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Arbeit im AbgeordnetenbüroReden schreiben, Brötchen schmieren, Klos putzen

Abgeordnete beschäftigen mehr als 500 Mitarbeitende – oft ohne Tarifvertrag oder Betriebsrat. Was das bedeuten kann, zeigt ein Fall aus Charlottenburg.

Den ersten Arbeitstag als Büroleiterin einer Berliner Abgeordneten hatte sich Andrea Fahmel anders vorgestellt. Denn ihre neue Chefin, die CDU-Politikerin Aldona Niemczyk, habe sie zunächst weder in politische Inhalte eingearbeitet noch parlamentarische Abläufe und Zuständigkeiten erläutert. Stattdessen habe die Abgeordnete Fahmel an jenem Morgen im Sommer 2024 erst einmal erklärt, wie sie die Räume zu putzen habe. So berichtet es Fahmel der taz: „Ich sollte die Küche, die Außenflächen und das Klo sauber machen.“

Es ist der Anfang eines Arbeitsverhältnisses, an dessen Ende – rund eineinhalb Jahre später – Fahmel frustriert hinschmeißen wird. Später zieht Fahmel sogar noch gegen die Abgeordnete vors Arbeitsgericht, weil die ihr monatelang kein Arbeitszeugnis ausstellt.

taz Talk zur Abgeordnetenhauswahl

Enteignung als Lösung – oder das Ende von Rot-Rot-Grün?

Di., 15.09.2026, 19:00 Uhr, taz Kantine: Anmeldung

Die Mietenkrise bestimmt den Wahlkampf, doch die Vergesellschaftungsfrage spaltet die Parteien. Knapp eine Woche vor der Berlin-Wahl am 20. September gehen wir den Fragen nach: Wie können sich SPD, Linke und Grüne doch zusammenraufen, ohne den demokratischen Auftrag der Ber­li­ne­r:in­nen zu ignorieren? Führt die Enteignungsfrage Berlin in eine politische Sackgasse, von der am Ende nur die Konservativen profitieren? Und was bringt eine Enteignung eigentlich?

Im Gespräch:

Sebastian Schlüsselburg ist Mitglied des Abgeordnetenhauses, ehemals für die Linke, seit 2025 für die SPD.

Katrin Schmidberger ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für Mietenpolitik für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Rouzbeh Taheri ist Neuköllner Direktkandidat der Linken für das Abgeordnetenhaus. Er war Mitgründer und Sprecher der Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen.

Eintritt frei. Platzreservierung erforderlich

Die Teilnahme in der taz Kantine (Friedrichstraße 21) ist nur mit einem im Voraus gebuchten Ticket möglich. Wir bitten Sie daher um eine Anmeldung. Die Plätze sind begrenzt, der Eintritt ist kostenlos. Der Zugang zur Veranstaltung ist barrierefrei. Zusätzlich wird die Veranstaltung im Livestream übertragen.

Politische Arbeit, Häppchen vorbereiten und Nachtschichten: Erst vor Kurzem hatte eine taz-Recherche fragwürdige Arbeitsbedingungen bei Beschäftigten von Bundestagsabgeordneten offengelegt. Oft gibt es keinen Betriebsrat, keinen Tarifvertrag, die Mit­ar­bei­te­r*in­nen sind von den Launen des oder der Abgeordneten abhängig.

Die Geschichte von Andrea Fahmel zeigt: Auf Landesebene, wie eben im Berliner Abgeordnetenhaus, sieht es offenbar kaum besser aus.

Abgeordnete sind direkte Arbeitgeber

Die 159 Abgeordneten des Berliner Landesparlaments beschäftigen derzeit rund 530 Mitarbeiter*innen. Alle Verträge sind befristet und an die Wahlperiode gebunden – für die Hunderte Mitarbeitenden werden die Karten bei der Wahl am 20. September also neu gemischt.

Jedem und jeder Abgeordneten stehen monatlich bis zu 8.000 Euro für persönliche Mit­ar­bei­te­r*in­nen zur Verfügung. Davon dürfen sie bis zu vier Personen anstellen. Die Abgeordneten werden so zu direkten Arbeitgebern. Fragen von Arbeitszeiten, Urlaub, Überstunden und auch die Einstufung in eine der fünf vom Parlament definierten Tätigkeitsgebiete – entscheidend für das Gehalt – handeln die Parlamentarier* direkt mit ihren Angestellten aus.

Die Legislative sollte auch bei den Arbeitsbedingungen mit gutem Beispiel vorangehen

Andrea Fahmel

Was das bedeuten kann, erlebt Andrea Fahmel während ihrer Arbeit für die CDU-Abgeordnete. Für mehrere ihrer Angaben liegen der taz Chat-Nachrichten und E-Mails vor.

