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Künstlerische SabotageEindringen, mitessen, stören

Die Berliner „Parasite School“ will globale Großkonzerne hacken und verändern. Die taz begleitet das riskante Projekt ein Jahr lang beim Intervenieren.

Mittwochnachmittag in der Papierstraße, im Innenhof des selbstorganisierten Projektraums „Make-up“, einer ehemaligen Tischlerei in Gesundbrunnen, dort, wo Berlin schon fast Reinickendorf wird und die Stadt noch im Übergang ist. Auf dem Tresen einer roh überdachten Outdoorküche stehen zwischen Notizzetteln leere Teetassen und gefüllte Obstschalen, weiter hinten baut jemand einen neuen Schuppen. Mittendrin sitzen Jakob-Margit Wirth und Matilde Outeiro, die beiden Ku­ra­to­r*in­nen der Parasite School, gleichermaßen erschöpft und zufrieden.

Hinter ihnen liegt eine dicht besuchte Kick-off-Veranstaltung mit zahlreichen Vorträgen und Gesprächen am vergangenen Sonntag im Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U), drei Tage Workshop unter Ausschluss der Öffentlichkeit; vor ihnen liegt ein Symposium am kommenden Wochenende und danach ein Jahr, in dem sich das Projekt erst entwickeln muss, in dem man schaut, wie seine unverschämte Kernidee funktionieren wird. Sechs Künst­le­r*in­nen aus verschiedenen Teilen der Welt werden in Berlin und anderswo in Unternehmen und Institutionen eintauchen: in eine große Distributionsfirma, eine Unternehmensberatung, ein Jobcenter, eine Rückkehrberatungsstelle, eine Social-Media-Agentur und ein Geldtransportunternehmen. Sie wollen dort nicht nur beobachten und Material sammeln, sie wollen stören, verschieben, verändern.

Damit ist die Parasite School mehr als investigativer Journalismus mit künstlerischem Überbau. Natürlich geht es auch darum, das, was Wirth das „Herz des Kapitalismus“ nennt, sichtbarer zu machen. Aber die Schule will weitergehen. Sie fragt, ob man ein Unternehmen parasitieren kann, indem man etwa einen Betriebsrat gründet, Arbeitsprozesse hackt, ökologische Maßnahmen einschleust oder das System heimlich sozialer macht, als es das selbst je geplant hatte.

Das Symposium

Am Samstag geht es von 14 bis 21 Uhr auf dem Parasite-Symposium um Politik und Ästhetik; neben anderen sprechen Matilde Outeiro und Jakob-Margit Wirth über ihr Projekt und die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Costas von der Europa-Universität Viadrina darüber, wie sie undercover in einem deutschen Reinigungsunternehmen gearbeitet hat.

Am Sonntag geht es von 14 Uhr und ohne Ende auf dem Parasite-Symposium um Ethik und emanzipatorische Facetten des Parasitären, unter anderem sprechen Tonia Andresen von der Hochschule für Bildende Künste über queere Parasiten und Kuratorin Jen Clarke über Lärm und Zögern des Parasiten.

Wo und wie? Diffrakt, Zentrum für Theoretische Peripherie, Crellestraße 22 in Schöneberg. Der Eintritt ist frei, Registrierung unter register@parasiting.net.

Der Aufwand ist entsprechend enorm. Für die beteiligten Künst­le­r*in­nen gibt es Anwält*innen, Psycholog*innen, einen Notfallfonds und weitere Auffangstrukturen, falls etwas schiefgeht. Zu den Men­to­r*in­nen gehören namhafte Figuren wie Anna Watkins Fisher vom King’s College London, die viel Kluges über parasitäre Strategien in der Kunst geschrieben hat, sowie die Berliner Guerilla Architects, die mit Projekten wie dem „City Data Walk“ rund um den Mercedes-Benz-Platz die private Kontrolle vermeintlich öffentlicher Räume untersucht haben. Die Künst­le­r*in­nen selbst müssen anonym bleiben, denn wer erkannt wird, bevor das Eindringen überhaupt gelungen ist, ist kein Parasit mehr.

Penthäuser für die Nachbarschaft

Am plastischsten hat Wirth die Methode des Parasitierens bei der Kick-off-Veranstaltung im ZK/U erklärt. In Berlin ist Wirth längst kei­ne*e Un­be­kann­te*r mehr. 2019 stellte Wirth das „Penthaus à la Parasit“ auf das Dach eines Neuköllner Mietshauses, wohnte dort auf 3,6 Quadratmetern, organisierte Treffen mit Ak­ti­vis­t*in­nen und Nachbarschaftskonzerte und bot das verspiegelte Gebilde, das darum kaum sichtbar war, zugleich auf Immobilienplattformen zur Vermietung ein. Ein paar Jahre später besetzte Wirth mit beweglichen Podesten Parkplätze und richtete temporäre Wohnzimmer auf brachliegenden Signa-Baustellen ein.

