40 Jahre Tschornobyl: Untergepflügter Salat und gesperrte Sandkästen
Junge Eltern sind verunsichert, als 1986 die Strahlenwolke aus der Sowjetunion Westdeutschland erreicht. Nach einiger Show reagiert die Politik.
Die Schlagzeilen am Kiosk sind dramatisch an diesem Dienstag. Es ist der 29. April 1986, und in großen Lettern liest man „Atomkatastrophe“. In Finnland und Schweden haben Wissenschaftler am Vortag erhöhte Radioaktivität in der Luft gemessen, deren Herkunft sich anhand der Windströmung errechnen lässt.
So bricht die Mauer der Geheimhaltung: Die Sowjetunion kommt nicht mehr umhin, einzugestehen, dass sich am 26. April in „Tschernobyl“ – selbstredend benutzen damals alle den russischen Namen dieser ukrainischen Stadt – ein Atomunfall ereignet hat. Die amtliche Nachrichtenagentur der UdSSR, TASS, lässt nun den Westen wissen: „Maßnahmen werden ergriffen, um die Folgen des Unglücks zu beseitigen.“ Man habe „eine Regierungskommission eingesetzt“.
Auch am folgenden Tag sind die Zeitungen voll von Berichten über das „Höllenfeuer“. Wer an diesem 30. April einen Geigerzähler zur Hand hat, kann zumindest in Süddeutschland messen, wie im Tagesverlauf die Strahlenwerte in der Luft ansteigen. Denn man ist in Deutschland, je nach Standort, nur zwischen 1.050 und knapp 1.700 Kilometer Luftlinie von Tschornobyl entfernt. Vor allem in Bayern und im Südosten Baden-Württembergs geht mit Regenfällen auch Strahlung nieder.
Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen, damals sowjetischen Tschornobyl (russisch Tschernobyl) zum Super-GAU. Eine radioaktive Wolke verseuchte große Teile Europas. 40 Jahre später blickt die taz in einem Schwerpunkt zurück und nach vorn. Die taz verwendet bei ukrainischen Orten grundsätzlich die Schreibweise in Landessprache, nicht die russische – so auch bei Tschornobyl.
Nun herrscht Ausnahmezustand. In Baden-Württemberg beschlagnahmt die Polizei Freilandgemüse, Kühe dürfen nicht mehr auf die Weide. In Nordrhein-Westfalen empfiehlt das Gesundheitsministerium, man möge nicht ohne Schutzkleidung in den Regen gehen, Kinder von Sandkästen fernhalten und Hautkontakt mit dem Boden vermeiden.
Becquerel-Tabellen und Politik-Show
Der Sommer ist geprägt von Becquerel-Tabellen; die Einheit der radioaktiven Strahlung ist in Zeitungen und Nachrichten so präsent wie die Temperatur in der Wetterprognose. Salat wird untergepflügt, belastete Milch zu Milchpulver verarbeitet, ohne dass es einen Plan gäbe, was später damit passieren soll.
Politik verkommt zur Show: Bayerns Umweltminister Alfred Dick steckt im Jahr nach der Katastrophe vor laufender Kamera den Finger in verstrahltes Molkepulver, leckt ihn ab und sagt: „Des tut mir nix.“
Gleichwohl sorgen sich Eltern seit dem Eintreffen der Strahlung um ihre Kinder. Darf man Babys noch stillen in diesen Tagen? Oder nimmt man besser H-Milch, die noch abgefüllt wurde, bevor die Wolke übers Land zog? Viele drängende Fragen.
Natürlich hat der Atomunfall auch Folgen für die Bundespolitik. Weil das bislang zuständige Innenministerium sich gänzlich überfordert zeigt, gründet die Bundesregierung unter Helmut Kohl Anfang Juni das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Walter Wallmann wird der erste Minister.
Die Strahlenbelastung in der Luft hat sich normalisiert
Im August beschließt die SPD, sich für einen Ausstieg aus der Atomenergie innerhalb von zehn Jahren einzusetzen, während Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber den Etat für die Erforschung der erneuerbaren Energien deutlich aufstockt. Anschließend lässt er bei Solarforschern anfragen, ob sie spannende Projekte hätten – man habe Geld zu verteilen. Eine durchaus ungewöhnliche Situation.
Die Bevölkerung lernt zugleich, was radioaktive Isotope und Halbwertszeiten sind. Das Jod-131, das nach Deutschland kam, zerfällt schnell; seine Menge halbiert sich alle acht Tage und ist heute praktisch nicht mehr vorhanden.
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Das Cäsium-137 aus dem sowjetischen AKW ist mit seiner Halbwertszeit von 30 Jahren hingegen noch zu einem guten Teil existent: Rund 40 Prozent der Mengen, die damals in Deutschland ankamen, stecken noch heute irgendwo in den Böden. In der Luft immerhin hat sich die Strahlenbelastung Anfang Juni 1986 wieder normalisiert.
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