Abschied von Jogi Löw: Mit Stil gesiegt, mit Stil verloren

Joachim Löw hat sich zu spät vom Amt getrennt? Von wegen. Er ist eine ganz zentrale Figur im bundesdeutschen Kulturwandel.

Der Kopf von Joachim Löw ist zu sehen, darüber quer ein sehr großer Schriftzug:Fußball

Das „Wie“ im Fußball steht ganz oben bei Joachim Löw Foto: Federico Gambarini/dpa

„Hat seine Verdienste, keine Frage, aber er ging einfach zu spät“ – wer das über den Bundestrainer Joachim Löw sagt, der kann sich sicher fühlen als Teil einer absoluten Mehrheit der konformistischen Checker. Glückwunsch dazu. Ich gebe zu: Es gibt gute Argumente und es klingt logisch. Aber hält es einem vertieften Nachdenken stand?

Vielleicht sollte ich sicherheitshalber sagen, dass ich seit einigen Jahren bei manchen Leuten als Jogis letzter Fan verschrien war. Der eine, der einfach nicht kapierte, was alle anderen längst sahen, weil es ja ein Blinder sah. Dass es vorbei war. Mindestens seit 2018, im Grunde schon seit 2016 oder, seien wir ehrlich, eigentlich schon seit 2014. Hätte Löw direkt nach dem Gewinn des Weltmeistertitels aufgehört, dann wäre er sicherlich unsterblich geworden.

Aber, Leute, werden wir mal existenziell: Hat schon mal einer einen Grabstein gesehen, auf dem stand: Er ging einfach zu spät? Sollte man denn nach der Abifeier seines Kindes gehen oder gleich nach der Geburt, weil es besser nicht mehr werden kann? Das ist doch scheiße. Unsere tiefste und schlimmste menschliche Angst ist nicht, dass jemand zu spät geht. Sondern, dass jemand zu früh geht, vor allem man selbst.

Selbstverständlich wird der Fußball immer von hinten analysiert, wenn man das Ergebnis kennt, und dann fabriziert man eine stringente Logik. Aber wer selbst schon aus dem Stadion heraus Spielberichte geschrieben hat, der weiß, dass alles ganz anders aussieht, wenn in den letzten fünf Minuten noch ein Tor fällt, das das Spiel kippen lässt. Dann schreibt man das Gegenteil von dem, was gerade noch als supersolide Analyse galt.

Es hätte alles anders kommen können

Die deutsche Mannschaft, zuvor zu fragil in der Defensive, spielte im verlorenen Achtelfinale gegen England offensichtlich mit der Hauptprämisse, die Null und die Ordnung zu halten und aus dieser Ordnung und der Spielkontrolle heraus gegen selbst extrem vorsichtige Engländer hin und wieder Bälle durchs Zentrum durchzustecken, die den oder die entscheidenden Treffer bringen sollten. Zwei-, dreimal gelang das ideal, und hätten Werner, Havertz und Müller getroffen, wäre Löw ein weiteres Mal der Größte gewesen.

So entschieden zwei handwerkliche Zuordnungsfehler vor den englischen Treffern, und am Ende wird dies alles eingepreist in das Geraune, dass es Kroos schon lange nicht mehr bringe und Sané entweder zu viel oder zu wenig spielte und es überhaupt ein Riesenfehler gewesen sei, Hummels und Müller zurückzuholen. Das sagen vor allem die, die zwei Jahre lang quakten, es sei ein Riesenfehler gewesen, Hummels und Müller nicht mehr zu nominieren.

Das Gefühl war nie wirklich gut

Stimmt schon, das Gefühl war diesmal nie wirklich gut, was die Balance zwischen Defensive und Offensive angeht, aber glaubt denn wirklich jemand, dass der Bundestrainer in den letzten Wochen nicht tausendmal hin und her überlegt hat, warum er auf Dreierkette geht und ob sich Kroos und Gündoğan super ergänzen oder more of the same sind? Im Übrigen: Erinnert sich jemand an diverse Spiele bei der WM 2014: Ghana, USA, Algerien, Frankreich? Deutschland mit vier Innenverteidigern, alles auf Messers Schneide, hopp oder topp.

So ist das bei solchen Turnieren, und alles ist so eng und von Zufällen abhängig, dass es auch die Besten erwischen kann. Frag mal Didier Deschamps oder die Brasilianer von 1982, die Holländer von 1974. Klar kann man mit Verweis auf die Statistik sagen: Hier, bitte, Löw war sechsmal nacheinander mindestens im Halbfinale und flog am Ende zweimal früh raus. Aber das ist eine Pseudo-Evidenz. Es war auch dieses Mal wieder alles möglich. Und es war erst vorbei, als es vorbei war. Also nach dem zweiten Tor der Engländer.

