Am Rand der Marathon-Strecke: Engel bei Kilometer 25
Die Cappuccini werden kalt, und die Straßen lassen sich noch lange nicht einfach so überqueren. Dafür haben wir die schnellste Frau von allen gesehen.
W ir wollen heute mal ganz vorne dabei sein“, sagt eine Mutter, um ihre kleine Tochter ein bisschen zur Eile zu bewegen. Wir haben das gleiche Ziel, den Schillerplatz, Kilometer 25 der Marathonstrecke. Auf der Sonnenseite der Wiesbadener werden Gartenstühle aufgestellt, Fotografen hocken mit Weitwinkelobjektiven in Abschussposition am Kantstein. Gitarren werden gestimmt, dazu läuten die Kirchenglocken, Rollis und Handbiker werden beklatscht. Die Querstraßen hat die Polizei mit Wannen blockiert.
Ich treffe A., sie bestellt Cappuccini, die wir aber nicht austrinken können. „Sie kommen!“, angekündigt durch Hubschrauber über uns und die Polizei auf Rädern, die uns fast die Füße abfährt, weil wir auf der Straße stehen. „Sie waren früher als weiße Mäuse dabei“, brüllt A. mir ins Ohr. Die Aufregung steigt, dann tatsächlich das Auto mit der Zeitanzeige auf dem Dach: 1:15:01 für einen Pulk von sieben Läufern. Sie sind die Schnellsten. Drei solcher Grüppchen sind ihnen auf den Fersen. Es folgt ein weiterer Wagen, er zeigt 1:19:43 und wir sehen die schnellste Frau, Tigst Assefa aus Äthiopien, an uns vorbeirennen. Keine wird sie einholen.
Zu handgemachter Rockmusik ein paar Meter weiter, vorbei an TrommlerInnen, gefolgt von Boxen mit Techno-Musik, trollen wir uns gegen die Laufrichtung zum Friedrich-Wilhelm-Platz. Die ersten LäuferInnen in Kostümen ziehen vorbei: eine Frau im Glitzerlook, diverse Werbeträger, einer als Engel. A. und ich gehen frühstücken.
Auf meinem Nachhauseweg strömen immer noch Horden die Rheinstraße runter gen Süden, während die ersten TeilnehmerInnen längst im Ziel sind. Ich kann die Straße nur in Etappen überqueren, indem ich mit einzelnen ein Stück mitlaufe, dann ausschere und den nächsten Marathoni begleite, bis ich wieder zur Seite springen kann. Das reicht an Sport für heute.
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