Gewehreinschusslöcher in einer Wand, davor eine Babytrinkflasche und ein rosa Spielzeug

Aus der Serie: leere Schlafzimmer. Einschusslöcher im Zimmer des von der Hamas gekidnappten Ariel Bibas aus dem Kibbuz Niz Oz Foto: Oded Balilty/ap

7. Oktober – ein Jahr danach:Hoffen auf die nächste Generation

Leid und Hass dominieren seit Jahrzehnten den Konflikt im Nahen Osten. Gibt es einen Weg raus? Wünsche, Appelle und Erwartungen an junge Menschen.

Ein Artikel von

8.10.2024, 10:12  Uhr

Meine Hoffnung für euch Kinder ist, dass ihr es wagt, den Anderen mit eurem Herzen zu sehen, ihren Schmerz zu fühlen. Dass ihr den Mut habt, den reichen Schatz an Kulturen zu genießen, den dieses Land zu bieten hat, die Sprache der Anderen zu lernen, ihre Tänze zu tanzen, ihre Speisen zu teilen, ihren Geschichten zuzuhören und ihre Traditionen zu feiern. Im Heiligen Land sind es die Menschen, die diesen Ort heilig machen, nicht das Land. Deshalb hoffe ich, dass ihr nie vergessen werdet, dass es die Menschen sind, die wir um jeden Preis schützen müssen – und nicht das Land.

Stellt euch mutig gegen Ungerechtigkeit, erhebt eure Stimme für den Frieden – vor allem dann, wenn es heißt, dies sei ein verbotenes Wort und eine unerreichbare Realität im Nahen Osten. Lernt, den Hass und die Wut zu verlernen, und lernt zu vergeben – dieses Land hat ein schmerzhaftes Echo aus der Vergangenheit. Wahrer Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Konflikten, sondern die Gegenwart von Gerechtigkeit und Freiheit für alle.

Jeder Mensch wird anders erzogen und vielleicht wird jemand versuchen, euch davon zu überzeugen, dass die Dinge, die ihr gelernt habt, falsch sind. Ich hoffe, dass ihr die Weisheit haben werdet, zuzuhören und verschiedene Erzählungen anzuerkennen, während ihr gleichzeitig eure Wahrheit wählt. Lernt, den Hass und die Wut zu verlernen, und lernt zu vergeben. Euch, den zukünftigen Kindern des Landes, wünsche ich, dass ihr den Anderen so kennenlernt, wie ihr eure Augen, eure Nase, euren Mund und euer Lächeln kennenlernt. Möget ihr es immer wagen, andere als ein Spiegelbild eurer selbst zu sehen.

Angela Mattar Foto: privat

Angela Mattar, 24, ist palästinensisch-israelische Bürgerin und lebt in Jerusalem. Sie ist Autorin und Friedensaktivistin.

Nur noch ein Krieg, und es wird Frieden sein. Nur noch eine Operation, und du bist in Sicherheit. Das wurde mir im Alter von sechs Jahren gesagt, als ich ein Selbstmordattentat überlebte. Das wurde uns 2014 gesagt, als mehr als 2.000 Menschen im Gazastreifen getötet wurden. Und das ist es, was die Regierung uns heute sagt, da wir 365 Tage Krieg in Israel-Palästina erleben.

Seit Jahrzehnten leiden wir alle unter dem Krieg. Doch die einzigen Lösungen, die uns in meinem Leben angeboten wurden, sind mehr Gewalt und Zerstörung. Um ihre Unfähigkeit, Lösungen zu finden, zu verschleiern, behaupten sie, der einzige Weg sei der ewige Krieg. Aber für mich ist dieser Krieg anders als alle anderen, weil ich während dieses Krieges Mutter unseres kleinen Babys Sade wurde. Um ihretwillen und der jüngeren Generation willen werde ich alles tun, um zu verhindern, dass der Plan meiner Regierung, einen ewigen Krieg zu führen, das Erbe wird, das wir unseren Kindern hinterlassen.

Obwohl unsere Politiker hart daran gearbeitet haben, Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit auszulöschen, habe ich Hoffnung. Das liegt daran, dass ich Teil der „Standing Together“-Bewegung bin. Wir sind Juden und Palästinenser, die verstehen, dass Gewalt oder Unterdrückung uns nie eine bessere Zukunft bringen werden. Wir denken nicht nur über das Erbe nach, das wir der nächsten Generation hinterlassen wollen – wir bauen es hier und jetzt auf und zeigen unseren Völkern, dass es eine Zukunft ­geben kann, um unser Leben in diesem gemeinsamen Land zu verbessern.

Heli Mishael Foto: privat

Heli Mishael, 34, ist jüdische Israelin und Mutter eines Babys, das im Krieg geboren wurde. Sie ist aktiv bei Stan­ding Together, einer Bewegung, die arabisch-israelische und jüdische israelische Gemeinschaften zusammenbringen will.

