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4.000 Tonnen geschenkte Kartoffeln„Den regionalen Erzeugern wird vors Schienbein getreten“

In Berlin sollen bis zu 4.000 Tonnen Gratiskartoffeln verteilt werden. Ein Marketinggag auf dem Rücken lokaler Landwirte, kritisiert ein Biobauer.

Die Geschenkaktion im Vorfeld der „Wir haben es satt“-Demo lenke von wichtigen Fragen ab, sagt Landwirt Johann Gerdes Foto: Florian Boillot
Timm Kühn

Interview von

Timm Kühn

taz: Herr Gerdes, Sie bewirtschaften einen Biokartoffelbetrieb im Märkisch-Oderland. Was sagen Sie zu der Aktion der Osterland Agrar GmbH mit der Berliner Morgenpost und Ecosia, 4.000 Tonnen „geretteter“ Kartoffeln kostenlos überwiegend in Berlin zu verteilen?

Johann Gerdes: Das ist an Absurdität nicht zu überbieten. Hier wird ein traurigerweise wertlos gewordener Agrarrohstoff in einer riesigen Menge verschenkt und so getan, als sei das eine gute Aktion, um Lebensmittel zu retten. Wir glauben, damit wird vor allem ein Publikum adressiert, das vermutlich sonst regionale oder Biokartoffeln kaufen würde. Denen wird jetzt eine konventionelle Kartoffelsorte, die normalerweise als Verarbeitungskartoffel angebaut wird, von weit her angekarrt. Und die Leute werden nun horten. Am Ende ist dann die Enttäuschung groß, weil die Leute selbst zu Le­bens­mit­tel­ver­schwen­de­r:in­nen werden.

Im Interview: 

Johann Gerdes ist Landwirt und bewirtschaftet mit 10 Mitarbeitenden den Beerfelder Hof im Osten Brandenburgs. Er erzeugt unter anderem Getreide, Kartoffeln und Rindfleisch für den Berliner Biomarkt. Er ist im Märkischen Wirtschaftsverbund und dem Bio Kartoffel Erzeuger e. V. aktiv.

taz: Können Sie veranschaulichen, wie viel 4.000 Tonnen Kartoffeln sind?

Gerdes: Das ist in etwa die Menge, die alle Biobetriebe aus dem Umland in einem Jahr insgesamt für den Berliner Naturkostmarkt produzieren. In der Menge wird hier also das Arbeitsprodukt eines Jahres von einem Dutzend Betrieben verschenkt. Eine Tonne Rohware hat in normalen Jahren einen Wert von etwa 500 Euro. Das heißt, es geht um einen Marktwert von 2 Millionen Euro. Das hat Potenzial, den Gesamtmarkt zu beeinflussen.

taz: Was vermuten Sie für eine Motivation hinter der Aktion?

Gerdes: Im besten Fall ist es gut gemeint, aber schlecht gemacht. Der Bauernbund Brandenburg hat die Vermutung aufgestellt, dass hier ein Agrarunternehmen aus Sachsen den Markt schwemmt, um ihren eigenen Markteintritt vorzubereiten. Das ist nun erst mal eine Unterstellung. Letztlich handelt es sich um einen Marketinggag für die Berliner Morgenpost und Ecosia, und natürlich auch für die Osterland Agrar GmbH. Damit treten sie uns regionalen Erzeuger vors Schienbein – und die Leute glauben, dass sie was Gutes tun.

taz: Die Kartoffeln der Osterland Agrar GmbH wurden bereits bezahlt. Der Käufer hat Geld dafür gezahlt, diese Kartoffeln nicht annehmen zu müssen. Wie kann das eigentlich passieren?

Gerdes: Der konventionelle Markt ist dieses Jahr so voller Kartoffeln, dass der Handelspartner, der diese Menge ursprünglich kaufen wollte, es als billiger erachtet, erneut günstige Kartoffeln in der Nachbarschaft zu kaufen und diese Kartoffeln zu entschädigen. Der Betrieb hat also sein Geld erhalten, die Ware aber immer noch da liegen – und jetzt verschenkt er sie. Eigentlich werden die Kartoffeln also total billig entsorgt.

taz: Was wäre denn ein sinnvollerer Umgang mit der Ware?

