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ApothekenreformRedet miteinander!

Gastkommentar von

Sofia Zharinova und Judith Rieping

Die Apothekenreform soll die Ärzteschaft entlasten, aber die stellt sich quer. Dabei profitieren Apotheken und Praxen von einer neuen Aufgabenteilung.

B evor PatientInnen ein rezeptpflichtiges Medikament in den Händen halten, waren ÄrztIn und ApothekerIn im Spiel. Eine verordnet, die andere prüft und gibt raus. Im Berufsalltag begegnen sich ÄrztInnen und ApothekerInnen allerdings so gut wie nie. Geisterhaft arbeiten sie nebeneinander her. Sprechen müssen beide Berufsgruppen erst miteinander, wenn etwas schiefläuft. Da ist die Packungsgröße vergessen worden, die Apothekerin fragt also nach. Manchmal entsteht auf beiden Seiten der Eindruck, die jeweils andere habe „keine Ahnung“ vom Alltag der anderen. Diese Nicht-Kommunikation ist leider oft Standard. Die verschärft wird durch das jüngst vom Bundestag beschlossene Apothekenversorgungs-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG): Denn jetzt sollen Apotheken zusätzliche Aufgaben übernehmen, die bislang ausschließlich Sache von ÄrztInnen war. Der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe, Hans-Albert Gehle, spricht von einer überschrittenen „roten Linie“.

Doch was stört die Ärzteschaft eigentlich an der Apothekenreform? Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass Apotheken traditionell „ärztliche“ Aufgaben übernehmen: die Abgabe bestimmter verschreibungspflichtiger Medikamente bei unkomplizierten Erkrankungen, Impfen, Blutentnahme sowie Schnelltests auf Erreger wie Influenza-, Adeno-, Noro-, RS- oder Rotaviren. Das soll Apotheken vor Ort stärken, deren Zahl bundesweit auf rund 16.600 zurückgegangen ist – ein Tiefstand seit 50 Jahren. Wir, eine Ärztin und eine Apothekerin, wundern uns, wie ablehnend die Debatten dazu zwischen den Berufsgruppen geführt werden. Man gewinnt den Eindruck, es gehe vor allem darum, den eigenen Berufsstand zu verteidigen, statt die Patientenversorgung zu verbessern.

Laut einer Analyse der Kaufmännischen Krankenkasse von 2024 haben Menschen in Deutschland im Schnitt bis zu zehn Arztkontakte pro Jahr – extrem viele, im europäischen Vergleich. Gleichzeitig sind viele PatientInnen unzufrieden: 44 Prozent kritisieren die telefonische Erreichbarkeit von Praxen, 42 Prozent meinen, dass das in den vergangenen fünf Jahren noch schlechter geworden sei. 27 Prozent halten die Öffnungszeiten von Arztpraxen für unzureichend. Apotheken sind dagegen niedrigschwellig und ohne Termin erreichbar. 78 Prozent der Menschen wohnen laut des Barmer-Instituts für Gesundheitssystemforschung weniger als zwei Kilometer von einer Apotheke entfernt. Gleichzeitig sind Arztpraxen vielerorts überlastet, insbesondere in ländlichen Regionen. Hinzu kommt, dass jede vierte HausärztIn in den nächsten Jahren den Ruhestand plant. Knapp 41 Prozent der HausärztInnen in Deutschland sind 60 Jahre alt oder älter. Es müssen also neue und vor allem pragmatische Lösungen gefunden werden. Diese sollten wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden.

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Obwohl auch ÄrztInnen berechtigterweise über eine stete und wachsende Überlastung klagen, tun sie sich schwer damit, Aufgaben abzugeben. Dabei ist die Debatte über die Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsberufen und das Nichts-abgeben-Wollen gar nicht neu. ÄrztInnen und Pflegekräfte ringen immer wieder um Fragen der Delegation von Aufgaben: Wer darf was am Patienten machen? Meist beharrt die Ärzteschaft darauf, die bestehende Regeln einzuhalten. Diese Auseinandersetzungen gibt es auch zwischen ApothekerInnen und den pharmazeutisch-technischen AssistentInnen (PTA). Auch das soll sich durch die ApoVWG-Reform, die am kommenden Freitag im Bundesrat verhandelt wird, ändern: Apotheken im ländlichen Raum sollen künftig bis zu 20 Tage im Jahr auch von PTAs geführt werden können. Das lehnen viele ApothekerInnen ab.

