Anti-Linke-Kampagne und Sieg der AfD: Seid entsetzt, seid geschockt!
Sachsen-Anhalt bekommt einen rechtsextremen Landtagspräsidenten, die Linke Hass. Ausrasten ist hier angebrachter als ein „War doch klar“.
Foto: Jan Woitas/dpa
E s ist nicht peinlich, geschockt zu sein. Und doch kassiert man auf Entsetzen immer öfter ein Augenrollen. Aus irgendeinem Grund gilt es als cool, möglichst abgeklärt zu reagieren auf den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt oder auf die Stimmen von CDU-Abgeordneten für den ersten rechtsextremen Landtagspräsidenten seit 45.
Seid entsetzt, seid geschockt: Denn nichts von dem ist normal. Dass während all dem Hetzkampagnen gegen ein mögliches Bündnis von SPD, Grünen und Linke in Berlin gefahren werden. Dass hierfür trotz dem, was in Sachsen-Anhalt passiert, überhaupt noch Sendezeit, Zeitungsspalten und Kapazitäten im Politikjournalismus frei sind, ist hochgradig irritierend.
Richtig: Mich irritiert, was aktuell um mich herum passiert. Und das, obwohl ich seit Jahrzehnten antifaschistische und antirassistische Arbeit mache und politisch gut informiert bin. Ich erwähne das, weil ich mich frage, ob es genau darum geht: das eigene politische Wissen zur Schau zu stellen, wenn den Erschrockenen und Trauernden entgegnet wird: „War doch klar!“
Etwas daran ist erst mal faktisch richtig: In Bezug auf die Umfragen war das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt keine Überraschung. Dass sich das BSW der AfD anbiedert und vonseiten der CDU immer weiter an der Brandmauer gerüttelt wird, ist ebenfalls schon eine Weile bekannt. Dass die Immobilienlobby und ihre Verbündeten in der Politik gegen eine mögliche Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne mobil machen würden, war auch zu erwarten.
Doch „erwartbar“ heißt nicht „normal“. „Ich hab’s doch gleich gewusst“ als Coping-Strategie – auch Besserwisserei genannt – delegitimiert Aufregung und normalisiert damit politische Zustände, die uns alle zum Ausrasten bringen sollten. Auch wenn wir Bescheid wissen über Kapitalismus und Rassismus.
Und diese „Ich hab’s gewusst“-Haltung kommt nicht nur von den üblichen Besserwissern. Was ich beschreibe, wird schnell nur weißen Uni-Linken zugeordnet. Doch auch viele Marginalisierte scheinen sich besser zu fühlen, wenn sie noch mal deutlich machen, dass sie weder vom Ausmaß noch von der Geschwindigkeit des Rechtsrucks überrascht sind. Deren Subtext ist dabei allerdings nicht, „weil ich mehr Adorno gelesen hab als du“, sondern „weil ich am betroffensten bin“.
Selbstverständlich gibt es unterschiedliche Level theoretischer Bildung oder Erkenntnisse aus antifaschistischer Praxis, und es sind auch nicht alle gleichermaßen von Ausgrenzung und rechter Gewalt bedroht. Doch wer sich die Zukunft nicht so brenzlig vorstellen konnte, wie es die Gegenwart nun ist, den beneide ich in manchen Momenten sogar ein bisschen. Und was haben wir eigentlich davon, wenn wir uns gegenseitig unter die Nase reiben, wer besser darin ist, den Untergang vorauszusagen?
Wenn ihr wisst, wie’s läuft, dann wisst ihr doch auch, dass aus Angst, Wut und Empörung mehr in Bewegung kommt als durch Abgeklärtheit und Routine. Wenn wir auf dem Weg in die Hölle sind, will ich, dass meine Mitreisenden sagen: „Scheiße! Mir brennt der Arsch“, und nicht, dass sie mir erzählen, dass sie ja letzte Woche schon geschwitzt haben und dass weitere Temperaturerhöhungen auf diesem Wege unausweichlich sind. Diese Temperaturen sind unerträglich. Es ist richtig, sich darüber aufzuregen, es ist nachvollziehbar, verängstigt zu sein, obwohl man vorher gewarnt wurde.
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