Abschied mit Lächeln

Dann stand er plötzlich als Ex-Bundestrainer auf dem Rasen des Londoner Wembley-Stadions vor der ARD-Kamera, sein alter Recke Schweini versuchte eine freundliche Grabrede, und man sah, dass Joachim Löw sehr, sehr angefasst war. Er wollte nicht zu den Standardsätzen greifen, er konnte aber auch nicht groß sprechen. So lächelte er vor sich hin, um seine Verlegenheit zu kaschieren, hielt dann wieder inne, als fiele ihm ein, dass man ja traditionell nach Niederlagen nicht lächeln durfte, weil das den Alttypus des deutschen Normal- und Gelegenheitsfans noch stinkiger machte. Aber dann lächelte er doch wieder.

Was ich sagen will: Joachim Löw hat einen Unterschied gemacht. Selbst das ganze Gemaule ist geprägt von ihm. Wir maulen anders, wir maulen fachlicher, wir reden auch deshalb so über Fußball, weil es Joachim Löw gegeben hat. Wir denken über Fußball, wie wir es tun, weil Joachim Löw 15 Jahre lang Bundestrainer war. Viele Bundesdeutsche kennen gar keinen anderen mehr, allenfalls noch seinen Vorgänger und Wegbereiter Jürgen Klinsmann.

Fußball zum Wegschauen

Aber um mal vom Krieg zu erzählen: Vor Klinsmann und Löw war die Natio­nalmannschaft in der Hand der Bild-Zeitung. Von Helmut Schön mal abgesehen: Beckenbauer, Vogts, Ribbeck, Völler – Fußball zum Wegschauen. Da rannte der deutsche Manndecker seinen Gegenspielern noch bis aufs Klo nach, es wurde von „deutschen Tugenden“ gefaselt, und wir dachten wirklich, dass wir Fußballspiele und Titel gewinnen, weil wir zwar nicht spielen können, aber besser „kämpfen“ als alle anderen, vor allem, wenn es regnet (wie 1954). „Schönspieler“ war bei uns ganz selbstverständlich und kulturell ver­ankert ein Schimpfwort. Wir waren reaktionär und fachlich ungebildet.

Das änderte sich nicht nur, aber schon auch durch Löw, der mit seinen Leuten eine moderne, internationale Brand entwickelte und das schöne Spiel, das „Jogi Bonito“, einen dominanz­orientierten Ballbesitzfußball mit unterschiedlichen Varianten. Bisweilen sehr pragmatisch, aber oft auch spektakulär für Fachleute und Gelegenheitsfans. Wie der Freiburger Fußballdenker Ulrich Fuchs zu Löws 60. Geburtstag schrieb: „Das ist sein historisches Verdienst: Auf Verbands­ebene den Beweis erbracht zu haben, dass Fußball auf der Höhe der Zeit nicht nur erfolgreich gespielt, sondern auch ästhetisch begründet werden kann.“ Genau, wie es César Luis Menotti postuliert hat, der Trainergott der Linken.

Bundesdeutscher Kulturwandel

Also: Löw ist eine zentrale Figur im bundesdeutschen Kulturwandel, der die Sport- und Unterhaltungsbranche betrifft, das andere Sprechen und Denken über Fußball, und auch den – womöglich nur zwischenzeitlichen – emanzipatorischen Fortschritt des Deutschen Fußball-Bundes. Darüber hinaus hat Joachim Löw, ohne das zu wollen und vielleicht sogar ohne es zu wissen, mit seinem Jogi-Sein die Gesellschaft verändert. Er hat Leute aggressiv gemacht, vor allem konservative und reaktionäre, aber er hat damit in der Gesamtgesellschaft die Art verändert, wie wir deutsche Passbesitzer und Verfassungspatrioten uns sehen, und wie wir gerne wären, auch wenn wir es noch nicht sind.

Wir wollen den Ball flach halten. Wir wollen gewinnen, möglichst oft, aber nicht mit nationalen „Tugenden“, sondern mit flachen Hierarchien, mit internationalem Know-how, in einer Allianz der Verschiedenen – und mit Stil. Wir wollen nicht verlieren, aber wenn es denn sein muss, dann auch mit Stil. Deshalb ist es eine angemessene Ikonografie, dass Joachim Löw das Wembley-Stadion nicht in Wut, Selbstmitleid oder Zerknirschung verließ, sondern mit einem Lächeln im Gesicht.

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Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried

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