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Angriff auf Journalisten in ThüringenRechtsextreme schlagen erneut in Fretterode zu

Vor dem Haus des Neonazis Thorsten Heise wurden drei Journalisten von Spiegel TV attackiert. Das erinnert an einen Vorfall von vor acht Jahren.

Die Polizei durchsucht das Haus von Thorsten Heise, vor dem mutmaßlich Journalisten angegriffen wurden, 25.3.2026 Foto: dpa
David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

Zwei Männer haben am Mittwochabend mutmaßlich ein Team von Spiegel TV angegriffen. Die drei Journalisten befanden sich am Mittwochabend wegen einer Recherche im thüringischen Fretterode vor dem Haus von Thorsten Heise, dem 56-Jährigen stellvertretenden Vorsitzenden der Neonazi-Partei „Heimat“.

Die Polizei durchsuchte im Anschluss mit einem Großaufgebot das Anwesen von Heise und nahm die Tatverdächtigen kurzzeitig fest. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Laut den Ermittlungsbehörden handelt es sich bei den Tatverdächtigen um einen 56-Jährigen und seinen 22-jährigen Sohn. Nach Informationen der taz sollen das Thorsten Heise und sein jüngster Sohn sein. Die Staatsanwaltschaft Mühlhausen äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Namen. Weil keine Haftgründe vorlagen, seien sie noch in der Nacht wieder freigelassen worden.

Eine Sprecherin des Spiegel-Verlags bestätigte, dass zwei Mitarbeiter eines dreiköpfigen Spiegel-TV-Teams am Mittwoch durch „den Einsatz von Pfefferspray und durch Schläge“ verletzt wurden. Sie seien im Krankenhaus medizinisch versorgt und inzwischen wieder entlassen worden. Durch den Angriff sei zudem Ausrüstung beschädigt worden. Der Spiegel habe Anzeige erstattet.

Bei der Razzia im Haus von Heise suchte die Polizei laut Benedikt Ballhausen von der Staatsanwaltschaft Mühlhausen nach Beweismitteln für den Pfefferspray-Angriff. Dabei habe sie zufällig Gegenstände gefunden, bei denen ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorliegen könnte. Ballhausen war als Bereitschaftsstaatsanwalt am Mittwochabend selbst vor Ort, beobachtete den Einsatz, der von der Bereitschaftspolizei unterstützt wurde.

Angriff Fretterode 2018

Es ist das zweite Mal, das Journalisten vor dem Grundstück von Thorsten Heise angegriffen werden. Schon 2018 griffen Neonazis zwei Journalisten während einer Recherche an und verletzten sie. Einer von ihnen war damals Merlin M. Im Gespräch mit der taz erzählt er am Donnerstagmorgen, er sei am Mittwoch kurz vor dem Angriff ebenfalls in Fretterode gewesen.

Bei den Dreharbeiten mit Spiegel TV sei es darum gegangen, den Angriff von 2018 zu rekapitulieren. Der ist rechtlich noch nicht abgeschlossen. Der Gerichtsprozess läuft fast acht Jahre danach immer noch, mittlerweile im zweiten Anlauf.

Laut Anklage haben die beiden Neonazis Gianluca K. und Nordulf H., ein anderer Sohn von Thorsten Heise, zwei Journalisten verletzt, als sie vor dem Anwesen von Thorsten Heise Fotos machten. Sie jagten sie unter anderem mit einem Baseballschläger, einem Messer und Pfefferspray.

2022 sprach das Landgericht die Neonazis schuldig, doch die Strafen wurden bundesweit als zu gering kritisiert. Wenig später hob der Bundesgerichtshof das Urteil des Landgerichts Mühlhausen wegen Rechtsfehler auf. Nun verhandelt eine andere Kammer den Fall erneut.

Wischiwaschi-Einsatz

Der erneute Vorfall am Mittwoch sei für M. aufwühlend. Aktuell gehe es noch. „Aber ich weiß, dass die nächsten Tage für mich sehr anstrengend werden“, berichtet der Journalist.

Am Mittwoch seien Merlin M. und sein damals ebenfalls betroffener Kollege gerade aufgebrochen und mit dem Auto zwei Dörfer entfernt gewesen, als sie von der erneuten Attacke hörten. Daraufhin seien sie zurückgekehrt und hätten den Polizeieinsatz beobachtet. Von der Arbeit der lokalen Streifenpolizei scheint M. dabei nicht besonders überzeugt. „Wäre die Bereitschaftspolizei nicht da gewesen, hätte es erneut einen Wischiwaschi-Einsatz gegeben“, so sein Eindruck.

Die Journalist:innen-Gewerkschaft DJU sieht den erneuten Angriff im Zusammenhang mit der juristischen Aufarbeitung des letzten Angriffs. „Für viele Medienschaffende steht der Ort seit Jahren symbolhaft für Pressefeindlichkeit und die weitgehend straflose Gewalt gegen Medienschaffende“, erklärt DJU-Bundesgeschäftsführerin Danica Bensmail.

„Wenn Angriffe auf Jour­na­lis­t*in­nen über Jahre nicht abschließend geahndet werden, entfaltet das keine abschreckende Wirkung – im Gegenteil.“ Das mache der erneute Angriff deutlich.

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