Anders als klassische subversive Kunst, die ihre politischen Absichten meist offen ausstellt, bleibt parasitäre Kunst heimlich

Auf dem Podium des ZK/U berichtet Wirth mit jener trockenen Komik, die entsteht, wenn jemand Dinge tut, die absurd wirken, aber leider nur deshalb, weil die Realität, in die sie eingreifen, noch absurder ist. Die Figur des Parasitären, sagt Wirth, ist gerade deshalb spannend, weil sie einfache Gegensätze wie gut und böse verweigert. Anders als klassische subversive Kunst, die ihre politischen Absichten meist offen ausstellt, bleibt parasitäre Kunst heimlich. Sie lebt vom Wirt, an den sie sich heftet, und bewegt sich zwischen Anpassung, Störung und Widerstand. Im besten Fall kann sie ein System von innen irritieren, überschreiben, vielleicht sogar verändern. Im schlechtesten Fall fliegt sie auf.

Das ist auch deshalb interessant, weil Widerstand so gern vereinnahmt wird. Der spätmoderne Imperativ, ein kreatives, einzigartiges Leben zu führen, führte seit den 1980er Jahren zu ökonomischer Verwertung, beispielsweise zur Flexibilisierung der Arbeitswelt. „Wir sind ohnehin Teil des Systems“, sagt Wirth, „und das reflektiert diese Methode mit“. Die parasitäre Kunst behauptet also nicht, unschuldig außerhalb zu stehen. Sie nimmt die eigene Verstrickung ernst und macht aus ihr eine Taktik.

Wie diese Theorie in die Praxis übergehen könnte, zeigt sich im Hof von Make-up, wo zwei der beteiligten Künst­le­r*in­nen erzählen, wohin sie ausschwärmen wollen. Ei­ne*r plant, in eine Buzz-Marketing-Agentur einzudringen, die in Südostasien wegen der billigen Arbeitskraft noch immer stärker mit Clickworking arbeitet als, wie im Westen häufiger, mit Bots. In der eigenen Region, sagt die Person, sei zu beobachten, wie politische Ak­teu­r*in­nen zunehmend mit solchen Agenturen arbeiteten, um die Öffentlichkeit zu manipulieren.

Es geht nicht nur um Recherche, sondern um Zugang – und vielleicht sogar um gezielte Fehlerkultur in so mancher Powerpoint-Präsentation

Das Ziel sei zunächst „Aufklärung und Transparenz“, sagt die Person. Denkbar sei, mit einer eigenen Agentur die Methoden solcher Firmen offenzulegen – oder aber auch, als Click­wor­ke­r*in undercover Fehler ins System einzuschleusen und manipulierte Inhalte wie aus Versehen zu markieren. Der Parasit wäre hier kein großer Enthüller mit Scheinwerfer und Megafon, sondern ein nervöses Sandkorn der Sabotage im Getriebe der Aufmerksamkeitsindustrie.

Ein*e an­de­re*r Künstler*in, mit wirtschaftswissenschaftlichem Hintergrund, will sich bei einer Consultingfirma in Berlin bewerben. „Die Geschichte und Gegenwart von Consultingfirmen, die zuerst in den USA entwickelt wurden, ist der Öffentlichkeit wenig bewusst“, sagt die Person, und das, obwohl diese Firmen riesig sind und politische wie ökonomische Entscheidungen weltweit mitprägen. Auch hier geht es nicht nur um Recherche, sondern um Zugang – und vielleicht sogar gezielte Fehlerkultur in so mancher Powerpoint-Präsentation.

Der Parasit soll unabhängig werden

Hinzu kommt ein parasitärer Nebengedanke: Die Verdienstmöglichkeiten in solchen Firmen sind oft unvorstellbar. Sollte es gelingen, dort hineinzukommen, könnte mit dem Gehalt der Notfallfonds des Projekts gefüllt und die Parasite School unabhängiger von staatlicher Förderung gemacht werden, die unter anderem vom Bund kommt. In Zeiten, in denen politische Einflussnahme auf Kultur – Stichwort Wolfram Weimers Einmischungen bei Berlinale und Buchhandlungspreis und Berliner Fördergeldaffäre — immer größer wird, ist diese Unabhängigkeit für Wirth und Mit­strei­te­r*in­nen weit mehr als eine organisatorische Frage.

Nach dem Symposium am Wochenende beginnt also die eigentliche Bewährungsprobe. Die Künst­le­r*in­nen schwärmen aus und tauchen vier Monate lang als Pa­ra­si­t*in­nen ab. Im November kehren sie nach Berlin zurück, arbeiten vier Wochen im Rahmen einer Residenz am ZK/U und entwickeln dort eine Ausstellung im Prozess. Anfang 2027 folgt eine fertige Ausstellung.

Die taz wird die Künst­le­r*in­nen während ihrer Interventionen begleiten – und auch ihre Rückkehr nach Berlin.

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