piwik no script img

Antisemitismusvorwürfe bei 48h NeuköllnDie Kunst der Grenzüberschreitung

48 Stunden Neukölln sagt eine Audiotour über Gaza entlang von Stolpersteinen ab. Die Künstler wittern Zensur, wollen aber nicht erklären, was das sollte.

Das Rezept ist simpel: maximale Provokation, anschließend maximale Empörung über angebliche Zensur. Nach diesem Drehbuch lief es auch am vergangenen Wochenende beim Kunst- und Kulturfestival 48 Stunden Neukölln. Geplant war die performative Audiotour „Walking the Gaza Monologues“. Die Texte basieren auf Berichten Jugendlicher aus dem Gazastreifen, die seit 2010 von ihrem Alltag in den von Israel besetzten Gebieten berichten, von ihren Träumen und Sehnsüchten. Die palästinensische NGO Ashtar hat die Berichte in ein Theaterstück verwandelt, das international aufgeführt wurde, 2010 auch in der Schaubühne in Charlottenburg.

Der für das Festival geplante Audiospaziergang sollte hingegen durch die Straßen Neuköllns führen, „entlang einer ausgewählten Route von Stolpersteinen“. Dabei sollten sich „die Zeitachsen zweier Völkermorde zu Parallelen entwickeln“, hieß es in der Ankündigung. Was damit konkret gemeint ist, wollten die Künst­le­r*in­nen der taz auf Nachfrage nicht näher erläutern.

Die Aktion stieß auf heftige Kritik: „Das ist keine Kunst, die Grenzen auslotet. Das ist eine kalkulierte Grenzverletzung“, schrieb der Vorsitzende des jüdischen Vereins WerteInitiative, Elio Adler, in einem offenen Brief am Freitagabend. Die Aktion stelle die Shoah und den Krieg Israels gegen die Terrororganisation Hamas in eine Linie. „Diese Gleichsetzung ist historisch falsch, sie ist perfide – und sie ist nach der Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), zu der sich die Bundesrepublik und das Land Berlin bekennen, antisemitisch“, so Adler. Der Verein forderte die Veranstalter von 48 Stunden Neukölln auf, die Rundgänge abzusagen.

Aus dem Programm gestrichen

Die Veranstalter kamen der Forderung am Samstagabend nach und entfernten den Programmpunkt, nachdem die Tour Freitag und Samstagnachmittag bereits stattgefunden hatte. In der ursprünglichen Bewerbung sei die genaue Ausgestaltung nicht ersichtlich gewesen, heißt es in einer Stellungnahme. „Sobald wir im Zuge des laufenden Festivals auf die konkrete Umsetzung aufmerksam gemacht wurden und wir die volle inhaltliche Tragweite erkennen konnten, haben wir umgehend reagiert und das Projekt unverzüglich aus dem Programm genommen“, so die Festivalleitung. Sie stellt klar: „Die Instrumentalisierung von Orten des historischen Gedenkens für aktuelle politische Konflikte sowie jede Form von Antisemitismus oder Relativierung haben in unserem Festival keinen Platz.“

Die Instrumentalisierung von Orten des historischen Gedenkens für aktuelle politische Konflikte sowie jede Form von Antisemitismus oder Relativierung haben in unserem Festival keinen Platz.

Festivalleitung 48 h Neukölln

Die israelische Botschaft kritisierte die Veranstalter scharf: „Der eigentliche Skandal ist, dass offenbar niemandem auffiel, wie geschichtsvergessen und moralisch verwerflich diese Idee überhaupt war“, schrieb sie auf X. Der Vorfall sei kein Einzelfall. Die Erinnerung an die Shoah werde zunehmend für aktuelle politische Agenden instrumentalisiert.

Für die Künst­le­r*in­nen besteht der Skandal in der Absage. Das Festival sei von „politischen Akteuren zensiert“ worden, schrieben sie auf Instagram. Damit habe sich das Festival „mitschuldig gemacht und dem politischen Druck nachgegeben“. Die Aktion setzten sie unabhängig vom Festival fort. Statt des Spaziergangs entlang der Stolpersteine fand eine synchronisierte Liveübertragung der „Gaza Monologues“ statt, verbunden mit einer Spendenaktion für die Au­to­r*in­nen der Monologe und den psychosozialen Hilfsfonds des Ashtar Theatre für Kinder in Palästina.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

2 Kommentare

 / 
  • Wir wissen es nicht.



    Vielleicht Vertreibung nur als gemeinsames Thema, Tötung von Zivilisten, hoffentlich dann aber auch einschließlich der hoffentlich bekannten Unterschiede und die möglichst umfängliche Vorgeschichte.

    Die israelische Botschaft ist übrigens gar nicht die Anwältin deutscher Juden, falls das keinem aufgefallen ist.



    Entsprechend spielt sie auch nur abermals Powerball für die kurzfristigen Interessen Netanyahus, möglichst ungestört weiter vertreiben und töten zu können. Ein Bärendienst am weltweiten Judentum, das mehrheitlich außerhalb Israels ist.

    • @Janix:

      Israel fühlt sich aber für alle Juden und Jüdinnen in der Diaspora zuständig, somit die israelische Botschaft auch für alle jüdischen Belange hierzulande.