Abschied von den sozialen Medien: Und tschüss!
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk war in sozialen Medien omnipräsent – und bekam positive wie Hasskommentare. Er zog die Notbremse und stieg aus.
Z wei Tage nach der Wahl in Baden-Württemberg juckte es in meinen Fingern. Ich hatte ein Zeit-Interview mit dem Grünen Lukas Beckmann gelesen. Er erklärte Özdemirs Sieg auf einer gefühligen Ebene: Der Cem sei ein freundlicher, kluger, zugewandter Mensch mit einer tollen Biografie. Ich unterschreibe das alles, allerdings sehe ich Özdemir politisch auch kritisch. Allein seine wohlkalkulierte Hochzeit mit seinem Freund Boris Palmer als Standesbeamten stand einem Grünen nicht passend zu Gesicht. Da bin ich noch nicht einmal bei Fragen der Migration, Rassismus, ökologischen Kernthemen angelangt.
Ich schrieb los, hinterfragte, was eine Partei tun sollte, und hatte es fast schon in einem sozialen Medium gepostet. Da fiel mir ein, dass ich gar keine Posts mehr loslasse. Seit einigen Wochen benutze ich die Plattformen Instagram, Bluesky, Facebook nur noch als Informationsquelle. Ich habe sämtliche Kommentarfunktionen abgeschaltet. Seither spüre ich jeden Tag, wie mich die Sucht nach den sozialen Medien immer mehr verlässt – und ebenso, wie mich Anspannungen und Verkrampfungen verlassen.
Meine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken begannen erst im Frühjahr 2021, zuerst auf Twitter (später X) und Facebook, dann auf Instagram und schließlich Bluesky. Auf allen Plattformen zusammen hatte ich im Sommer 2025 etwa 100.000 Follower. Ich stellte Rezensionen, Statements zu aktuellen oder zu historischen Ereignissen ein. Die Schwerpunkte bildeten DDR, Ostdeutschland, Geschichte des Kommunismus, ab Februar 2022 der russische Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine, woher die Hälfte meiner familiären Wurzeln rührt. Das verstärkte meine analogen Aktivitäten in herkömmlichen Medien und begleitete meine Publikationen, Interviews, Podcasts, Bücher. Einen Teil meiner Bücher habe ich häppchenweise zur Diskussion gestellt, um so auch Argumente aufzugreifen, auf die ich allein nicht gekommen wäre.
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Am Anfang hatte ich mir die Devise auferlegt, mit allen ins Gespräch zu kommen. Schnell war ich überfordert, nicht nur angesichts der Menge an Kommentaren, sondern vor allem mental. Offenbar hat jeder und jede das Recht in den sozialen Medien zu schreiben, was für nötig erachtet wird. Anfangs zeigte ich Hater an, einige Strafrechtsverfahren waren erfolgreich. Doch ohne Büro und fremde Hilfe war das nicht zu schaffen. Vor allem hatte ich keine Schutzwand. So erwischte mich jede Beleidigung, jede Bedrohung unmittelbar. Da ich vor allem in Ostdeutschland immer mehr zu einer hassenswerten Projektionsfläche geworden war, trafen mich täglich Hunderte, manchmal mehrere tausend Beleidigungen und Drohungen unmittelbar. Viel zu spät realisierte ich, dass nur ich ganz allein die Kontexte aller meiner Posts und Reaktionen kenne, die meisten User hingegen weder wissen, worauf ich reagiere, noch die Vorgeschichte der Streitereien mit Einzelnen kennen. Ich benutzte gern das Wort Honk, weil ich es lustig finde und nicht so abwertend wie Idiot.
Der größte Vollhonk war ich selbst
Doch zu spät merkte ich, dass der größte Vollhonk von allen ich selbst war, weil ich in Ausnahmefällen immer wieder mal mitmachte, was ich eigentlich kritisierte. Als ich damit aufhörte, war es zu spät. Egal, was ich postete – es rollte regelmäßig eine Lawine aus Hass, Ablehnung, Herabwürdigung, Drohungen über mich hinweg. Zudem setzten einzelne Hater etwas über mich ins Netz, was nicht stimmte. Wenn ich um Aufklärung oder Richtigstellung bat, unterblieb das. Schon bald wurden diese Falschbehauptungen als „Beweise“ im nächsten Verleumdungspost benutzt.
Was mich dabei am meisten irritierte, war der Umstand, dass ich in den sozialen Medien fast nie als gleichberechtigter Bürger, sondern fast immer als angeblich privilegierter Historiker wahrgenommen wurde: „Sie als Historiker …“. Täglich wurde mir dutzendfach abgesprochen, Historiker zu sein. Das traf mich, denn als Historiker mit Dutzenden wissenschaftlichen Büchern, rührten diese Dummköpfe in einer klaffenden Wunde. Da ich doch nie als Historiker jene institutionelle Anerkennung gefunden habe, die ich mir erwünscht hatte und – sage ich heute voller Selbstbewusstsein – die angemessen gewesen wäre. Egal. In meiner Selbstbeschreibung in den sozialen Medien steht: „Wollte immer Historiker werden, ich arbeite dran.“ Die dümmsten unter den Dummköpfen haben mir diesen Satz Tausende Mal in die Fresse geschlagen. Ich habe zu spät gemerkt, dass dies alles mich beschädigte und zermürbte, mir zugefügt von Leuten, mit denen ich im analogen Leben nie ein Wort wechseln würde.
Hinzu kam die Abhängigkeit von den sozialen Medien, denn ich bekam nicht nur Hass und Drohungen, ich bekam auch viel Liebe und Anerkennung. Leider bin ich eher der Typ „halb leer“. Die tausendfache Liebe kam bei mir weitaus weniger an als der tausendfache Hass. Als ich mich aus den sozialen Medien verabschiedete, bekam ich Tausende Nachrichten, die mich rührten und mir guttaten. Ich zog dennoch die Notbremse. Zuerst auf X, dann auf Bluesky, schließlich auf Facebook und Instagram. Jetzt beobachte ich die Echoräume und die immer gleichen Reaktionsmuster – mit Distanz. Die meisten meiner Freund*innen waren nie in den sozialen Medien aktiv – keiner von ihnen ist dümmer, uninformierter, unpolitischer als die politischen Aktivisten im Netz.
Mir ist nicht egal, was aus den sozialen Medien wird. Sie können und werden nicht so toxisch bleiben, wie sie sind. Sie haben großes Potenzial, um die Welt besser zu machen. Aktuell aber sind sie Räume, die den Faschismus eher befördern als behindern. In den sozialen Medien habe ich interessante und liebenswerte Leute „kennengelernt“. Auch sie haben oftmals gar nicht anders gekonnt, als mich dem Hass und der Hetze zu überlassen. Die vielen Veranstaltungen, die ich bestreite, sind nie von solchen Tiraden betroffen, dort werde ich weiterhin anzutreffen sein. Oder hier. Oder sonst wo. Aber nicht mehr aktiv in den sozialen Medien, solange sie Orte der Destruktion sind.
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