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Aki Kaurismäki in KarlsruheAm Förderband des Lebens

Adran Figueroa adaptiert Kaurismäkis „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“. Und bringt ein düsteres Drama über die kapitalistische Moderne auf die Bühne.

Lucie Emons als „Mädchen mit der Streichholzschachtel“ Foto: Felix Grünschloß

Totenstille, kein Wort. Das erste Geräusch: eine Stechuhr im Vordergrund. Sie strukturiert das Leben von Iris, genauso wie ein gigantisches Förderband. Täglich kommt Iris (Lucie Emobns) hierher. Sie läuft die Treppe vor einer dunkelgrauen Fassade (Bühne: Nina Peller) hinunter und tritt den Dienst an. Während auf dem Hintergrund Bilder einer Maschinenrotation ablaufen, fahren an der Protagonistin Kisten vorbei. Immer im Kreis und immer befüllt sie die junge Frau mit Schachteln. Willkommen in der Fabrik und Inszenierung von Aki Kaurismäkis Film „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ von 1990.

Wer sich an diesen Klassiker, der wiederum auf Hans Christian Andersens Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ beruht, erinnert, weiß, dass darin kaum verbale Kommunikation stattfindet. So auch am Badischen Staatstheater Karlsruhe, das uns einen beklemmenden Kreislauf der Hoffnungslosigkeit vorführt.

Ob in der menschenleeren Fabrik, wo sogar die Gehaltstüte aus dem Automaten kommt, oder bei den Eltern– es herrscht Sprachlosigkeit. Erinnernd an Untote bestreiten die Figuren ihren Alltag aus Suppeschlürfen, Fernsehen und Industriejob, dem allein Iris nachgeht. Bezeichnenderweise befinden sich die Wohnräume auf der Rückseite der Fabrikwand. Dass das sich auf einer Drehbühne befindliche Gebäude vom Förderband gerahmt wird, erscheint nur konsequent. Es gibt kein Außerhalb, kein Dasein jenseits der Ausbeutung, würde die Arbeiterin nicht allmählich zu träumen beginnen.

Dann erblicken wir sie in Videoaufnahmen in einem violetten Kleid. Man ahnt es schon, dieses Produkt wird sie sich besorgen. Darin taumelt sie in eine Disko, lernt Arne kennen, wird sogleich von ihm verstoßen, nachdem er sie geschwängert hat. Iris stürzt sich vor ein Auto, überlebt, herausgeworfen von daheim, im Krankenhaus. Sie tut, was je­de:r emotional nachvollziehen kann: Sie vergiftet den unzuverlässigen Liebhaber mitsamt Vater und Mutter. Ende, aus.

Die Brutalität eines vampiristischen Wirtschaftssystems

Mit seinem tragisch-unterkühlten Setting fügt sich Regisseur Adran Figueroa nicht nur in die jüngere Reihe äußerst düsterer, stets markerschütternder Aufführungen in Karlsruhe – man denke an Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“ bis hin zu Bertolt Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ –, sondern wagt ein radikales Experiment. Sein sich ausschließlich auf Gesten und wenige auratische Sätze beschränkender Minimalismus zeichnet die gottlose Welt des Warenkapitalismus nach. Selbst Liebe und Sex sind Konsumgüter. Für die gemeinsame Nacht legt Arne Iris 100 Euro hin. Wieder Ende, aus, nichts ist von Bedeutung.

Um die Atmosphäre weiter zu verdichten, haben die Komponistenbrüder Ketan und Vivan Bhatti den Klangteppich für den Abend beigesteuert. Mal enervierend-dissonant, mal schwelgerisch schaffen Streicher einen von Unruhe bestimmten Sound. Zudem vernimmt man hier und da Fragmente eines Sehnsuchtslieds. Vom Flug in ein Märchenland oder von Wolken des Glücks ist darin die Rede.

Jenseits der Projektionen erweist sich die Musik als einziges Mittel für eine Innensicht auf Iris’ Gedanken und Gefühle. Ohne eine Aktualisierung zu bemühen, entsteht so das zeitlose Porträt über die Brutalität eines vampiristischen Wirtschaftssystems. Es lässt die Menschen so lange ausbluten, bis sie zu Hüllen verkümmern. Auch die Wünsche bleiben davon nicht unberührt, richten sich doch die Fantasien der Protagonistin anfangs insbesondere auf ein Kleidungsstück. Erlösung bietet es ihr keine. Wie sollte es schon anders sein an diesem Abgrund? Ende, aus.

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