Alltag des Krieges in der Ukraine: Luftalarm im Zug
In der Ostukraine läuft die Evakuierung eines Nachtzuges bei Luftalarm geradezu routiniert ab. Danach geht die Fahrt weiter. Ein Erlebnisbericht.
Um kurz vor 3.00 Uhr morgens kommt der Zug Kyjiw – Charkiw plötzlich zum Stehen. Mitten auf einem Feld. „Alle raus, Evakuierung! Luftalarm“, sagt der Schaffner im ruhigen Ton zu den Schlafenden. „Nehmen Sie Ihre Dokumente und Ihr Handgepäck mit. Ihre Koffer können Sie im Zug lassen.“
Also warmen Pullover überziehen, Stadtrucksack auf den Rücken, Taschenlampe in die Hand nehmen, Telefon und Powerbank in die Jackentasche und raus in die Dunkelheit auf den Acker, die steile Böschung hinunter. Wer jetzt keine Taschenlampe hat, muss sich an den Lichtkegeln der anderen Passagiere orientieren. „Weiter!“, ruft ein Schaffner den auf dem Acker Wartenden zu. „Weg vom Zug!“
Irgendwo in der Nähe ist ein Dorf. Zu sehen ist es in der Dunkelheit nicht, aber das Gebell mehrerer Hunde legt die Vermutung nahe, dass hier irgendwo Häuser sein müssen.
Dutzende Taschenlampen leuchten auf dem Acker, weinende Kinder. Ungefähr eine Stunde warten die Passagiere in der Kälte auf dem Acker. Dann ruft ein Schaffner: „Entwarnung, kommen Sie zurück.“
Nach der Evakuierung geht es im Stop and Go Weiter
Nun heißt es, mit der Taschenlampe in der Hand die steile Böschung hochkommen, mit dem Lichtkegel die Nummer des eigenen Waggons erfassen.
Dann geht es los. Aber nicht für lange. Drei Stunden braucht der Zug im Stop and Go, bis er schließlich im Bahnhof von Poltawa eingetroffen ist.
Natürlich war die Evakuierung eine kluge Entscheidung des Zugführers. Denn während wir auf dem Acker standen, wurde Poltawa aus der Luft angegriffen.
In der Nacht zum Dienstag hat Russland die Ukraine mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen angegriffen. In mehreren Regionen wurden Explosionen gemeldet. Besonders schwer betroffen waren Saporischschja und Poltawa.
Opfer der nächtlichen Angriffe auf beiden Seiten
Nach Angaben der Militärverwaltung von Poltawa kamen dort mindestens zwei Menschen ums Leben, weitere elf wurden verletzt. Durch die Einschläge wurden mehrere Wohngebäude sowie ein Hotel beschädigt. An den getroffenen Orten brachen Brände aus. Bilder zeigen zerstörte Fassaden und schwer beschädigte Mehrfamilienhäuser.
In Saporischschja kam eine Person ums Leben, mehrere weitere wurden verletzt. Beschädigt wurden Wohnhäuser, ein Geschäft sowie Industrieanlagen. In Charkiw schlug eine Drohne in offenem Gelände ein, ohne Opfer oder größere Schäden zu verursachen. Explosionen wurden zudem aus der Region Iwano-Frankiwsk gemeldet.
Auch im unweit von Charkiw gelegenen russischen Gebiet Belgorod kamen Menschen durch ukrainische Drohnen zu Schaden. Dies meldet der russische Gouverneur von Belgorod, Wjatscheslaw Gladkow, auf Telegram. So seien in fünf Ortschaften mehrere Menschen verletzt worden. In einer städtischen Klinik in Belgorod hätten Ärzte bei drei Männern Minen- und Explosionsverletzungen diagnostiziert.
Im Bezirk Schebekino griff eine Drohne im Dorf Nezhegol ein Auto an. Eine Frau, die sich während des Angriffs neben dem Fahrzeug befand, erlitt eine Splitterverletzung.
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