piwik no script img

Anschlag in GroßbritannienAntisemitischer Brandanschlag in London

Eine iranisch-islamistische Gruppe bekennt sich zum Brandanschlag auf vier Krankenwagen einer jüdischen Organisation. Ziel war eine Synagoge, sagt sie.

Es war kurz nach ein Uhr nachts am Montagmorgen, als eine Sicherheitskamera im Nordlondoner Stadtteil Golders Green drei schwarz gekleidete schlanke Männer aufnahm. Raschen Schrittes gehen sie auf einen Krankenwagen zu und schütten etwas aus einem mitgebrachten Eimer über das Fahrzeug. Ein weiterer Mann geht vorbei, danach sind Flammen zu sehen. Die Männer sind aus dem Blickfeld verschwunden. Aber nach kurzer Zeit sieht man, wie sie vom Tatort weglaufen.

Hinter dem Wagen haben sie, wie sich bald herausstellt, noch drei weitere Krankenwagen in Brand gesteckt. Gaskörper darin explodieren und zerschmettern auch die Fensterscheiben umliegender Wohnungen. Die Feuerwehr benötigt nahezu zwei Stunden, um die Brände unter Kontrolle zu bringen. Sämtliche Anwohner werden evakuiert.

Dieser Anschlag wird als antisemitisches Hassverbrechen verstanden. Die Krankenwagen gehörten der jüdisch-orthodoxen Rettungsorganisation Hatzolah, die weltweit in Gegenden mit einem hohen Bevölkerungsanteil jüdisch-orthodoxer Menschen die öffentlichen Rettungs- und Notdienste ergänzen, mit besonderer Vertrautheit mit der Kultur, Religion und Sprache orthodox-jüdischer Menschen.

In den sozialen Medien bekannte sich am Montagmorgen die iranisch-islamistische Terrororganisation Ashab al-Yamin zu dem Brandanschlag. Sie hat bereits Verantwortung für antisemitische Anschläge in den Niederlanden und Belgien übernommen.

Ziel war eine Synagoge mit langer Geschichte

Ziel des Anschlags sei die orthodoxe Mazchike-Hadat-Synagoge gewesen, neben der die Krankenwagen geparkt waren. Als Grund nannte das Statement, dass Abraham Isaak Kook einst Rabbiner dieser Gemeinde war und später der erste Oberrabbiner Israels gewesen sei. Tatsächlich starb Kook 1935, also lange vor der Gründung Israels. Geboren in Lettland, lebte er nach dem Ersten Weltkrieg in Palästina, wo er Oberrabbiner Jerusalems wurde und 1921 Oberrabbiner des gesamten britischen Mandatsgebiets Palästina.

Die Mazchike-Hadat-Synagoge, die Kook 1916–19 in London führte, war 1891 im Londoner Osten gegründet worden und zog 1970 in den Londoner Norden nach Golders Green; das ursprüngliche Gebäude in Brick Lane ist heute eine Moschee. Golders Green hat einen hohen Bevölkerungsanteil jüdischer Menschen, viele davon orthodox, mit zahlreichen jüdischen Lebensmittelgeschäften, koscheren Bäckereien und Metzgereien und Fischgeschäften und jüdischen Buchläden.

Mark Gardner, Geschäftsführer des jüdischen Sicherheitsdienstes Community Security Trust sagte, der Angriff stelle einen Angriff auf Großbritannien als Ganzes dar. „Es heißt immer, dass es ein Angriff auf die jüdische Community sei, aber ich bin auch britisch, also ist es ein Angriff auf Großbritannien“, sagte er der BBC. Er geschehe in einer Zeit, in der jüdische Menschen in Großbritannien zunehmend Angst und Isolation verspürten.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

0 Kommentare