Angegriffenes Mullah-Regime: Die Rolle der Aseris in Iran
Der getötete Staatslenker Ali Chamenei war Aseri, Präsident Massud Peseschkian ist ebenfalls aserischer Abstammung. Wieviel Macht hat die Minderheit in Teheran?
In Iran leben mehr Aseris als im Nachbarland Aserbaidschan selbst: laut Schätzungen zwischen 15 und 20 Millionen. Aserbaidschan zählt dagegen nur rund zehn Millionen Einwohner. Damit sind die turksprachigen Aseris die bei weitem größte Minderheit in Iran mit seinen rund 90 Millionen Einwohnern.
Und auch die einflussreichste: wirtschaftlich, militärisch und politisch. So kontrollieren die Aseris große Teile des Teheraner Basars, dem bedeutendsten Marktplatz des Landes. Die iranische Region Aserbaidschan ist eine der reichsten Irans und militärisch bedeutend.
Aber vor allem spielen Aseris im Mullah-Regime, das Israel und die USA stürzen wollen, eine wichtige Rolle. Der beim Angriff am Samstag getötete geistliche Führer der Islamischen Republik, Ali Chameini, war aserischer Abstammung, so wie Verteidigungsminister Aziz Nasirzadeh, der ebenfalls getötet wurde.
Der iranische Präsident Massud Peseschkian, der nun zusammen mit Irans Oberstem Richter Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi und einem Mitglied des Wächterrats die Führung des Landes nach Chameinis Tod übernehmen soll, ist Aseri, ebenso Vize-Außenminister Vahid Jalalzadeh und der ehemalige Wirtschafts- und Finanzminister Abdolnaser Hemmati, der bis Ende 2025 im Amt war.
Militärische Bedeutung als Machtfaktor
Die Aseris spielen zudem innerhalb der iranischen Streitkräfte eine bedeutende Rolle. Die aserbaidschanische Region im Nordwesten des Landes ist militärisch äußerst wichtig. Täbris, die Hauptstadt der Provinz Ost-Aserbaidschan, ist ein logistischer Knotenpunkt, der den nordwestlichen Korridor absichert. Dort befinden sich wichtige militärische Einrichtungen und Luftverteidigungssysteme.
Daher ist die Integration der Aseris in der iranischen Staatsführung auch von strategischem Interesse für das Regime in Teheran. Denn dadurch gelingt es, separatistische Bewegungen in der Region zu reduzieren. In der Tat sind diese innerhalb der aserischen Bevölkerung gering ausgeprägt, da sich viele Aseris als zentraler Teil Irans ansehen.
1979 unterstützten die Aseris die Islamische Revolution, die zur Absetzung von Schah Mohammad Reza Pahlavi führte, die iranische Monarchie beendete und den Beginn der heutigen Islamischen Republik Iran einläutete. Zum einen fühlten sich die ebenfalls schiitischen Aseris ideologisch dem Revolutionsführer Ruhollah Musawi Chomeini nah. Zum anderen waren sie in der Pahlavi-Dynastie, die auf persischen Nationalismus setzte, Repressalien ausgesetzt gewesen. Ihre zuvor florierende Region verarmte. Dabei war Schah Mohammad Reza Pahlavi selbst mütterlicherseits aserbaidschanischstämmig gewesen.
Aseris werden dennoch unterdrückt
Doch auch bei den heutigen iranischen Machtverhältnissen werden die Aseris unterdrückt. So verbietet das Regime die Verwendung von Aseri-Türkisch in Schulen und Behörden. Es gibt Berichte, dass sich im iranischen Staatsfernsehen über den aserischen Akzent lustig gemacht wird.
Gegen jegliche separatistische Bewegungen wird hart vorgegangen. So werden auch politische Aktivisten, die sich für kulturelle oder sprachliche Rechte einsetzen, verfolgt, verhaftet und gefoltert.
An den Protesten gegen das Teheraner Regime beteiligten sich dementsprechend auch die Aseris aktiv, sowohl bei den Jina-Mahsa-Amini-Protesten im Jahr 2022 als auch bei den jüngsten Protesten zum Jahreswechsel 2025/2026, bei denen Tausende getötet wurden.
Misstrauische Beziehung zu Aserbaidschan
Die Regierung im Nachbarland Aserbaidschan vermied es, zu den Protesten offiziell Stellung zu nehmen. Denn die Beziehungen zwischen Baku und Teheran sind angespannt und von großem Misstrauen geprägt. Die Mullahs befürchten, Baku könnte nationalistische Bewegungen innerhalb der iranischen Aseris schüren.
Zudem stellt die aserbaidschanische Außenpolitik für Teheran ein Sicherheitsrisiko dar. Baku arbeitet militärisch eng mit der Türkei, den USA – und Israel zusammen. So ermöglichte Aserbaidschan israelische Geheimdienstkooperationen im Grenzgebiet und ließ sich von Israel hochrüsten. Folglich erhöhte sich auch die Unsicherheit für das militärisch unterlegene Armenien, mit dem Iran gute Beziehungen pflegt, um einen sicheren Transportkorridor durch den Südkaukasus nach Russland aufrechtzuerhalten.
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