AfD-naher Naturschutzverein: Blaue Welle auf braunem Grund
In Schleswig-Holstein gründen AfD-Mitglieder den Verein „Blaue Welle“. Unter dem Deckmantel des Naturschutzes verbreiten sie rechte Ideologie.
Foto: Thomas Banneyer/dpa
Die AfD in Schleswig-Holstein expandiert in ein Themenfeld, das sie sonst meist bekämpft: Umwelt- und Naturschutz. In Kiel haben sich Parteimitglieder um Hubert Pinto de Kraus zusammengetan, um den Verein „Blaue Welle“ ins Leben zu rufen. Das Motto des Vereins laut eigener Angabe: „Natur- und Umweltschutz ist auch Schutz der Heimat.“ Pinto de Kraus, der 2025 als Oberbürgermeisterkandidat in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt antrat, versprach im Wahlkampf, sich für „unsere Natur, unsere Umwelt, unsere Heimat“ einzusetzen.
Zugleich forderte Pinto de Kraus jedoch mehr Parkraum und eine Stärkung des Individualverkehrs – ganz auf der Linie der AfD, die den Autoverkehr weiterhin vor allem mit Verbrennermotoren forcieren will.
Auch die erneuerbare Energie ist im AfD-Landesverband ein zentrales Feindbild. Der Ausbau der Windkraft treibe „ausufernd voran“, beklagte etwa der stellvertretende Landesvorsitzende und Europaabgeordnete Volker Schnurrbusch: „Bürger und die Natur zahlen den Preis.“ Zur Kommunalwahl 2023 forderte die Partei auf Flyern: „Schluss mit diesem Irrsinn!“
Statt auf Klimaschutz setzt die AfD auf die Formel „Umweltschutz statt Klimawahn“. Damit versucht die Partei gezielt, die Grünen sowie Initiativen wie Fridays for Future als „ideologisch“ abzuwerten und ihnen den Einsatz für die Natur abzusprechen.
Zwei Strömungen rechter Positionen zum Klimaschutz
Diese Strategie hat System. In ihrer Studie „Klimarassismus“ (2022) unterscheiden die Soziologen Matthias Quent, Christoph Richter und Axel Salheiser zwei Strömungen rechter Positionen zum Klimaschutz: Während die eine Umwelt- und Naturschutz völkisch als Blut-und-Boden-Aufgabe begreife, deute die andere den globalen Klimaschutz als ein ideologisches Projekt liberaler Eliten, mit dem das Volk gegängelt und der Wohlstand ruiniert werden solle.
Die ideologischen Grundlagen für solche Initiativen liefert in der rechten Szene unter anderem das Magazin Die Kehre – Zeitschrift für Naturschutz, das versucht, einer angeblich stattfindenden „Verengung der Ökologie auf den ‚Klimaschutz‘“ entgegenzuwirken. Redaktionsleiter Jonas Schick, der aus dem Umfeld der Identitären Bewegung (IB) in Norddeutschland stammt, argumentiert, dass Naturschutz auch „Kulturlandschaften, Riten und Brauchtum, also auch Haus und Hof“ umfassen müsse.
Der Name des Magazins – Kehre – beziehe sich auf Martin Heideggers Schrift „Die Technik und die Kehre“ (1951). In diesem Text warnte der antisemitische Philosoph vor den Gefahren der modernen Technik. Im Nationalsozialismus sah er eine Möglichkeit zur Umkehr von der Moderne.
Unterstützung erhielt Die Kehre schon 2020 von Björn Höcke. Der thüringische AfD-Fraktionschef beklagte auf Facebook, dass die „heimathassenden Grünen das Thema Naturschutz gekapert“ hätten, „ohne ihm gerecht werden zu können“.
Daran scheint nun auch die Gründung der „Blaue Welle“ anzuknüpfen. Geplant ist zudem eine Jugendorganisation namens „Blaues Kleeblatt“. Auch der AfD-Landtagswahlkandidat Maik Hüttmann soll das Projekt unterstützen. Auf Instagram erklärt der Verein, dass die natürlichen Lebensgrundlagen in Städten, Dörfern, Wäldern, Flüssen und Meeren sowie die Tier- und Pflanzenwelt zu schützen seien. Ein Kommentator bringt die Intention auf den Punkt: „Naturschutz ohne links-grüne Ideologie und ohne Klimahysterie. Längst überfällig.“
AfD will Naturschutzbewegung beeinflussen
Die Anschlussversuche rechter Ökologiekonzepte an den Naturschutz haben historische Wurzeln, die bis in die völkische Bewegung von 1871 zurückreichen – getragen vom Credo eines Vierklangs aus Natur-, Tier-, Heimat- und Volksschutz.
Unter schleswig-holsteinischen Naturschutzverbänden wird die Blaue Welle als gezielte Strategie für die Landtagswahl im April 2027 gewertet. Die AfD-Initiative sei „ein weiterer Versuch, die Partei gesellschaftlich zu normalisieren und Einfluss auf die Naturschutzbewegung zu nehmen“, sagt Florian Teller von der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN) der taz. Die Blaue Welle wolle an das breite gesellschaftliche Anliegen des Naturschutzes anknüpfen, um die eigene „menschenfeindliche Ideologie“ zu verschleiern.
Teller rät Naturschutzakteur*innen deshalb eindringlich davon ab, mit der Initiative zusammenzuarbeiten: Wer sich für den Schutz der Natur einsetze, müsse zugleich für eine offene, solidarische und demokratische Gesellschaft einstehen.
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