungen Mohamed wird vorrangig die Familie verdächtigt“, fasste Der Spiegel die Ereignisse zusammen.

Der offene Brief der Bewohner der Unterkunft Hohenleipisch endet mit vielen Fragen. „Wie können Menschen sich integrieren, wenn sie 24 Stunden am Tag im Wald sind?“, ist eine davon. Und: „Warum wirst du als Mensch zweiter Klasse behandelt, wenn du aus einem anderen Land kommst?“ Für Rita Ojungé, sagt Angelina Wakaba, habe das auch nach ihrem Tod noch gegolten.

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