Schräger Vogel: Die Fremde im Treppenhaus
Mehr Empathie mit dem Federvieh. Wenn sich die armen Tierchen verflogen haben und nicht mehr weiterwissen, ist Gefahr im Verzug.
D ass ich besser mit Worten als mit Taten kann, merke ich an einem Tag unter der Woche. Ähnlich wie der Protagonist in einer Novelle von Patrick Süskind war mein „Bein schon im Schritt gegriffen“, als ich sie „im blassen Widerschein des Morgenlichts, das durch das Fenster kam“, im Hausflur sah: die Taube. „Zu Tode erstaunt“ heißt es in der nach ebenjenem Federvieh benannten Novelle, und auch wenn die Aussage krass erscheint, spiegelt sie vielleicht doch ganz gut wider, was ich an jenem Morgen empfand.
Dabei war das „zu Tode“ aber weniger meinem eigenen Schreck zuzuordnen als der Sorge um das arme Tier. Denn anders als Süskinds Protagonist empfand ich kein Gefühl des Eindringens durch die Taube. Viel eher tat sie mir leid, fand sie doch den Ausgang nicht. Zunächst versuchte ich sie nur halbherzig zum Gehen zu bewegen, gab aber aus Zeitmangel schnell auf. Erst als ich wieder zurück nach Hause kam, sie immer noch im Hausflur vorfand – sie hatte den Weg die zwei Stockwerke hin zum geöffneten Fenster nicht gefunden –, griff ich zu drastischeren Mitteln.
Ich dachte, ihr helfen zu müssen, versuchte mit einem Handtuch sie zu lotsen, gar zu fangen. Doch das arme Tier verstand den architektonischen Sinn eines Treppenhauses nicht; flog mal hoch, mal runter, ohne meiner Logik des Abstiegs folgen zu können. Irgendwann waren wir beide am Ende unserer Kräfte – mit dem Latein am Ende sowieso –, ich verschwitzt, sie wie von Sinnen flatternd. Ich gab auf, zog mich in meine taubenfreie Wohnung zurück und überließ sie … ja, was? Das Ende der Geschichte ist, wie ich nach Süskinds Novelle griff, um diese Zeilen zu schreiben, außerstande irgendetwas (Nützliches) zu tun. Vielleicht habe ich doch mehr mit dem Protagonisten gemein, denn meine Gedanken drehen sich nun einzig allein um: die Taube.
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