Gerdes: Kartoffeln können auf den Teller kommen, als Futter in den Trog oder als Kraftstoff in den Tank. Die Osterland Agrar GmbH stellt ihren Viehbetrieb gerade auf Bio um, die Kartoffeln werden aber noch konventionell produziert. Das heißt, sie können die Kartoffeln nicht verfüttern. Wenn sie als Speisekartoffeln nicht absetzbar sind, wäre die sinnvollste Lösung, sie in die Biogasanlage zu fahren, wo sie zur Energieproduktion genutzt werden. Das ist traurig, aber die Realität.

Demo "Wir haben es satt"

Worum geht's? Jedes Jahr zur Grünen Woche ruft ein Bündnis aus Landwirten sowie Umwelt- und Tierschutzverbänden zum Protest für eine solidarische Landwirtschaft auf. Unter dem Motto "Haltung zeigen!" wird dieses Jahr die Förderung kleiner bäuerlicher Betriebe, Transparenz über Haltungsbedingungen und Gentechnik, mehr Klimastandards, sowie faire Preise und Entwicklungszusammenarbeit gefordert.

Wo und wann? Los geht es am Samstag (17. Januar) um 12 Uhr am Brandenburger Tor. Traditionell findet am Vorabend eine "Schnippeldisko" statt, mit vielen Workshops und Inputs rund um das Thema Agrarwende, Ernährung und Landwirtschaft statt. Diese findet am Freitag (16. Januar) im Zentrum für Kunst und Urbanistik (Siemensstraße 27) um 18 Uhr statt. (tk)

taz: Warum ist denn der Markt dieses Jahr so voll?

Gerdes: In den letzten Jahren hatten wir aufgrund des Wetters immer eine Minderernte, sodass sich Angebot und Nachfrage bei einem akzeptablen Preis ausgleichen konnten. Deswegen sind viele neue Pro­du­zen­t:in­nen auf den Markt gekommen, weil die Preise gut waren. Dieses Jahr hat die Ernte alle Erwartungen übertroffen. Jetzt muss diese gesamte Ware innerhalb von zwölf Monaten vom Markt, weil sie sonst vergammelt ist. Das Resultat ist eine unheimliche Preisrally nach unten.

Hier wird das Arbeitsprodukt eines Jahres von einem Dutzend Betrieben verschenkt

Landwirt Johann Gerdes

taz: Können sich in dieser Preisrally große Agrarholdings wie die Osterland besser halten, als kleine Landwirte?

Gerdes: Ja. In allen Krisen der vergangenen Jahre haben sich großen Betriebsstrukturen immer gehalten, häufig durch Investitionen aus internationalen Konsortien. Viele kleine Landwirtschaftsbetriebe haben deshalb aufgehört zu produzieren, weil sie für sich keine Perspektive mehr gesehen haben. Die Tendenz ist: Die Kleinen geben auf und die Großen werden größer.

taz: Am Wochenende ist die „Wir haben es satt“-Demo, an der Sie auch jedes Jahr teilnehmen. Wird das auch ein Thema dort sein?

Gerdes: Ja, klar. Bei der Demonstration werden wir ganz viel darüber sprechen, dass im Hinblick auf Ernährungssouveränität und auf Resilienz von Landwirtschaft eine bäuerliche Agrarstruktur immer besser ist als Holdings, die alle paar Jahre unter komplexen Beteiligungen den Besitzer wechseln. Weil kleinbäuerliche Strukturen ökonomisch immer im Nachteil sind, muss es darum gehen, sie zu unterstützen. Das ist auch eine Kritik: Dass diese Aktion bewusst im Kontext der „Wir haben es satt“-Demo gesetzt wurde, ohne mit den Or­ga­ni­sa­to­r:in­nen oder mit der örtlichen Landwirtschaft abgestimmt zu sein – und nun die kritischen Debatten, die wir über die Agrar- und Ernährungswirtschaft führen wollen, überschattet.