Fahmel ist wichtig zu betonen, dass sie ihre Geschichte nicht erzählt, um ihre ehemalige Chefin an den Pranger zu stellen. „Mir geht es darum, dass sich die Situation der Beschäftigten verbessert. Die Legislative sollte auch bei den Arbeitsbedingungen mit gutem Beispiel vorangehen.“

Am Anfang ist Andrea Fahmel voller Vorfreude auf den neuen Job. Die heute 41-Jährige hat nach zehn Jahren im PR-Team einer Botschaft Lust auf etwas Neues. Als sie den Job bei Niemczyk angeboten bekommt, sagt sie Ja. „Auch wenn mein politisches Herz nicht unbedingt für die CDU schlägt, bin ich überzeugt, dass man überall kompetente Leute findet“, sagt Fahmel.

Ihre neue Chefin Aldona Niemczyk sitzt zu diesem Zeitpunkt seit eineinhalb Jahren im Berliner Abgeordnetenhaus. Bei der Wiederholungswahl 2023 hat sie das Direktmandat in ihrem Wahlkreis mitten in Charlottenburg-Wilmersdorf gewonnen. Seitdem ist sie fachpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion für Frauen und Gleichstellung.

Abstriche beim Lohn

Andrea Fahmel sagt, sie habe die inhaltliche Arbeit interessiert. Doch obwohl sie einen Diplom-Abschluss vorweisen kann und obwohl Niemczyk ihr Budget für Angestellte bei Weitem nicht ausschöpft – sie beschäftigt nur eine weitere Person, eine Sachbearbeiterin –, wird Fahmel nicht als wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestellt. Stattdessen lautet ihre Position „Hauptsachbearbeiterin“, was Abstriche beim Lohn bedeutet.

Am Ende scheint die Einstufung, abgesehen vom Geld, aber egal. Denn die Tätigkeiten, die Fahmel nach eigener Darstellung übernimmt, liegen irgendwo zwischen Dienstbotin und Fachreferentin.

Die Arbeitswoche startete meistens mit der Bürgersprechstunde, die Niemczyk montags von 10 bis 12 Uhr in ihrem Charlottenburger Büro anbietet. Für Büroleiterin Fahmel habe das bedeutet: Kaffee kochen, Kekse rausstellen – und warten. „Aldona Niemczyk kam oft zu spät“, berichtet sie.

Wenn das geschafft war, galt es, die parlamentarische Woche zu organisieren: Termine einpflegen, Niemczyk auf die Ausschüsse vorbereiten. Fahmel sagt, sie habe Reden geschrieben, Fotos gemacht und Social-Media-Posts vorbereitet. Sie habe die Webseite gepflegt, Flyer designt und abends noch Brötchen für Bürgerdialoge geschmiert. Sie habe Blumen fürs Büro gekauft – ein Herzensanliegen ihrer Chefin – und geputzt. Die meiste Zeit arbeitete Fahmel alleine. Ihre Kollegin, die Sachbearbeiterin, habe Anfang 2025 gehen müssen.

Verschwommene Grenzen

Screenshots von Chats und E-Mails sowie Anträge, Reden und Werbematerial mit Fahmels Urheberschaft untermauern diese Darstellung. Aldona Niemczyk sagt hierzu auf Nachfrage der taz: Eine dauerhafte oder regelmäßige Übertragung fachfremder Tätigkeiten bestätige sie „nicht pauschal“.

Fahmel beschreibt die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit als zunehmend verschwommen. Sie sagt, sie habe für ihre Arbeit ihren privaten Laptop und ihre private Kamera eingesetzt. Zudem sei sie von Niemczyk auch am Wochenende und teils zu später Abendstunde kontaktiert worden.

Chats, die die taz einsehen konnte, dokumentieren dienstliche Kontaktaufnahmen an Wochenenden und am späten Abend. „Guten Abend Andrea!“, schreibt Niemczyk per Whatsapp an einem Sonntag um 21.52 Uhr. „Kannst du bitte den Termin mit […] auf den Nachmittag verschieben?“ Fahmel versucht, auf die Uhrzeit hinzuweisen. Der Chat geht trotzdem noch weiter bis 22.40 Uhr.

Niemczyk erklärt, sie weise eine „pauschale Darstellung“ zurück, wonach Arbeitszeiten nicht beachtet worden seien – zumindest, soweit sie „nicht den tatsächlichen und dokumentierten Abläufen“ entspreche.

