Aufarbeitung der Covid-19-Pandemie: Politisches Post-Pandemie-Theater
Der Immunologe und frühere Top-Regierungsberater Anthony Fauci verweigert vor einem Senatsausschuss die Aussage zu seiner Rolle in der Pandemie.
Foto: Allison Robbert/AP
Der frühere Top-Experte für Infektionskrankheiten in den USA, Anthony Fauci, musste sich am Mittwoch einem Untersuchungsausschuss im US-Senat stellen. Republikaner beschuldigten den Immunologen in der knapp dreistündigen Anhörung, für die globale Coronavirus-Pandemie verantwortlich zu sein. Sie behaupteten, dass sich Fauci, während Menschen starben, selbst bereichert hätte.
Fauci antworte jedoch nicht und machte über 100-mal von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Das schützt ihn davor, sich selbst zu belasten. „Auf Anraten meines Rechtsbeistands verweigere ich, unter Berufung auf meine Rechte gemäß dem fünften Zusatzartikel zur Verfassung, auf die Frage zu antworten“, sagte der mittlerweile 85-Jährige immer wieder.
Die Anhörung zeigte, wie polarisierend das Vorgehen der US-Regierung während der Pandemie war. Republikaner nutzen die Plattform, um Fauci und die Biden-Regierung für ihre Coronapolitik zu kritisieren. Demokraten hingegen dankten dem früheren Leiter des Bundesamtes für Infektionskrankheiten für seine Arbeit.
Fauci hält Anhörung für unrechtmäßig
Fauci selbst erklärte zu Beginn, dass er während seiner Zeit als Institutionsleiter mehr als 200-mal vor einem Kongressausschuss als Zeuge erschienen sei. Die neue Anhörung sei jedoch unrechtmäßig.
„Angesichts der offensichtlichen Besessenheit, mit der Senator [Rand] Paul meine strafrechtliche Verfolgung fordert, seiner wiederholten verleumderischen Äußerungen über mich und der jüngsten Veröffentlichung meines persönlichen Tagebuchs – in der Absicht, mich bloßzustellen und einzuschüchtern –, komme ich zu dem Schluss, dass er mich nur deshalb vor diesen Ausschuss lädt, um mich zu einer Aussage zu bewegen, die seine wiederholten öffentlichen Ankündigungen bestätigen könnte, wonach ich – in seinen Worten – ‚hinter Gittern‘ landen werde“, sagte Fauci.
Für fast 40 Jahre war Fauci der führende Experte der Regierung für Infektionskrankheiten. Er beriet Präsidenten beider Parteien und erhielt parteiunabhängig große Anerkennung für seine Arbeit. Doch die Pandemie veränderte dies schlagartig und machte ihn zu einer polarisierenden Figur.
Senator Rand Paul (Kentucky) fordert seit Längerem eine strafrechtliche Verfolgung Faucis. Der Senator kündigte an, dass der Ausschuss kommende Woche darüber abstimmen werde, ob Fauci wegen seiner Aussageverweigerung wegen Missachtung des Kongresses belangt werden soll.
„Haben seine Handlungen zur größten von Menschen verursachten Seuche der Geschichte geführt? […] Sind Millionen Menschen aufgrund seiner Experimente gestorben?“, fragte Paul zum Abschluss der Anhörung zynisch.
Keine neuen Erkenntnisse
Faucis Entscheidung, die Fragen der Senatoren kategorisch nicht zu beantworten, legt die Grundlage für die zeitweilig hitzige Anhörung. Der Ausschuss brachte deshalb keinerlei neue Erkenntnisse über den Ursprung des Coronavirus oder über die Reaktion der Regierung auf die Pandemie.
Am Ende war es vor allem politisches Theater, das sowohl Republikanern als auch Demokraten reichlich Gelegenheit gab, einander zu widersprechen und sich in Selbstdarstellung zu üben.
Der führende Demokrat im Ausschuss, Gary Peters (Michigan), kritisierte seine republikanischen Kollegen und warnte davor, dass diese Art von Anhörungen Wissenschaftler davon abhalten könnte, sich in den Dienst der Öffentlichkeit zu stellen. „Es ist verlockend, eine einzelne Person zum Sündenbock für eine Krise zu machen, für deren Bewältigung Hunderte von Amtsträgern sowohl in der Trump- als auch in der Biden-Regierung verantwortlich waren“, sagte Peters.
Senator Richard Blumenthal (Demokraten, Connecticut) verglich die Anhörung sogar mit den antikommunistischen Anhörungen von Senator Joseph McCarthy in den 1950er Jahren. Diese waren von Verschwörungstheorien und Ängsten geprägt und wurden benutzt, um Andersdenkende zu verfolgen.
Republikaner drohen Fauci mit Anklage
Im Vorfeld der Anhörung veröffentlichte Paul mehr als 1.000 Seiten aus Faucis persönlichem Tagebuch zu den Jahren der Pandemie. Der Senator erklärte in sozialen Medien, dass, was Fauci „privat niederschrieb und was er der Öffentlichkeit mitteilte, zwei verschiedene Dinge“ seien.
Einige der Tagebucheinträge – darunter Faucis Ungewissheit in der Anfangsphase der Pandemie – waren bereits in seinem 2024 erschienenen Buch sowie in damaligen Interviews thematisiert worden. Obwohl Fauci Anfang 2025 vom damaligen Präsidenten Joe Biden begnadigt wurde, drohten ihm Republikaner, dass er wegen etwaiger Falschaussagen angeklagt werden könnte.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!