Protest gegen neues AfD-„Bürgerbüro“: Friseurin will sich nicht den Mund verbieten lassen
In Neukölln hat die AfD ein Bürgerbüro eröffnet. Die Nachbarin bezieht mit Plakaten Stellung und bekommt dafür Probleme mit ihrem Vermieter.
Ein lautes Klingeln ringt beim Öffnen der Tür durch den kleinen Friseursalon von Celina S. im Süden von Neukölln. Sie sitzt auf einem Hocker an einem schmalen Tresen. Sie lächelt und ahnt schon, dass sie, statt Haare zu schneiden, Fragen beantworten muss.
Direkt neben ihrem Friseursalon eröffnete am Samstag der Berliner AfD-Abgeordnete Robert Eschricht sein Bürgerbüro. Zur Einweihungsfeier hatte das Bündnis Neukölln zum Protest dagegen aufgerufen – auch Celina S. war bei der Kundgebung dabei.
Sie hatte sich allerdings schon zuvor gegen den neuen Nachbarn rechts neben ihrem Laden positioniert. Seit etwa einer Woche, so erzählt sie, hingen vorne im Schaufenster zwei Plakate mit der pinken Aufschrift: „Fuck AfD“. Das kleine „u“ hat S. durch einen Stern ersetzt. Ihrem Vermieter, der auch der Vermieter der AfD ist, scheint das nicht zu gefallen.
Ein paar Tage, nachdem sie die Plakate aufgehängt hatte, bekam S. Post von ihrem Vermieter „Gropiuswohnen“: In dem Schreiben, das der taz vorliegt, fordert er sie auf, die Plakate „umgehend“ von der Schaufensterscheibe abzunehmen, und bittet sie, „keine politischen Äußerungen“ an die Fassade anzubringen. „Gropiuswohnen“ lässt am Mittwoch eine Presseanfrage der taz unbeantwortet.
Stellvertretend für andere
Aber die 26-jährige S. denkt gar nicht daran, die Plakate abzuhängen: „Ich sehe das nicht ein“, sagt sie. Nicht alle in der Nachbarschaft hätten den Mut, sich öffentlich gegen die AfD zu positionieren, deswegen übernehme sie das stellvertretend, sagt sie. Sie traue den AfD-Leuten zwar keine Gewalt zu, aber vom Publikum, das die Partei bei ihrer Einweihungsfeier angezogen habe, habe sie schon Respekt.
„Ich fühle mich auf jeden Fall unsicher“, sagt S. Gerade weil sie optisch mit dunklen Haaren und dunklem Teint in das Feindbild von rechts außen passe und sich öffentlich gegen die AfD stelle.
Seit viereinhalb Jahren betreibt S. ihren Salon mitten in einer Plattenbausiedlung im Neuköllner Ortsteil Gropiusstadt. Direkt um die Ecke spielen Kinder verschiedenster Hautfarbe zwischen einem Klettergerüst und einem Basketballkorb. Laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg liegt der Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund in der Gegend bei über 50 Prozent. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2023 war die CDU hier stärkste Kraft mit über 40 Prozent, die AfD hatte knapp über 10 Prozent.
Vor dem neuen AfD-Bürgerbüro stehen Ahornbäume, die ersten Blätter fallen schon braun gefärbt auf die Straße. Ein Mann mit Migrationshintergrund aus der Nachbarschaft hat weder mit der AfD noch mit den Anti-AfD-Plakaten ein Problem: Jeder habe schließlich seine Meinung. Ein anderer Mann, der sich als AfD-Wähler zu erkennen gibt, ist regelrecht begeistert vom neuen Büro und geht direkt rein.
Während die Bundes-AfD in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, Räume zu finden, hat die AfD Neukölln jetzt also einen Vermieter gefunden. Doch neben Celina S. Plakat-Aktion regt sich weiterer Widerstand: Der ehemalige Grüne Kevin Schreiber hat eine Unterschriftenaktion ins Leben gerufen, die „Gropiuswohnen“ dazu auffordert die AfD aus ihrem neuen Bürgerbüro wieder rauszuschmeißen. Ab Montag wird die Liste in Jugendzentren und Seniorenheimen in Gropiusstadt ausliegen. „Gropiuswohnen sollte alle rechtlichen Möglichkeiten prüfen, um das AfD-Bürgerbüro dort herauszubekommen“, sagt Schreiber der taz.
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