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11 Kommentare

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  • Uff, ja. Ich kaufe ausschließlich Bio, über kleine Händler, tatsächlich dann auch vom Beerfelderhof (der Herr, der das Interview): aber stolpere schon über den ersten Absatz: wer eine nahrhafte Kartoffel einen "wertlosen Agrarrohstoff" nennt, der ist MEILENWEIT entfernt von der Realität vieler Menschen in der Hauptstadt, von denen viele echte Geldsorgen und Nöte haben oder sowieso bereits jeden Cent umdrehen und in Altersarmut leben.

    Ich wusste beispielsweise auch nicht, dass die Bio Bauern ebenfalls auf vielen Kartoffeln bzw. Vollen Lagern sitzen. Anstatt Spaltung zu betreiben, wie wäre es damit sas Gespräch zu nutzen (aber halt nicht nur zur Presse, sondern untereinander) und auf die regionale Kartoffel aufmerksam zu machen und bei allen den Konsum anzukurbeln?

    Und wieso habe ich hier auch eh das Gefühl dass sich vor allem Männer wegen der Kartoffel beefen? Die Menschen, die Lebensmittel retten, sind oft nicht dieselben die Autos besitzen und direkt auf Biohöfen einkaufen. Ein Lebensmittel zu retten ist immer gut. Noch besser wenn es an Bedürftige geht. Sprecht mal mit einander...

    Wir sollten Wütend sein, ja. Auf die Märkte die ausländische Kartoffeln ein- und verkaufen.

  • Da bestätigt Johannes Gerdes wieder mal, dass die großen Betriebe, Konzerne meist, solche Bewegungen überstehen, die kleinen aber nicht. Warum aber wählen die vielen kleinen Landwirte immer wieder nur die Vertreter der Großen in die Positionen im Bauernverband? Dieser Verband berücksichtigt nur !! die Interessen der Großen: die Kleinen stören - bestenfalls. Es ist schon sehr weit mit der Entwicklung einer "Marktbereinigung" und nur noch Konzerne bestimmen das Geschehen - wie im Lebensmittelhandel schon länger.

  • Das Lebenmitteloligopol aus Edeka, Rewe, Aldi und Lidl beherrscht den Lebensmittelmarkt. Preistranzparenz gibt es kaum noch, die haben fast alle die gleichen Preise. Die Politik legt sich vor der Handelsmacht auf den Bauch. Grossagrarier produzieren gewaltige Übermengen. Sie werden publikumswirksam als soziale Tat unter die Bevölkerung verschleudert. Was für Heuchler. Dabei müssen 2 Mio. Leute zur Tafel, damit sie nicht verhungern. Die gesalzenen Preise bei Edeka und Co. Können die nicht mehr bezahlen. Die ersten gehen jetzt klauen, wenn das Portmonee leer ist. Deutschland wird ein Land der Armut werden. Und alle schauen einfach zu, solange man noch selbst nicht betroffen ist.

    • @KLaus Hartmann:

      Dieser Betrieb hat keinen Überschuss produziert. Der war bereits verkauft. Übrigens haben etliche Landwirte in Deutschland gerade Kartoffelüberschüsse. Und die LKW Laster gingen überwiegend an die Tafeln, just saying. Mit der Übermacht der Konzerne im Handel Stimmen ich Ihnen jedoch zu. Die verkaufen übrigens lieber Karroffeln aus dem Ausland, weil ist noch günstiger..

  • Ich finde die Aktion der Osterland ,,dufte " .



    Nun hat die Hauptstadt die Möglichkeit wirklich Haltung zu zeigen. Steht man zu den regionalen Erzeugern und lässt die Aktion ins Leere laufen , oder beweist man Haltung nur mit Plakaten vorm Brandenburger Tor und zeigt ansonsten das das Billig vor Haltung steht. Man darf gespannt sein.



    Ansonsten zeigt dieser Beitrag eine Praxis die gar zu gerne verschwiegen wird: die Teilumstellung von Betrieben mit fröhlichem Flächentausch. Wie das geht ? Umstellung einzelner Flächen mit Luzerne oder Kleegras, damit man den Boden mit Stickstoff anreichert, anschließend Bio(raub)Bau , in dem die Böden ausgelaugt werden bis die Beinkräuter überhand nehmen. Danach konventionell um die Fläche wieder in den Griff zu bekommen. Dann beginnt der Kreislauf mit Kleegras. ... So funktioniert das nicht selten.

