Afghanistan und Terror nach 9/11: Nacht über Kabul

Trotz Nato-Rückzug: Der islamistische Netzwerk-Terrorismus muss weiterhin international militärisch bekämpft werden – auch in Afghanistan.

Eine Frau mit Maske un Kopftuch steht in der Menschenmenge vor einem Bus mit intensiven Blick

Nach der Flucht: Familien bei ihrer Ankunft in Washington, 25. August 2021 Foto: Jose Luis Magana/ap

Eine Kurzmeldung aus dem Afghanistan-Ticker der Deutschen Presse-Agentur (dpa) vom 24. 8. 21: „12.20 Uhr – CIA-Chef William Burns hat einem Zeitungsbericht zufolge den Anführer der Taliban, Abdul Ghani Baradar, zu einem Gespräch getroffen. Der Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes und Baradar seien sich am Montag in der afghanischen Hauptstadt Kabul begegnet, berichtet die Washington Post. Das Blatt beruft sich auf nicht näher bezeichnete US-Beamte, die sich nur anonym äußern wollten.“ Es ist eine Nachricht wie aus dem Drehbuch der Fernsehserie „Homeland“.

Die (bislang) acht Staffeln der Thrillerserie schaute weltweit ein Millionenpublikum. Und diese Millionen wissen seitdem: Klar fliegt ein CIA-Chef nach Afghanistan, mitten hinein ins Chaos, um im Auftrag des US-Präsidenten mit dem Feind zu verhandeln.

Das Militärische unterliegt dem Primat des Politischen und der Diplomatie. Für die Taliban heißt das: Sie müssen zunächst die innere Herrschaft im ethnisch und religiös zerklüfteten Afghanistan stabilisieren. Und zwar schnell. Unnötige Kämpfe mit den ohnehin abziehenden ausländischen Truppen der Nato würden dieses Ziel gefährden. Die vom IS reklamierten ersten verheerenden Anschläge auf Zivilisten und US-Soldaten in Kabul verdeutlichen, welche Gefahren nun drohen.

Wenn die Talibanführer also derzeit vom „Wiederaufbau Afghanistans“ sprechen, meinen sie dies eher spirituell. Tatsächlich geht es um die Verhinderung einer erneuten Zerstörung des Landes. Die demokratischen Staaten haben Milliarden zum Ausbau der Infrastruktur am Hindukusch gepumpt. Und diese braucht die Taliban 2.0. Und zwar intakt. Allein mit Koran, Gewehr und in Sandalen lässt sich auch Afghanistan kaum regieren.

Nationale und imperiale Islamisten

Für die USA als Unterhändler der demokratischen Staaten geht es bei den Gesprächen mit den Taliban darum, die paschtunische Geistlichkeit (im Tausch gegen gewisse Zugeständnisse) in deren Kampf gegen expansivere dschihadistische Bewegungen zu stärken. „Islamischer Staat“ (IS), al-Qaida und Co haben in der Vergangenheit deutlich gemacht, dass sie mit allen Mitteln das imperiale Ziel eines weltweit zu errichtenden Kalifats verfolgen.

Nach 9/11 und 20 Jahren Präsenz in Afghanistan soll das Land dem internationalen Dschihadismus nun nicht erneut als Ausgangsbasis dienen. Ein Staatszerfall unter schwachen Taliban soll vermieden werden, damit alles nicht noch viel schlimmer wird.

Um dauerhaft größere terroristische Aktionen wie 9/11 ausführen zu können, benötigen Terroristen den Schutz- und Rückzugsraum eines Territoriums. Eines Staates, in dem sie vor militärischer Verfolgung weitgehend sicher sind, um die aufwendige Logistik für ihre teuren Netzwerke betreiben zu können.

Man konnte beim Staatszerfall des Iraks und dann im syrischen Bürgerkrieg beobachten, in welcher Geschwindigkeit die Milizen des sunnitischen IS 2014 riesige Territorien übernahmen, angeleitet von alten Offizieren des gestürzten irakischen Saddam-Regimes. Ein temporäres Machtvakuum nutzten sie sofort für sich.

Das Leuchten des Kalifats

Die digital verbreiteten Bilder von Eroberungen, die IS-Propaganda im Internet des real existierenden Terror-Kalifats übten eine regelrechte Sogwirkung auf ungefestigte, oft jugendliche Abenteurer aus. Auch aus Westeuropa schlossen sich Tausende junge Männer (manchmal auch Frauen) dem islamistischen Faschismus an. Sie kämpften in Syrien und Irak. Andere verübten weltweit Attentate, mit Hunderten von Toten in muslimisch dominierten Ländern wie Ägypten, Tunesien oder der Türkei.

In Europa geriet Frankreich besonders in den Fokus. 2015 – die Attentate auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo, das Bataclan sowie das Pariser Nachtleben markierten eine Zäsur. Nachdem der IS dank internationaler Hilfe und der Kurden in Syrien, Irak (und Libyen) weitgehend zerschlagen war, gingen diese Attacken schnell und deutlich zurück.

Antiamerikanismus ist ein steter Begleiter – und hilft doch kein bisschen weiter

Bis zum Anschlag auf den Breitscheidplatz im Dezember 2016 in Berlin hofften viele in Deutschland, man bliebe (abgesehen von Attacken mit Messern oder Hackebeilen) vom islamistischen Terror weitgehend verschont. Tatsächlich galt Deutschland den Islamisten wie bei 9/11 eher als Schutz- und Ruheraum. Nach dem Breitscheidplatz wusste man, es ist anders.

