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50 Millionen Lotto-Jackpot3,40 Euro, um zu träumen

Ein letztes Mal spielt die Autorin Lotto und träumt vom großen Geld. Doch sie fragt sich: Würde man sich als Millionärin noch über die kleinen Dinge freuen?

Vielleicht bin ich in diesem Moment kurz davor, mehrfache Millionärin zu sein. Wenn ich am Sonntag zur gleichen Zeit hier an meinem Schreibtisch sitze – wäre ich dann eine andere? Das Fenster wäre genauso weit geöffnet wie heute, das Elefantengras würde im Wind rascheln. Alles wie immer. Und doch hätte sich mit einem Schlag alles verändert. Ein paar Zahlen, die richtig fallen, und plötzlich lösten sich drückende Probleme mit einem Schlag auf. Ich könnte mit beiden Händen hineingreifen in die heimliche Schublade der lang gehegten Träume. Mein Einsatz für diese Möglichkeit: 3,40 Euro. Das sind zwei Tipps, mal hastig im Gespräch unter dem Tisch getippt, kurz vor Annahmeschluss. Ich spiele seit ein paar Wochen Lotto 6aus49.

Alles beginnt an einem Samstag Ende Mai. „Wir müssen noch Lotto spielen. Der Jackpot“, ruft er vom Balkon.

Wenig später stehen wir an dem kleinen Tresen hinter der Tür des Lottoladens. Er nimmt zwei Scheine aus dem Plexiglasständer, zielsicher, als würde er das jede Woche machen. Mein Nachbar hält den mit einer Schnur am Tisch befestigten Stift und sieht mich an.

„Und? Ich kreuze deine Zahlen an“, sagt er.

„Gut. Also 8. „Nein – Moment, 7 ist besser.“

„Das muss schneller gehen.“

„42, 18, 12.“

„Ich schreibe meine nebenbei“, sagt er. Blind mache er das.

„Ein Tipp nur?“

„Nein, drei.“

„Gut, dann drei – ich auch. Den dritten machst du für mich.“

Ein Mann, etwa 70, mit Hörgeräten in den Ohren, fragt den Verkäufer: „Haben Sie Kondome?“

„Nein. Da musst du zu Rewe.“

„Da war ich schon. Gibt keine.“

„Dann Apotheke.“

„Viel zu teuer.“

„Dann mal viel Glück“, wünscht mein Nachbar.

Ob er nicht viel lieber in dieser Lage wäre, das Glück einer Nacht voller Hingabe mit einer Frau vorzubereiten, als mit mir in den riesigen Lostopf zu schielen?

Ein Gewinn ist so wahrscheinlich wie die Möglichkeit, viermal im Leben vom Blitz getroffen zu werden, habe ich mal gelesen. Und wir tun es trotzdem, jetzt und hier zwischen Zigaretten, Zeitschriften und Kaugummis. Der Schein mit den drei Tipps kostet nicht einmal fünf Euro. „Das geht doch“, stelle ich fest.

„Kannst du nicht was tun, dass wir gewinnen?“, bitte ich den Verkäufer.

„Ja, ja“, sagt der und zuckt mit den Schultern.

Am Abend schreibe ich dem Nachbarn: „Was machst du mit 50.000 Euro?“

Er antwortet schnell: „George Best: ‚Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.‘ Du weißt aber schon, dass es hier um 50 Millionen geht?“ Seit Ende Mai steht der Jackpot auf seiner Höchstgrenze von 50 Millionen Euro. Mit jeder Ziehung wächst die Zahl der Menschen, die davon träumen. Rund 7 Millionen Deutsche spielen regelmäßig Lotto – wenn der Topf auf sein Maximum anschwillt, explodieren die Zahlen. Ich lasse mich anstecken, von dem Wettlauf um einen Wahnsinnsbetrag, dabei würde schon ein Bruchteil davon mein Leben auf den Kopf stellen.

Wir haben beide den ganzen Sonntag nicht nach den Gewinnzahlen geguckt, dabei sind wir uns noch 6 Mal begegnet. „Hast du schon?“ „Nein. Du?“ „Nein.“ „Warum?“ „Das hat Zeit.“

„Warum siehst du nicht nach?“, fragt mein Kind.

„Ich will es noch nicht wissen. Mir gefällt die Möglichkeit eines Gewinns. Ich würde mir die ganze Freude verderben, wenn ich der Sache auf den Grund ginge. In weniger als 30 Sekunden wäre all das Schöne und Aufregende vorbei und das Geld in den Wind gesetzt, von dem ich uns lieber zwei Tafeln Schokolade gekauft hätte.“ Mir gefällt das Davor.

Was soll ich eigentlich mit Millionen? Braucht ein Mensch so viel? Von der, die nicht weiß, wie sie den Sommer finanzieren soll, zu Millionen. Trotzdem fängt der Gedanke an, mich auf interessante Weise herauszufordern.