Die Mauern und Grenzen, die Wut und der Hass haben unsere Sicht und unseren Blick für die Menschen auf der anderen Seite verstellt. Alles, was wir sehen, ist ein Feind. Nicht Männer, Frauen und Kinder mit Hoffnung in den Augen, einem Lächeln auf den Gesichtern und Träumen in ihren Herzen. Jahrelang habe ich Gruppen aus Israel und dem Gazastreifen über Theater, Musik und Tanz zusammengebracht, um gemeinsam zu arbeiten. Ich habe Mittel und Wege gefunden, damit wir uns sehen, miteinander reden und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken können.

Am 7. Oktober 2023 und danach haben wir zugelassen, dass Radikale unser Leben übernehmen, Radikale, die an die Liebe zur Macht glauben anstatt an die Macht der Liebe. Radikale, die an Hass und Rache glauben statt an Versöhnung und Mitgefühl. Sowohl Israelis als auch Palästinenser haben im Laufe der Jahre so viel gelitten, über Hunderte von Jahren. Ist es nicht längst an der Zeit, innezuhalten und zu sagen: „Schluss damit!“?

Es hat keinen Sinn, zurückzublicken und weiterhin unsere Wunden und Verluste zu zählen. Wer kann schon sagen, wer mehr gelitten hat? Das Leiden auf beiden Seiten muss ein Ende haben. Ich erinnere mich an ein von den Hamas geführtes Sommerlager, in dem junge Kinder mit Hass in den Augen zum Kämpfen ausgebildet wurden. Der Anblick dieser Kinder trieb mir die Tränen in die Augen.

Ich glaube, dass es in der Welt so viel mehr Gutes als Schlechtes gibt, aber das Schlechte ist lauter und hässlich. Das Gute ist zart und sanft. Lassen Sie uns die Schönheit im anderen sehen, lassen Sie uns unsere Kräfte bündeln, um Hoffnung zu schaffen und uns allen ein Leben ohne Angst in einer sicheren, wohlhabenden und friedlichen Welt zu ermöglichen.

Roni Keidar Foto: privat

Roni Keidar ist jüdisch-israelische Friedensaktivistin. Sie lebt seit über 40 Jahren in einem Dorf an der Grenze zum Gazastreifen und hat viele Freunde auf der anderen Seite.

Alle hier, vom Fluss bis zum Meer, sollten frei sein. Wir müssen aus der Geschichte lernen. Wir können uns gegenseitig umbringen, aber wir müssen verstehen, dass es keine Gewinner gibt, keinen Sieg. Die einzigen Gewinner sind die Gräber. Wir können Seite an Seite existieren, ohne einander umzubringen. Die neue Generation sollte auf die Geschichte zurückblicken und für die Zukunft lernen.

Der Konflikt begann nicht am 7. Oktober und er endete nicht am 8. Oktober. 1.200 Menschen wurden getötet. Unter ihnen viele Soldaten, aber dies ist kein Argument. Es sind Menschen. Auf palästinensischer Seite wurden mehr als 40.000 getötet. Zwei Millionen Menschen wurden zu Vertriebenen in Gaza. Die Wurzeln des Konflikts sind da. Die einzige Lösung ist die: sich gegenseitig zu respektieren. Und zu sehen, dass auch der Andere ein Mensch ist.

Die Palästinenser haben nicht sechs Millionen Israelis getötet. Die Israelis haben nicht sechs Millionen Palästinenser getötet. Aber heute gibt es einen deutschen Botschafter in Tel Aviv und einen israelischen Botschafter in Berlin. Mit anderen Worten: Wir können es auch.

Bassam Aramim Foto: privat

Bassam Aramims Tochter wurde 2017 von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen. Er ist Mitglied im Parents Circle, in dem israelische und palästinensische Familien zusammenkommen, die Angehörige verloren haben.

Als Pädagogin spreche ich viel mit Schulkindern und Familienorganisationen. Meine Botschaft an Schü­le­r*in­nen in der Oberstufe ist seit einem Jahr diese: „Geht zur Armee und dient. Wir haben im Moment keine Wahl. Aber geht nicht aus Hass und Rache, sondern bewahrt eure Werte. Bleibt menschlich, bleibt tolerant und sucht den Frieden, wohin ihr auch geht, wann immer ihr könnt. Erzählt der Welt die Geschichte meiner Familie und die meiner Gemeinschaft in Kfar Aza.

Es ist wichtig für uns, dass unsere Geschichte gehört wird. Es ist eine sehr tragische Geschichte, aber sie sollte gehört werden, damit sich die Welt verändert. Mein Sohn wurde ermordet, mein Haus zerstört. Aber ich lasse nicht zu, dass die Welt mich verändert. Ich behalte meine Werte und meine Menschlichkeit, selbst nach allem, was ich durchgemacht habe. Lasst ihr nicht zu, dass ihr eure Werte verliert, wenn ihr in der Armee dient.“

Liora Eilon Foto: privat

Liora Eilon ist Friedensaktivistin. Ihren Sohn verlor sie beim Hamas-Angriff auf den Kibbuz Kfar Aza. Auch sie ist Mitglied im Parents Circle.

