Aktivist*innen über die „Dete“-Besetzung: „Für Radikalität verurteilt“

Seit Freitag besetzen Aktivist*innen die „Dete“, ein ehemaliges Bremer Kulturzentrum. Sie solidarisieren sich mit der kürzlich geräumten „Liebig 34“.

Hausbesetzer*innen stehen auf dem Balkon der Dete, Banner hängen an der Fassade

Auch am Montag durften die Aktivist*innen noch die „Dete“ besetzen Foto: Michael Trammer

taz: Lilith und Luna, Sie und die anderen Hausbesetzer*innen sind immer noch nicht geräumt worden. Überrascht Sie das?

Luna: Ja, voll. Wir sind Montagmorgen super früh aufgestanden, weil nachts zwei Cops in die Absperrung gekommen sind. Die meinten, bis um fünf Uhr müssen die Barrikaden weg sein. Wir dachten, dass das eventuell auch für uns der Auftakt zur Räumung ist. Und dann passierte einfach nichts.

Lilith: Wir haben langsam den Eindruck, dass sie nicht wirklich eine Idee haben, wie sie räumen sollen und auch sehr überrascht sind von der Solidarität.

Solidarität aus der Nachbarschaft?

Lilith: Von Anwohner*innen, aber auch aus der ganzen Stadt. Die bringen Tee und Decken und finden es richtig schön, dass das Haus hier mal wieder genutzt wird. Damit hatten wir gar nicht gerechnet. Jeden Tag entsteht mehr. Das ist sehr beeindruckend.

Luna: Als wir Freitag hier hochgeklettert sind, stand gegenüber ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Ich hatte schon fast ein schlechtes Gefühl, weil ich dachte, er ist total empört, dass sein Kind sich so etwas anschauen muss. Das Kind fragte dann, was passiert und der Vater sagte: „Die Dete steht hier schon so lange leer und es wäre doch richtig schön, wenn das mal wieder genutzt werden würde.“

Wie würden Sie sich bei einer Räumung verhalten?

Luna: Nicht kooperativ. Den Menschen in der Liebig wurde Freitag das Zuhause genommen von quasi der gleichen Institution, die uns jetzt hier das Haus wegnehmen will. Ich bin nicht bereit, denen auch nur ein Stück entgegenzukommen.

Lilith: Das, was hier entstanden ist – was wir am Anfang gar nicht geplant hatten – ist super toll und inspirierend. Ich glaube, das kommt auch daher, dass es so ein Projekt in Bremen lange nicht gegeben hat.

Namen geändert, besetzen seit Freitag das ehemalige Kulturzentrum „Dete“ in der Bremer Lahnstraße.

Was hatten Sie denn am Anfang geplant?

Lilith: Unsere ursprüngliche Motivation für die Besetzung war die brutale Räumung der Liebig, weil uns das als Flinta*-Menschen [Frauen*, Lesben, Inter-, Trans-, Nonbinäre und A-Gender] noch auf eine andere Art mitgenommen hat. Wir dachten, es wäre gut, hier ein Symbol zu setzen: Wenn ihr uns einen Raum nehmt, nehmen wir uns einen anderen.

Sie waren also Freitag nach der Räumung der Berliner Liebigstraße 34 so sauer, dass Sie spontan beschlossen haben, ein Haus zu besetzen und dann haben Sie einfach die Dete ausgewählt?

Luna: Wir wollten eigentlich nach Berlin fahren, aber haben das aufgrund der hohen Infektionszahlen gelassen. Dann waren wir super frustiert und haben uns spontan diesen Alternativplan überlegt.

Lilith: Wir hatten ein paar Ideen und die hier fanden wir am meisten solidarisch mit der Liebig.

Sie sagten gerade, „wir nehmen uns einen anderen Raum“. Wen meinen Sie mit „wir“?

