Abstiegskampf in der Frauen-Bundesliga: Leiden, Schaffen, Leidenschaften

Im Abstiegskampf muss man kratzen und beißen, und vor allem von Leidenschaft sprechen. Intellekt, Schönheit und Freude sind nur weiter oben erlaubt.

Lina Hausicke schießt den Ball gegen Essen

Wer sagt, dass Abstiegskampf nicht auch mit eleganter Technik geht? Lina Hausicke am Ball Foto: imago

Als Lina Hausicke nach dem mühsam errungenen 1:0-Sieg der Bremerinnen über die SGS Essen von Mikrofon zu Mikrofon geschoben wurde, hat sie es auch wieder gesagt, das Wort. Hausicke, Torschützin des 1:0 und damit Erzielerin aller Bremer Tore (nun zwei) sprach gegenüber der Deutschen Welle davon, man habe Essen „mit ganz viel Mentalität“ bearbeitet, „den Kampf angenommen“, und natürlich: Man habe gesehen, „dass wir viel Leidenschaft haben.“ Das Wort des Abstiegskampfes, das Wort aller Abstiegskämpfe. Leidenschaft.

Aber was eigentlich soll das schon heißen, dieses Kämpfen und Leiden, die Leidenschaft? Spielen alle anderen etwa leidenschaftslos, stehen die Münchnerinnen achselzuckend an der Tabellenspitze? Haben die Leverkusenerinnen sich nicht in höhere Gefilde, ja, vorgekämpft? Was für ein absurdes Wort. Es ist nicht so, als hätte Lina Hausicke das Wort erfunden. In jeder Liga der Welt gibt es eine Zweiteilung: Oben wird mit dem Verstand gespielt.

Da gibt es Taktiken und Systeme, da gibt es Matchpläne, Schachzüge, Rauten, da kann man einander auscoachen und sich selbst vercoachen. Wer unten dagegen von schönem Spiel spricht, wer ein kleines bisschen Intellekt durchscheinen lässt, wird wahrscheinlich standrechtlich erschossen. Unten wird gebissen, gekratzt und gekämpft, unten gibt es Mentalität und vor allem Leidenschaft. Warum eigentlich?

Das Wort Leidenschaft, so weiß das Internet, sei etymologisch ein Lehnwort des französischen „Passion“, was nicht umsonst sowohl Leiden als auch Leidenschaft im Sinne der Begeisterung bedeutet. Enthusiasmus, Feuer, Manie, abgeleitet aber vom Leiden. Und was sich vielleicht ursprünglich mal an die unerreichbare Liebste richtete, ist eigentlich ja wohl die Verkörperung des Abstiegskampfes schlechthin: Fans und Spielerinnen leiden, und aus dem Leiden heraus entfacht man ein Feuer der Begeisterung. Jedenfalls in der Theorie.

Spaß wäre eine verdächtige Emotion

Die Werder-Frauen, ein Klub immerhin, dessen Männer-Fanszene gemeinhin als progressiv gilt, ziehen die wenigsten Fans in der Liga an. Auch in Relation zum mäßig besuchten Rest ist ein Schnitt von 171 Menschen, wenn der Kicker nicht lügt, schlicht peinlich. Die Abstiegspassion ist also erklärbar. Die Wortwahl aber suggeriert, die Teams unten arbeiteten ohne Strategien, ohne Taktiken, und vor allem: ohne Schönheit. Die Schönheit steht ja stets im Ruf, verschwenderisch zu sein. Eitel, nichtig. Wenn es um Titel geht, wird sie eingefordert, wenn es ums Überleben geht, gilt sie als abkömmlich, ja, hinderlich.

Der Verein in Not ist die Arbeitslose unter den Teams, stets unter Verdacht, sich nicht genug anzustrengen. Ein Klub, der gegen den Abstieg ringt, muss geradezu versprechen, nicht schön spielen zu wollen. Er muss sich in Spiele reinkämpfen, es so richtig ernst meinen, und vor allem darf er dabei nicht allzu viel Spaß haben. Spaß wäre ja auch eine verdächtige Emotion. Die Reden von Mentalität und Leidenschaft sind selbst ausgestellte Arbeitszeugnisse, und nebenbei vorweggenommene Entschuldigungen: Wir verlieren, aber seht her, wir bemühen uns doch. Wer ständig enttäuscht, muss permanent betonen, wie sehr er sich anstrengt, mehr als alle anderen da oben.

Sie hat „Spielfreude“ gesagt

Der Abstiegskampf hat eine sehr politische Komponente. Die Bremerinnen, die erstmals in der zweiten Saison hintereinander die Klasse halten möchten („die Klasse halten“ ist auch so eine interessante Formel), haben sich mit dem ersten Saisonsieg nun etwas Luft verschafft. Der Plan ist klar. „Den Rest der Saison mit viel Leidenschaft und Mentalität auftreten“, sagt Hausicke. „Aber auch mit Spielfreude, wie man hoffentlich gesehen hat.“

Sie hat tatsächlich Spielfreude gesagt. Und sie möchte, dass man sie sieht. Das ist doch mal eine gute Nachricht des Spieltags. Denn der Freudentaumel ist ja offiziell erst später erlaubt: beim Klassenerhalt.

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Jahrgang 1991, studierte Journalismus und Geschichte in Dortmund, Bochum, Sankt Petersburg. Schreibt für die taz seit 2015 vor allem über politische und gesellschaftliche Sportthemen zum Beispiel im Fußball und übers Reisen. 2018 erschien ihr Buch "Wir sind der Verein" über fangeführte Fußballklubs in Europa. Erzählt von Reisebegegnungen auch auf www.nosunsets.de

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