Doch ist das oft vorgetragene Motiv tatsächlich die Sorge darüber, dass die Qualität der Behandlungen und die Patientensicherheit gefährdet sind? Oder steht dahinter vielmehr eine Angst, die Hoheit über den eigenen Beruf zu verlieren? Natürlich muss man wichtige fachliche Einwände beachten, dass etwa bei Antibiotika eine kontrollierte Abgabe und eine Überwachung extrem wichtig sei, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden. Für solche Fälle braucht es klare Regeln und eine genaue Kontrolle. Gleichzeitig können Apotheken Versorgungslücken schließen, etwa an Tagen mit eingeschränkten Praxisöffnungszeiten oder an Wochenenden und Feiertagen. So müssen Menschen mit unkomplizierten Beschwerden nicht in bereits überlastete Notaufnahmen gehen.

Steht hinter der Ablehnung tatsächlich die Sorge über Behandlungsqualität und die Patientensicherheit?

Das funktioniert. In Großbritannien geben ApothekerInnen bestimmte Medikamente bei einigen unkomplizierten Erkrankungen bereits ab. Auch in Neuseeland können Apotheken einige Arzneimittel rezeptfrei für häufige Erkrankungen direkt abgeben. Eine Cochrane-Analyse zeigt, dass nicht ärztliche Fachkräfte bei der Behandlung häufiger Erkrankungen vergleichbare Ergebnisse wie ÄrztInnen erzielen können. Bereits heute gibt es Beispiele einer gelungenen Aufgabenverlagerung: Impfungen in Apotheken werden gut angenommen, 2024 wurden rund 79.000 Covid- und 121.000 Grippeimpfungen in Apotheken durchgeführt.

Richtige Reformen bieten die Chance, unser Gesundheitssystem interprofessioneller zu gestalten. Dafür müssen die beiden Berufsgruppen Mut für einen Dialog finden. So forderten die Studierendenverbände von Medizin- und Pharmaziestudierenden in einer gemeinsamen Pressemitteilung: „Aus der Perspektive der nächsten ApothekerInnen- und ÄrztInnengeneration wird die Einseitigkeit, mit der diese Initiative teilweise abgelehnt wurde, weder dem Problem noch dem Lösungsansatz gerecht.“ Wenn wir die Patientenversorgung wirklich verbessern wollen, müssen wir uns mehr trauen und vor allem einander vertrauen. Ohne sachliche Diskussion und ohne die Bereitschaft für Veränderungen wird das nicht gelingen. Zu Recht heißt es nach jeder Medikamentenwerbung: „Zu Risiken oder Nebenwirkungen (…) fragen Sie Ihren Arzt oder Ärztin oder fragen Sie in Ihrer Apotheke.“ Denn beide können helfen, sie sollten aber auch miteinander sprechen.

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2 Kommentare

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  • Klingt erst mal gut, aber jedes Mal wenn ich in der Apotheke vermeindliche Beratungsgespräche höre wird mir sehr oft schlecht dabei. Hier wird leider sehr oft von PTAs ohne spezifische Fachkenntnis eine qualitativ schlechte Beratung durchgeführt die sehr oft Verkaufsorientiert ist. Die ApothekerInnen sind oft nicht anwesend und greifen auch niemals ein. PTAs und Apotheker sind nicht ausgebildet um Krankheiten zu therapieren, auch wenn es oft leider anders wahrgenommen wird.

  • Wofür brauch man noch Apotheken. Meine Erfahrung vor Ort ist: Des Medikament hamma net da, komme se morge noch mal. Beratung: Null! Da kann ich gerne Online bestellen, da wird präzise geliefert.