  • Also eigentlich lässt sich ja über jede Situation jammern: Schlechtes Jahr - zu wenig Kartoffeln, wir verdienen nicht genug, gutes Jahr - der Marktpreis sinkt, wir verdienen nicht genug.

    Ich finde die Aktion großartig. Lebensmittel werden nicht veschwendet, Menschen teilen sich einen großen Vorrat selbstorganisiert auf, Leuten mit geringem Einkommen wird vielleicht ein bisschen Erleichterung verschafft.



    Und dann beschwert sich ein lokaler Betrieb über zu viel Konkurrenz. Vielleicht sollte man auch Food-Sharing-Projekte unterbinden, um mehr Menschen zum Kauf bei lokalen Erzeugern zu zwingen?

    Mein letztes Erlebnis mit lokal erzeugten Kartoffeln war übrigens, dass ungefähr ein Viertel direkt in den Müll gewandert ist. Scheinbar hat der lokale Erzeuger die schönen Exemplare für die Supermärkte aussortiert und die schlechtere Qualität geht an diejenigen, die für viel Geld ein gutes Gewissen mit lokalen Produkten kaufen.

  • 2025 war ein sogenanntes Mastjahr oder Fruchtjahr, viele Fruchtkulturen haben übermäßige Erträge gebracht. Die Jahre davor war es eher zu trocken. Daran sind Schwankungen, die die Natur erzeugt, ablesbar.



    In einer Welt, in der immer alles jederzeit verfügbar ist, erscheinen diese Schwankungen als Fehler in der Produktion oder so. Es ist aber so, dass diese Schwankungen natürlich sind und auch gar nicht in den Griff zu bekommen sind.



    Das bedeutet, dass sich der Konsum von Urerzeugnisse nach den Erträgen richten müsste. Wer bitte ernährt sich so?



    Ein Umdenken und eine Verhaltensänderung bei der Ernährung ist deshalb wichtig.



    Die Leute kommen an meinen Gemüsestand und suchen oft eine ganz bestimmte Zutat. Die wenigsten orientieren sich an dem saisonalen Angebot. Aber was ist denn heute saisonal? Es ist doch immer alles verfügbar. Durch gewächshauslandschaften und Kühlräume, beheizte (!!!) Gewächshäuser wird die Saison durch teilweise absurden Energieaufwand und massivem Materialeinsatz (Folien, Vliese) verlängert.



    Wenn Menschen keinen Bezug mehr zur Nahrung haben, verstehen sie diesbezüglich auch nichts mehr. Viele sollten ihr eigenes Essen anbauen oder andere damit versororgen

  • Gibt’s keine Tafeln mehr? So weit ich weiß nimmt man da gerne Kartoffeln an, weil die auch fast jeder isst. Über das Land verteilt wären dann 4000t gar nicht mehr so viel. Dann macht man auch keinem das Geschäft kaputt, weil die Empfänger eh kein Geld haben.

    Aber so denkt man eben nicht im Business.

  • Hier sind, leider mal, die Landwirte selber mitschuldig. Deutschland hat bei Kartoffeln einen Selbstversorgungsgrad von 145 % ( www.bmel-statistik...ilanzen/kartoffeln ), da ist es einfach nicht das klügste immer mehr Kartoffeln anzubauen.

  • Für die Bioschweinefütterung ungeeignet, aber für die Berlinerinnen und Berliner reicht's. Darüber kann man schmunzeln, aber es zeigt ja auch wie absurd "bio" manchmal sein kann. Wenn die Schweine besser fressen, als die Menschen, dann kann es das auch nicht sein.

  • Oder jetzt mal in der lokalen Tradition essen, was das Zeug hält: Kein Witz: Pommes Fritz. Ich hätte es an deren Stelle doch noch eher nach Bulgarien oder die Westukraine verbracht - oder für die vielen Ballermannen verschifft, auf dass die bitte etwas länger dort bleiben.