Alice Schwarzer in Berlin: Alice vs. Ikkimel
Alice Schwarzers Buchpremiere offenbart die tiefen Gräben im Feminismus: Statt Gemeinsamkeiten zu suchen, verharren die Generationen im Streit.
W er A sagt, muss auch B sagen, und wer Fotze sagt, muss auch Ikkimel sagen. Dieses feministische Einmaleins beherrscht die Grande Dame des Feminismus selbstverständlich. „Ikkimel ist vielleicht ein sehr freches Mädchen“, sagt Alice Schwarzer am Dienstagabend über die Berliner Rapperin, die sich als die „größte Fotze Europas“ bezeichnet – und damit für viele junge Frauen ein Idol ist. „Aber mit Feminismus hat das nichts zu tun.“ Tosender Applaus erfüllt den Saal – aber es gibt auch kritische Zwischenrufe.
Alice Schwarzer hat am Dienstagabend im Babylon-Kino in Mitte ihr neues Buch vorgestellt. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, viele alte und ein paar junge Frauen sind gekommen. In „Feminismus pur. 99 Worte“ definiert Schwarzer 99 Begriffe genau von A bis Z: von Autofahren und Abtreibung über Essstörung, Homo-Ehe und Haare bis Ostdeutschland und Zweifel. Das bescheidene Ziel: „Den wahren Feminismus retten.“ Denn der sei in Gefahr, so die 83-Jährige.
„Es gibt viele Feminismen und einige neue Feminismen erscheinen mir eher antifeministisch“, sagt Schwarzer. Gemeint sind „Dogmatikerinnen, die alles radikal regeln wollen“ – und die stehen vor der Tür. Rund 60 Demonstrant*innen protestieren vor Beginn der Lesung vor dem Kino, schwenken queere und trans Flaggen, auf Plakaten steht: „99 Worte, 0 Respekt“.
Drinnen warnt Schwarzer: Die Frauenbewegung in Deutschland sei auf der Seite der Männer. „Sie ist pro Prostitution, pro Kopftuch und auch in der Transfrage sehr fragwürdig.“ Jene Feministinnen, die den „wahren Kern des Feminismus leugnen“ würden, seien eine „ernste Gefahr“ für die Bewegung.
Es braucht Argumente, nicht Empörung
Aus ihrer Transfeindlichkeit und Islamophobie macht Schwarzer keinen Hehl: In ihrem Kapitel über das Gendern – „etwas, das Menschen sehr erregt, obwohl es weiß Gott Wichtigeres gibt“ – spottet sie über Sternchen und Unterstriche. „Diese Lücken stehen für alles, was es anscheinend noch gibt zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht“, sagt sie. Es folgen Applaus und schallendes Gelächter. Kritik am Islam werde pauschal als islamfeindlich etikettiert, kritisiert Schwarzer weiter. Und schiebt nach: „Das Kopftuch ist eine Stigmatisierung. Es signalisiert das Anderssein, das Objektsein, die Rechtlosigkeit der Frauen.“
Höchst problematische Aussagen – ohne Frage. Aber keine, die mit Empörung entkräftet werden. Doch genau das geschieht: Während Schwarzer Dialogbereitschaft signalisiert, erzürnen sich jüngere Zuhörerinnen, unterbrechen Schwarzer immer wieder, rufen: „Es ist unerträglich, Ihnen zuzuhören!“ Während sich jüngere Gemüter erhitzen, verlassen ältere Gäste kopfschüttelnd den Saal oder kritisieren die „kleine und hochaggressive Minderheit von Frauen, die andere mundtot machen“. Die Behauptung der Verlegerin, Schwarzer baue „Brücken zwischen Generationen von Feministinnen“, wirkt wie unfreiwillige Satire. Treffender erscheint die zweite Beschreibung: „Für die einen feministische Ikone, für die anderen ein rotes Tuch.“
Was sich am Abend zeigt, ist ein Mikrokosmos der feministischen Bewegung: Statt Argumente auszutauschen und Streit produktiv auszutragen, verharren die unversöhnlichen Lager im Gegeneinander. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, Schwarzers pseudobiologische, trans*- und islamophobe Thesen sachlich zu entkräften. Etwa indem deutlich gemacht wird, dass provokante Selbstaneignung im Rap durchaus eine feministische Strategie ist. Und dass die Abwertung einer jüngeren, queerfeministischen Generation weder feministisch noch zielführend ist.
Bei all der Entrüstung wird verkannt, dass es durchaus Schnittmengen gibt – selbst mit einer so umstrittenen Figur wie Schwarzer. Wenn sie schreibt, Männer sollten „aufhören, ignorant, unterdrückerisch und gewaltvoll“ zu sein und Frauen „endlich auf Augenhöhe begegnen“, oder wenn sie jungen Frauen attestiert, zwischen Emanzipation und stärker werdenden Rollenzwängen zerrissen zu sein, formuliert sie Gedanken, die auch im gegenwärtigen Feminismus Anklang finden. Ihr jahrzehntelanges Engagement – etwa gegen Paragraf 218 – verbindet Generationen von Feministinnen.
Die Zerfleischung ist ein Trauerspiel – und sie stärkt nur eins: das Patriarchat. Von feministischer Solidarität ist an diesem Abend wenig zu spüren, stattdessen hallt ein Satz aus Schwarzers Buch nach: „Frauen waren schon immer gut darin, sich gegenseitig runterzumachen“ – und keine Seite ist besser als die andere.
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