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1.604 Tage Krieg in der UkraineKindheit im Schatten der Frontlinie

Viele Kinder in der frontnahen Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine leiden unter Angststörungen. Spielplätze und Schulen sind gefährliche Orte geworden.

I n meiner Heimatstadt Sumy, im Nordosten der Ukraine, nur 17 Kilometer von der Front entfernt, gibt es schon wieder keinen Strom. Seit 24 Stunden. Die Russen hatten zwei Fliegerbomben auf das städtische Umspannwerk abgeworfen. Und vier auf das Heizkraftwerk.

Ich sitze in einem Café, in dem ein Generator lärmt. Die Hitzewelle, die Ende Juni ganz Europa erfasst hatte, ist nun auch im Osten der Ukraine angekommen. Ohne Strom, Internet und Ventilatoren wird sie zu einer weiteren Herausforderung für Kinder und Erwachsene, die seit viereinhalb Jahren unter russischem Beschuss leiden.

Das Brummen der Generatoren verschmilzt mit dem Heulen des Luftalarms. Ich arbeite momentan an einer Reportage für eine ausländische Zeitung über Kinder im Krieg. Einige meiner Beobachtungen möchte ich hier teilen.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Frontnähe als Angstfaktor

Ich habe Er­zie­he­r*in­nen in einem Heim für Waisenkindern im westukrainischen Lwiw interviewt. Anschließend war ich in einem Zentrum für außerschulische Bildung und Förderung hochbegabter Kinder in Sumy. Und konnte ein ziemlich beängstigendes Paradox beobachten: Die Kinder, die zu Hause bei ihren Eltern lebten, wirkten bedrückter, verletzlicher und unsicherer als diejenigen, die ohne elterliche Fürsorge aufwuchsen. Der Unterschied lag im Wohnort.

Anna Klochko

Die ukrainische Journalistin berichtet über Krieg, Kulturerbe und Landwirtschaft aus der Ukraine und dem Ausland. Als Mitglied der Ukrainischen Vereinigung professioneller Fotografen (UAPP) untersucht sie die Folgen von Konflikten, Vertreibung und Resilienz – oft durch die Linse der interkulturellen Psychologie und der visuellen Erzählweise. Die Autorin war Teilnehmerin eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Angst, Verschlossenheit, Aggressionen – all das wird oft auf das Aufwachsen ohne Eltern oder eine feste erwachsene Bezugsperson zurückgeführt. Ich hatte das bei den Waisenkindern erwartet. Tatsächlich habe ich all das viel stärker bei Kindern erlebt, die bei ihren Familien aufwachsen – in der frontnahen Stadt Sumy.

Das bedeutet nicht, dass die Traumata elternloser Kinder weniger stark sind. Doch in Lwiw gibt es ein System, dass die Folgen des Verlustes abfedert: Betreuer, Mentoren, Naturerlebnisse, Offline-Unterricht, feste Tagesabläufe. Am allerwichtigsten war allerdings die Entfernung zur Front, also die räumliche Distanz zu den unmittelbarsten Gefahren des Krieges.

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Kinder spüren die Angst der Eltern

In Sumy habe ich Kinder gesehen, die zwar bei ihrer Familie, aber dafür im Epizentrum des Krieges leben. Die Eltern sind zwar da, aber von der Angst um ihre Angehörigen zermürbt. Die Familie ist nach wie vor eine Quelle der Liebe, kann dem Kind jedoch nicht mehr immer das Wichtigste geben – ein Sicherheitsgefühl. Und das liegt daran, wie allgegenwärtig der Krieg im Leben des Kindes ist: Angst, Explosionen, Luftschutzbunker und das Warten auf schlechte Nachrichten sind Alltag geworden.

Viele Väter sind an der Front. Und die Kinder spüren die Angst der Mutter, auch, wenn diese das nicht offen ausspricht. „Hat Papa immer noch nicht angerufen?“, fragt das Kind hundertmal am Tag. Aber Papa ist schon seit einer Woche nicht mehr erreichbar …

Feriencamps in der außerschulischen Einrichtung in Sumy finden nicht mehr draußen statt, sondern in Schutzräumen. Dort verbringen Kinder fünf, sechs Stunden am Tag. Der Luftalarm dauert manchmal bis zu 18 Stunden. Allein im Juni sind im Gebiet Sumy 13 Menschen durch russische Angriffe ums Leben gekommen, mehr als hundert wurden verletzt.

Selbst Malvorlagen für Kinder dienen mittlerweile der Warnung und nicht mehr als Zeitvertreib: Mit roter Farbe malen die Kinder Handys, Süßigkeiten, Puppen und Bälle aus – Gegenstände, die das russische Militär mit Sprengstoff versieht und von Drohnen abwirft.

Kindheit ohne Freunde und Spielplätze

Eltern und Pädagogen in Sumy sind sich einig: Seit fast sechs Jahren Online-Unterricht (Pandemie und Krieg) kennen Kinder ihre Mit­schü­le­r*in­nen häufig nur noch als Profilbilder auf Zoom. „Mein Sohn hat seinen Mitschüler zum ersten Mal in der Bücherei gesehen, wo beide am Ende der 6. Klasse ihre Schulbücher zurückgeben wollten“, erzählt ein Pädagoge in Sumy.

Für die Kinder in Sumy ist der Krieg schon lange kein fremdes Phänomen mehr. Er hat Einzug in ihr Leben gehalten und hat sie aus den Höfen und von den Spielplätzen in die Keller vertrieben.

Aus dem Russischen: Gaby Coldewey

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