Erhörte Gespräche: Der Halbsatzmann
Aus manchen belauschten Gesprächen wird man schlauer. Aber nicht aus allen, und manchmal muss man mit dem Unwissen einfach leben.
E r telefoniert schon seit Antonplatz. Laut.
„Du musst dir dein Geschenk schon vorher“, sagt er. Dann eine Pause, in der sicher die Person am anderen Ende der Leitung antwortet.
Die Tram schaukelt.
„Du musst ja auch auf die Insel,“ sagt er, und klingt, als kenne er den Ort genau. Er nickt. Er hört, nickt wieder. Ich finde nickende Menschen beim telefonieren sehr witzig, weil die andere Seite das ja nicht sieht.
Nun hat er mich, ich bin aufmerksam.
„Da fährste halt Tram,“ sagt er. „Sonntagabend dann wieder zurück. Auch anstrengend.“ Zu welcher Insel fährt wohl eine Tram, überlege ich. Müggelsee, vielleicht? Ob es da eine Insel gibt? Ich war schon lange nicht mehr am Müggelsee. Das dauert ja auch bis da runter.
„Ja, ja“, bestätigt der Mann. „Ist aber auch schon gestorben.“ Er lächelt. Die Tram hält. Menschen raus, Menschen rein.
Draußen wirft eine Krähe eine Nuss auf eine Kreuzung. Das sind so schlaue Tiere, denke ich.
Ich wollte immer schon eine Krähe zum Freund. Den Satz muss ich mir merken. Für später.
„Ist weit oben,“ sagt der Mann. „Und die Urne wollten sie eigentlich verschiffen!“ Er schüttelt energisch den Kopf.
Ich schicke mir den Satz selbst per Whatsapp.
„Aber laut und teuer,“ der Mann sticht einen Finger in die Luft.
„Und Litauen ist auch ganz oben.“ Er lacht kurz und laut.
Die Bahn folgt einer Kurve, dann ruckelt sie geradeaus.
„Und dann noch die Blumen!“
Für mich klingt es inzwischen eindeutig nach einem Trauerfall. Aber was haben das Geschenk, die Insel und Litauen damit zu tun? Na, wer weiß, die Welt ist ein Dorf und Berlin ja auch. Und Straßenbahnen gibt es überall.
„Wo?“, fragt der Mann. „Ach, Gontardstraße. Oben?“
Das ist mein Stichwort. Ich muss aussteigen. Und der Halbsatzmann behält den Rest seiner Geschichte für sich.
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