Luna: Flinta*-Menschen im Allgemeinen, aber vor allem linksradikale Flinta*-Menschen. Wir, also die in der Gruppe „Rosarote Zora“ organisierten Flinta*-Personen, erleben selbst, dass uns total viele Dinge in der linksradikalen Szene von Männern aberkannt werden und wir für Radikalität oder Aggressivität verurteilt werden. Das sind aber Dinge, die für Männer in der Szene total normal sind.

Wie nehmen Sie linke Widerstandspraxis aus queerfeministischer Perspektive wahr?

Luna: Die ist oft sehr männlich dominiert und das ist super schade, weil Frauen und Flinta* in der linksradikalen Szene dann abgesprochen wird, die Aggressivität und die Stärke mitzubringen, Häuser zu besetzen, sich gegen Polizei durchzusetzen und sich körperlich zu wehren – und deswegen sind Männer in solchen Fällen super dominant. Gerade deswegen ist es wichtig, dass Flinta*-Räume entstehen wie die Liebig, in dem man sich genau darüber austauschen konnte.

Lilith: Als wir Freitag angekommen sind, haben wir uns auch extra als leicht erkennbar weiblich gegeben, weil wir alle schon die Erfahrung gemacht haben, bei politischen Aktionen männlich gelesen zu werden. Aus dem Grund, dass nicht damit gerechnet wird, dass Flinta*-Menschen auch aggressiv und radikal auftreten können und dabei auch nicht die Hilfe von Cis-Männern brauchen.

Damit beleuchten Sie ja zwei Themen: das allgemeine Fehlen freier Räume und den Protest gegen Leerstand, sowie die Kritik an der heteronormativen linken Szene.

Luna: Genau. Die gehören ja aber auch irgendwie zusammen. Das Flinta*-Thema schlägt sich vor allem darin nieder, dass wir Männer nicht ins Haus lassen.

Was wünschen Sie sich für das Haus hier?

Lilith: Wir haben schon den Menschen, die unten am Haus mitmachen und auch den Anwohner*innen gesagt, dass wir uns einen Dialog wünschen darüber, was hier entstehen könnte. Wir hier oben sind auch geschlaucht und haben nicht die Kapazität, uns auch noch ein krasses Konzept auszudenken. Wir haben Ideen und beteiligen uns, aber wir fänden es schön, wenn das auch mit den Menschen, die hier leben und anderen Flinta*-Menschen abgesprochen wäre und wir hier nicht im Alleingang Sachen entschieden.

Luna: Gerade die weiblich gelesenen Nachbar*innen haben super positiv darauf reagiert und fänden es toll, mehr Frauen- oder Flinta*-Räume zu schaffen. Vielleicht sollte es deshalb auch gar nicht wieder ein Kulturzentrum werden. Wir haben also eine Vorstellung davon, wer diesen Raum nutzt, nämlich Flinta-*-Personen. Wir wünschen uns auch einen linksradikalen Inhalt – aber wie genau, ob Wohnraum oder Jugendzentrum, wissen wir nicht.

Das scheint ja angesichts der Besitzverhältnisse auch eher unrealistisch. Haben Sie Kontakt mit dem Besitzer der Hauses?

Luna: Nein. Ich hab aber auch nicht so ein großes Inte­resse daran, Herrn Bremermann mal kennenzulernen. Er hat uns inzwischen angezeigt wegen Hausfriedensbruchs.

Warum gibt es die „Rosarote Zora“?

Luna: Wir haben uns entschieden, uns als „Rosarote Zora“ zu organisieren, weil wir als Flinta*-Menschen alle selbst in verschiedenen Formen Erfahrungen mit Diskriminierung machen, nicht nur im aktivistischen Bereich. Seit ein paar Wochen plenieren wir.

Lilith: Als Flinta*-Person zu leben, ist ein politischer Akt. Jeden Tag. In der Gruppe sind tägliche Auseinandersetzungen Thema, aber auch sexualisierte Gewalt – ein ziemlich breites Spektrum an Scheißerfahrungen.

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