Islamistische Terrorgruppen wie al-Qaida oder IS machten nie einen Hehl daraus, dass für sie ausnahmslos alle „Ungläubigen“ legitime Angriffsziele darstellen. Israel muss zerstört werden, die USA und Europa dürfen grundsätzlich angegriffen werden. Seit es dem schiitischen Konkurrenz-Extremismus 1979 in Iran gelang, sein theokratisches Regime zu errichten, bekam das gesamte islamistische Spektrum einen gewaltigen Schub.

1979, es war auch der Auftakt der Intervention der Sowjets in Afghanistan. Zehn Jahre später, 1989, standen Niederlage und Rückzug aus Afghanistan symbolisch für den bald darauf folgenden Untergang des Sowjetreichs.

Die Kritiker des Westens

Die antiimperialistische Linke glaubt, der islamistische Terrorismus (IS, al-Qaida, Abu Sayyaf, Boko Haram, al-Shabaab und Co) und Staatsterrrorismus (Iran, Taliban, Hamas, Hisbollah) stehen in unmittelbaren Zusammenhang mit kolonialistischen oder rassistischen Gewalterfahrungen durch „den“ Westen. Der Islamismus sei die Antwort auf individuell oder kollektiv erfahrene Diskriminierungen durch Europäer und Amerikaner.

Doch wenn dem so wäre, warum bringen sunnitische Taliban schiitische Hazara um, IS-Kämpfer Kurden und Jesiden? Iranische Mullahs iranische Oppositionelle? Warum verwandeln sich in Frankreich geborene Kleinkriminelle in Massenmörder oder vergehen sich Menschen an Menschen, die Musik hören und tanzen wollen? Der Krieg gegen den islamistischen Terror ist nicht frei von Fehlern und Vergehen. Die Ursache für den islamistischen Terror ist er nicht. Auch nicht die Drohnen.

„Die USA und ihre Verbündeten sind nicht nur Zuschauer, sie sind für den Tod Zehntausender afghanischer Bürger verantwortlich – und nun, nach dem chaotischen Abzug, auch noch für so viel Ungewissheit und Leid“, schreibt Samiha Shafy in der aktuellen Ausgabe der Zeit. Es ist die bequeme Mittellage des deutschen Polit-Feuilletons. Bei Erscheinen des Artikels starben 13 amerikanische Soldaten am Kabuler Flughafen, auch damit die deutschen unbeschadet nach Hause fliegen konnten. Der Antiamerikanismus ist ein steter Begleiter und hilft doch kein bisschen weiter, so man die Zusammenhänge im Nahen und Mittleren Osten verstehen will.

Deutsche und Westeuropäer dürften in naher Zukunft bei den USA zudem kaum mehr sämtliche Weltprobleme abladen können. US-Präsident Joe Biden will sich künftig verstärkt den amerikanischen Binnenproblemen zuwenden. Außenpolitisch soll das Hauptaugenmerk auf den expansiven chinesischen Staatskapitalismus gerichtet sein.

Der Kampf um die Demokratie

Die Globalisierung und Vernetzung der Welt schreitet weiter voran. Der Arabische Frühling hat angedeutet, dass auch die korrupten Despoten des Nahen Ostens mit demokratischen Erhebungen zu rechnen haben. Aber auch mit dem islamistischen Faschismus. Letzterer kann nur erfolgreich bekämpft werden, sofern sich die jetzigen Machteliten in islamisch geprägten Gesellschaften dem demokratischen Prozess gegenüber öffnen.

Und sofern der demokratische Teil der Weltöffentlichkeit weiterhin bereit ist, den religiösen Faschismus polizeilich und militärisch konsequent zu bekämpfen. Es ist ein Weltbürgerkrieg. Eine isolationistische Haltung greift da nicht, auch wenn es, wie das Beispiel Afghanistan zeigt, kein Patent auf dauerhaft erfolgreiche Lösungen gibt.

Zum Schluss eine Meldung der dpa vom 27. 8. 21, Stand 0.20 Uhr: „Wie die Zeitung The Times berichtet, haben Mitarbeiter des britischen Außenministeriums in der Botschaft in Kabul Dokumente mit Kontaktdaten ihrer afghanischen Angestellten zurückgelassen. ‚Der Abzug unserer Botschaft erfolgte in großer Eile, weil sich die Lage in Kabul verschlechterte. Es wurden alle Anstrengungen unternommen, um sensibles Material zu vernichten‘, sagte ein Sprecher des Außenministeriums gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.“

Die USA flogen seit dem Fall Kabuls Zehntausende afghanische Ortskräfte und ihre Familien aus. Die nachlässigen Briten immerhin noch Tausende. Die Deutschen sollen auf 138 kommen, plus 496 Angehörige.

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Andreas Fanizadeh, geb. 1963 in St.Johann i.Pg. (Österreich). Leitet seit 2007 das Kulturressort der taz. War von 2000 bis 2007 Auslandsredakteur von „Die Wochenzeitung“ in Zürich. Arbeitete in den 1990ern in Berlin für den ID Verlag und die Edition ID-Archiv, gab dort u.a. die Zeitschrift "Die Beute" mit heraus. Studierte in Frankfurt/M. Germanistik und Politikwissenschaften.

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