Kein Betriebsrat

Fahmel ist nicht die einzige Mitarbeiterin, die Niemczyk Umgang unzufrieden ist: Sie sagt, sie sei bereits die siebte Mitarbeiterin in Niemczyks Bürgerbüro innerhalb von eineinhalb Jahren gewesen. Die Personalnummer 7 auf ihrer Lohnabrechnung, die der taz vorliegt, spricht für diese Darstellung.

Fahmel fühlt sich alleingelassen – auch von der CDU-Fraktion, der Niemczyk angehört. Es gibt keinen Ansprechpartner, geschweige denn einen Betriebsrat, und auch keine Vereinbarungen, die über das Landesabgeordnetengesetz und die Richtlinien des Parlamentspräsidiums hinausgehen. Das kritisiert Fahmel: „Abgeordnete haben unterschiedliche Hintergründe und müssen keine Experten in Personalwesen sein. Aber deshalb brauchen sie Unterstützung aus den Fraktionen.“

Kaum Regelungen

Deshalb schreibt Fahmel im Frühjahr 2026 – da hat sie schon gekündigt – an CDU-Fraktionschef Dirk Stettner und den parlamentarischen Geschäftsführer Heiko Melzer. In der E-Mail macht sie konkrete Vorschläge: Etwa sollte die Personalstelle der Fraktion auch für die Mitarbeitenden der Abgeordneten zuständig sein. Eine Antwort hat Fahmel bis heute nicht erhalten. Auch auf Nachfrage der taz äußern sich Stettner und Melzer nicht.

Dabei handhaben die Fraktionen den Umgang mit den Mitarbeitenden der Abgeordneten durchaus unterschiedlich. Bei der CDU macht man es sich leicht. Die Fraktion sei „richtigerweise niemals involviert bei den Anstellungsverträgen Dritter“, sagt ein Sprecher zur taz.

Auch die SPD, die sich eigentlich Arbeitsrechte groß auf die Fahnen schreibt, zieht sich aus der Affäre. Gefragt nach Regelungen oder einer Anlaufstelle für die Mit­ar­bei­te­r*in­nen der Abgeordneten erklärt Fraktionsgeschäftsführer Torsten Schneider: „Die Fraktion steht weder in einem Rechtsverhältnis zu etwaigen Beschäftigten der MdA, noch wäre sie berechtigt oder auch nur in der Lage, derartige Auskünfte zu erteilen.“

Aber es geht auch anders, wie die Abgeordneten von Grünen und Linken zeigen. Bei den Grünen ergänzt eine gemeinsame Selbstverpflichtung die Vorgaben des Parlaments. Darin sind Standards festgehalten – etwa zu Arbeits- und Erreichbarkeitszeiten. Außerdem gibt es eine ehrenamtliche Interessensvertretung der Mitarbeiter*innen.

Arbeitgebervereinigung bei den Linken

Die Linken-Abgeordneten gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie haben sich zu einer sogenannten Arbeitgebervereinigung zusammengeschlossen, wodurch ihre Mitarbeitenden einen Betriebsrat wählen konnten, der freigestellt ist und die Interessen der Angestellten vertritt.

Es sind Strukturen, die Andrea Fahmel sich gewünscht hätte. Aber dafür ist es zu spät. Anfang 2026 reicht es ihr und sie schmeißt hin.

Damit ist die Geschichte nicht vorbei. Fahmel muss um ein Arbeitszeugnis kämpfen – das ihr per Gesetz zusteht. Bereits am 9. Februar, rund eine Woche vor ihrem letzten Arbeitstag, hatte Fahmel Niemczyk einen vorformulierten Entwurf geschickt. Niemczyk versichert ihr, es bis Anfang März zu unterschreiben.

Das passiert allerdings nicht. Auf Nachfragen antwortet die Abgeordnete nicht. Irgendwann zieht Fahmel vors Arbeitsgericht. Auch dort geht es hin und her. Ein Termin Anfang August wird abgesagt, weil Niemczyk das Zeugnis angeblich zugesagt hat. Es dauert aber drei weitere Wochen, bis Fahmel ihr Zeugnis erhält. Es ist exakt wortgleich mit der von ihr ein halbes Jahr zuvor vorgeschlagenen Version. „Nicht ein Komma wurde geändert“, wundert sich Fahmel.

Fahmel hat sich entschieden, sich beruflich neu zu orientieren und absolviert eine Weiterbildung. Für Aldona Niemczyk wird es am 20. September spannend. Sie kämpft darum, ihr Direktmandat in Charlottenburg zu verteidigen. Die Zustände in ihrem Büro scheinen sich indes nicht gebessert zu haben. So berichtet es zumindest Fahmel: Auch nach ihrem Abgang habe es ein reges Kommen und Gehen gegeben.

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