Was tut man mit so einem Batzen Geld? Ich stelle den Wecker auf drei Minuten und schreibe auf: Reise nach Italien, klar. Der TÜV für das Auto. Das roséfarbene Kleid, von dem ich mir gestern einen Screenshot gemacht habe – Kostenpunkt 40 Euro, das muss sonst bis zum Sale warten. Nun gibt es kein Halten mehr. Kühlschrank und Waschmaschine sind so gut wie kaputt. Ich will einmal so ein Törtchen von Butter Lindner essen, auch wenn es 6 Euro kostet. Und ich würde einer Menge Alleinerziehender erst mal eine Ferienreise an ein Sehnsuchtsziel schenken.

Was haben Gewinner in den ersten Stunden gemacht – alle angerufen, ein großes Essen? In einer sternenklaren Nacht, am Weißwein nippend, überlege ich mit Freunden, was sich ändern würde. „Man könnte sich Zeit kaufen“, sagt einer. „Wie denn?“ „Ich müsste keine Existenzängste mehr haben. Man hat endlich Zeit für alles.“ – „Was ist alles?“ – „Ich könnte das Leben genießen, Leute besuchen …“ „Das kannst du doch jetzt schon.“ – „Eben nicht, weil ich als freier Künstler rennen muss, seit Jahren immer rennen.“

Vor jeder Ziehung bemerke ich wieder ein Kribbeln. Ich habe die KI nach wahrscheinlichsten Möglichkeiten gefragt und Statistiken angesehen, nach denen die Superzahlen am häufigsten die 4 und die 7 waren. Am 4. 7. habe ich Geburtstag – ein Zeichen? Am Ende bleibt es reiner Zufall. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, in einer App zu spielen, das geht schneller – nur noch zwei Tipps. Das Geld verlässt mich unauffällig über PayPal. Zwei Tage später sehe ich, dass ich danebengelegen habe.

Mein Junge schimpft, ich soll aufhören. Ständig erzähle ich von Suchtgefahren und dann stürze ich mich selbst in die sinnlose Geldausgabe. „Das stimmt auch und ich höre ja wieder auf“, beruhige ich ihn. Es sei wie eine kleine Karussellfahrt, für die gibt man ja auch Geld aus. „Aber ich will nicht, dass wir reich werden. Ich will nicht, dass sich bei uns was ändert. Alles ist schön, wie es ist“, sagt er.

Ist es ja auch, allerdings sieht er das Jonglieren im Hintergrund nicht.

An der Supermarktkasse bezahlt ein Mann 50 Euro für einen Lottoschein – ganz ohne Regung im Gesicht. „Ach, ick jewinn ja sowieso nüscht“, sagt die Frau vor mir. Jewinnen tun immer nur die, die sowieso schon allet haben. Ick doch nich.“ Die Verkäuferin lächelt. „Sein Se froh, wenn Se nüscht jewinnen. Ist doch erwiesen, dass alle unglücklich jeworden sind, die plötzlich so fülle Jeld hatten.“ „Na, wenn’s wenigstens so ein kleiner Jewinn wäre, für wat Schönet“, sagt die Frau vor mir und bittet die Verkäuferin um zwei Packungen Zigaretten aus dem Regal. „Na dit is nüscht Schönet. Jewonnen oder nich, dafür würde ick mein jutet Jeld nich ausjeben“, sagt sie.

Einen großen Traum habe ich mir in diesem Sommer schon erfüllt. Seit meiner Kindheit liebe ich Elefantengras, die grünen, flatternden Blätter, die im Wind rascheln. Bei Kleinanzeigen wurden ausgegrabene Wurzeln verschenkt. Durch Zufall standen an diesem Tag riesige Plastiktöpfe neben einer Mülltonne. Der aufgeklebte Preis – 178 Euro – verriet, dass die Pflanzen darin edel waren. Meine Gräser sind unbezahlbar. Es macht mir Freude, ihnen beim Wachsen zuzusehen. Ich mache Striche an die Wand mit Datum, um den Fortschritt festzuhalten. Bald ragen sie in mein Schreibtischfenster hinein. Das ist mein Jackpot – mein Elefantengrassommer. Vielleicht könnte ich dieses kleine Glück gar nicht mehr fühlen, wenn von allem so viel da wäre.

„Weißt du noch, der ältere Mann auf der Suche nach den Utensilien für die Liebe? Ob alles so geklappt hat, wie er es an diesem Nachmittag erwartet hat?“, frage ich meinen Nachbarn gestern. Und ich werfe hinterher: „Hast du wieder gespielt?“ – „Klar.“

Ich beende die Sache mit meinem heutigen letzten Tipp, dann kann mich der Jackpot mal. Die Wochen waren wie ein aufregender, ungewöhnlicher Film über mich, heimlich gedreht.

Mit der ersten Quittung, die mein Nachbar an dem Mai-Samstag für mich ausgefüllt hat, gehe ich in den Lottoladen und reiche sie über den Tresen.

„11 Euro sind das“, sagt der Verkäufer. „Wirklich?“ „Willst du gleich noch mal spielen?“

„Nein. Nein.“

Das macht zwei herrliche Chinapfannen im Asia-Bistro vor Netto für das Kind und mich. Das wird schön.

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