Die meisten Palästinenser und Israelis glauben an den Frieden, streben ihn an und wollen sich für ihn einsetzen. Diese schweigende Mehrheit sagt: „Genug. Genug der Feindseligkeit, der Feindschaft und des Hasses. Genug der Kämpfe, des Blutvergießens und des Tötens. Das ist nicht das Erbe, das wir unseren Kindern und Enkelkindern hinterlassen wollen.

Unsere Religionen und heiligen Bücher rufen zu Frieden, Toleranz und Vergebung auf. Extremisten haben die Tragödie vom 7. Oktober begangen, um die Kluft zwischen dem muslimischen und dem jüdischen Volk zu vertiefen. Sollten wir dafür sorgen, dass sie Erfolg haben und ihr Ziel erreichen? Nein, denn das ist nicht die Zukunft, die wir anstreben. Lasst die Tauben des Friedens frei fliegen.

Unser Ziel ist es, gemeinsam zu leben und das Land friedlich und sicher zu teilen. Möge Gott uns auf den richtigen Weg führen.

Mohammed Daoudi Foto: privat

Mohammed Dajani Daoudi ist palästinensischer Historiker aus dem West­jordanland und setzt sich mit seiner Organisation Wasatia für interreligiöse Verständigung ein. 2014 sorgte er für Aufsehen, als er mit einer Gruppe der Al-Quds-Universität Auschwitz besuchte.

Je länger der Gaza-Krieg andauert desto geringer die Hoffnung auf Verhandlungen, auf eine nicht-bellizistische Denkweise auf beiden Seiten. Das, was seit dem 7. Oktober geschah, hat den Hass und die Wut bei Israelis und Palästinensern dermaßen gesteigert, dass die Mehrheit in Israel und Palästina von der Idee des friedlichen Nebeneinanders Abschied genommen hat.

Aber gerade deswegen bleibt der alte Ausweg immer noch die einzige konstruktive Alternative: Eine Lösung auf der Basis der Zweistaaten-Idee. Wenn beide Seiten jeweils das Recht der anderen Seite auf nationale Selbstbestimmung prinzipiell anerkennen, ist die Basis geschaffen für einen Ausstieg aus dem Teufelskreis der Vergeltung und Gegenvergeltung.

Das ist der Anfang, auf den verschiedenartige Fortsetzungsszenarien folgen können – zwei Nationalstaaten, in denen nationale Minderheiten leben können; Eine Föderation, zu der eventuell auch weitere Staaten hinzukommen könnten (mit dem Vorbild EU beispielsweise). Oder zwei Staaten, die eine gemeinsame Verfassung anstreben, um statt eine entweder-oder Situation, eine sowohl-als-auch Existenz zu kreieren. Der Beobachter fragt sich: Ist der Ausstieg aus dem Strudel der Gewalt und (Selbst-)Zerstörung nicht attraktiver als der freie Fall in den Abgrund?

Was fehlt und worum sich die internationale Gemeinschaft bemühen sollte, ist der Wille zum ersten Schritt, auch die Bereitschaft, die Gegner dieser Idee entschlossen zu bekämpfen. Wie aber der religiöse Fundamentalismus auf jüdischer wie auf muslimischer Seite zu überwinden wäre, um diesen ersten Schritt zu ermöglichen, ist jedoch eine Grundsatzfrage, die bislang die Politik nicht beantworten konnte. Eher umgekehrt: Fundamentalisten und Populisten arbeiten Hand in Hand in deiden Lager, um den Weg zum erlösenden ersten Schritt zu blockieren.

Also doch: Keinen Ausweg?

Ein Mann mit weißem Haar schaut in die Kamera

Moshe Zimmermann Foto: imago stock&people

Moshe Zimmermann ist ein israelischer Historiker und Antisemitismusforscher. Er ist Professor emeritus für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und war dort von 1986 bis 2012 Direktor des Richard-Koebner-Zentrums für Deutsche Geschichte.

Meine Botschaft an die nächste Generation Israelis und Palästinenser: Haltet an der Hoffnung fest. Sucht nach Möglichkeiten Gutes zu tun. Glaubt an Gerechtigkeit und arbeitet für Frieden.

Das Leben ist kurz und Frieden ist möglich. Haltet euch fern von Radikalen, folgt nicht religiösen Eiferern. Und fragt euch immer, was ihr tun würdet, wäret ihr an der Stelle der anderen Person.

Portrait von einem Mann mit Schnauzbart und weißgrauem Haar

Daoud Kuttab Foto: imago stock&people

Daoud Kuttab ist ein palästinensisch-amerikanischer Journalist.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de.