An der Grenze zu Rumänien und Moldau: Bessarabische Miniaturen
Über viele Schlaglöcher poltert der Minibus durch Budschak, dem ukrainischen Teil der historischen Provinz Bessarabien. An die Sowjetunion erinnert nur noch ein goldener Lenin.
Foto: Mitya Churikov
D ie Fenster lassen sich nicht öffnen. Unsere Marschrutka, ein zum Minibus umgebauter Lieferwagen, düst mit viel zu hoher Geschwindigkeit über die mit Schlaglöchern übersäte Straße. Ich schwitze im Stehen. „Wie in der Sowjetunion damals! Eingepfercht wie Sprotten“, scherzt unser Fahrer. Ich bin in Budschak unterwegs, im ukrainischen Teil der historischen Provinz Bessarabien, an der Grenze zu Rumänien und Moldau – eine schöne Gegend mit ihren Steppen und Gewässern, aber auch eine vergessene.
Ich bin hier, weil mich die Peripherie interessiert – der Ort, an dem Kulturen aufeinandertreffen. Während ich auf meine nächste Marschrutka warte, düsen mehrere Ladas vorbei.
Infolge der Kolonisationspolitik des Russischen Zarenreichs im 19. Jahrhundert ist Budschak ethnisch außergewöhnlich divers. Nachdem die Russen die Osmanen besiegt und die Tataren, die einst hier beheimatet waren, vertrieben hatten, wurden Bulgaren, Deutsche, Russen, Ukrainer, Juden und Gagausen angesiedelt. Bis heute ist hier das Russische als Sprache der interethnischen Kommunikation dominant.
Im Dorf Wynohradiwka, direkt an der Grenze zu Moldau, leben viele Gagausen, ein christliches Turkvolk. Wynohrad, das bedeutet Trauben auf Ukrainisch. Und tatsächlich: Auf jedem Grundstück wachsen Reben, jede Familie stellt eigenen Wein her. Olga Kulaksyz, die Leiterin des gagausischen Kulturzentrums, organisiert Feste und arbeitet mit Schulklassen – damit die Bräuche und die Sprache der Gagausen fortleben. Stolz präsentiert sie mir die Exponate: traditionelle Kleidung, Ruschnyky – bestickte Tücher – und Susaky – bemalte hohle Kürbisse, die als Behälter dienen.
Die Grenze zur Republik Moldau ist zu
Die meisten Gagausen leben heute in Gagausien, einer autonomen Region im benachbarten Moldau. Zu Sowjetzeiten gab es keine Grenze, da standen die Gemeinden noch in regem Austausch, erzählt Kulaksyz. Doch an die UdSSR erinnert jetzt nur noch ein goldener Lenin, der nach der Demontage von seinem alten Platz in der Dorfmitte hinter dem Kulturzentrum abgestellt wurde.
Dieses ist Kulaksyz’ Lebensaufgabe. Keine leichte, in Zeiten, da immer weniger Gagausen ihre Muttersprache beherrschen und immer mehr ihre Dörfer verlassen. „Ein Schritt nach vorne in technologischer Hinsicht bedeutet einen Schritt zurück, was die Traditionen angeht“, sagt sie mit einem Hauch Nostalgie in der Stimme. Und die Traditionen seien doch das Wertvollste, was der Mensch besitzt. Wer ihre Stelle antritt, wenn sie in Rente geht? Die Zukunft könne man jetzt nicht planen, entgegnet sie. Es herrscht Krieg.
Während die Gagausen in Moldau mehrheitlich prorussisch eingestellt sind, dienen viele auf dieser Seite der Grenze in der ukrainischen Armee. Auch Kulaksyz’ Sohn verteidigte sein Land. Von den mehr als 600 gagausischen Soldaten seien über 40 gefallen, schildert sie – und dann gebe es noch die Verschollenen.
Regale voller Bücher
Nebenan, in der Kleinstadt Bolhrad, leben vor allem Bulgaren. Galina Iwanowa leitet seit über 20 Jahren das hiesige bulgarische Kulturzentrum. Ich treffe sie in der Bibliothek mit Regalen voller bulgarischer Bücher an, die bis an die Decke reichen.
Iwanowa möchte vergessene Traditionen wiederaufleben lassen: Feste, Rituale – die bulgarische Kultur. Außerdem erhalten Schüler im Zentrum Unterricht, um später in Bulgarien studieren zu können. Auch Iwanowa hat in Sofia studiert, ehe sie hierher zurückkehrte. Heutzutage würden viele junge Menschen nach Bulgarien ziehen und nicht mehr zurückkommen, erzählt sie. „Und jetzt sind es noch mehr, denn bei uns gibt es Luftalarm.“ Sie verstehe das, in der EU gebe es mehr Chancen und nun mal keinen Krieg. Dennoch stimmt sie der Fortgang der jungen Generation traurig – wie auch die vielen an der Front gefallenen Bulgaren.
Von meinem Hotelzimmer in Ismajil, der größten Stadt Budschaks, aus kann ich den Hafen an der Donau sehen. Wenn russische Drohnen in unsere Richtung fliegen sollten, werden alle Gäste in den Keller geschickt, erklärt die Rezeptionistin. Glücklicherweise bleibt es ruhig. Vor meiner Abreise gehe ich am platanengesäumten Ufer spazieren. Schiffe legen an, ein Mann angelt oberkörperfrei, es weht eine angenehme Brise. Auf der anderen Flussseite, der rumänischen, herrscht Frieden.
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