Absetzung von Lukaschenko: Ohne kirchlichen Segen

Selbst bislang loyale Zeitgenossen wenden sich von Lukaschenko ab. Nach den jüngsten Gewalterfahrungen darf es kein Zurück zur Tagesordnung geben.

Präsident Lukaschenko mit Sturmgewehr

Kein Bild aus den 80ern: Präsident Lukaschenko mit Kalaschnikow Foto: State TV of Belarus/ap/dpa

Unvergesslich die Bilder von Noch-Präsident Lukaschenko mit Kalaschnikow auf dem Präsidentenpalast: Besser könnte man einen Polizeistaat nicht ausrufen. Doch halt, es sind auch Bilder um die Welt gegangen, die Lukaschenko senior und junior alleine im Saal des Sicherheitsrates mit ihrer Pressesprecherin zeigen.

Will Lukaschenko ein europäischer Pinochet werden, dann werden ihm die Erfahrungen der letzten 26 Jahre wenig helfen. Denn bisher hatte er es immer nur mit einer kleinen, westlich ausgerichteten Opposition zu tun. Doch nun hat die Ablehnung Lukaschenkos auch Kreise erfasst, auf deren Loyalität er immer hatte zählen können.

Allein dass die mächtige orthodoxe Kirche Russlands, Bündnispartnerin von Wladimir Putin, die Lukaschenko-kritische Haltung der belarussischen orthodoxen Kirche gelobt hat, zeigt, dass sich auch die obrigkeitsgläubige orthodoxe Kirche von ihm abgewendet hat. Und die ist in Belarus zehnmal größer als die ebenfalls regimekritische katholische Kirche.

Und während Lukaschenko jeglichen Dialog mit der Opposition ablehnt, schließt ein Gennadij Davydko einen Dialog nicht mehr aus. Davydko ist Vorsitzender der Pro-Lukaschenko-Bewegung Belaja Rus, Vorsitzender des parlamentarischen Menschenrechtsausschusses und gilt eigentlich als Gefolgsmann Lukaschenkos. Doch nun ist sogar er zu einem Dialog bereit, spricht von Fehlern, die die Machthaber gemacht hätten.

Davydkos neues Verhalten muss nicht unbedingt einer neuen Sichtweise geschuldet sein. Vielleicht will er einfach nur rechtzeitig auf der Seite der Gewinner stehen. Und dann ist da noch der Chef des Leichtathletikverbandes, Wadim ­Dewjatowskij. Der populäre Sportler hatte immer zu Lukaschenko gestanden. Doch nun ließ er verlauten, dass dieser nicht sein Präsident sei.

Neu ist nicht nur die breite Ablehnung Lukaschenkos in der belarussischen Gesellschaft. Neu ist auch das Ausmaß von staatlicher Gewalt und Folter. Und dieser Gewalterfahrung wegen kann man diesmal nicht mehr einfach zur Tagesordnung übergehen.

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Jahrgang 1957 Ukraine-Korrespondent von taz und Eurotopics.de. Er hat in Heidelberg Russisch studiert. Daneben gute Ukrainisch-Kenntnisse. Hat sich jahrelang in den Bereichen Frieden, Menschenrechte, Anti-AKW, Asyl engagiert. Zusammenarbeit mit Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen in der ehemaligen UdSSR und in Deutschland. Schreibt seit 1993 für die taz.

Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Tagebuch aus Minsk“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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