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15 Obdachlose gestorbenHamburg sollte schnell warme Orte schaffen

Das Winternotprogramm erreicht längst nicht alle Menschen ohne festen Wohnsitz. Die Stadt könnte ihnen das Überleben leichter machen.

Ein Obdachloser ist bei frostigen Minusgraden in seinem Zelt an der Lombardsbrücke in Hamburg verstorben Foto: Marcus Golejewski/dpa
Kaija Kutter

Aus Hamburg

Kaija Kutter

Tut die Hansestadt genug und das richtige bei dieser Kälte, um den obdachlosen Menschen zu helfen? Darüber gibt es in Hamburg Streit. Vor einer Woche wurde durch die Staatsanwaltschaft bekannt, dass zwischen dem 2. und 23. Januar 15 Menschen gestorben waren, die keinen festen Wohnsitz hatten.

Ob diese direkte Erfrierungstode waren, ist noch nicht geklärt, nicht alle Toten werden obduziert. Bei zweien ist die Identität noch nicht geklärt. Von den übrigen starben drei im Freien, vier in einer Klinik, vier in einer Notunterkunft und zwei in Wohnungen. Die 13 Menschen, deren Alter bekannt ist, wurden im Schnitt nur 46 Jahre. Es handelt sich um fünf Deutsche, einen Syrer und sieben Osteuropäer.

Der Hamburger Senat, der auf eine Anfrage der CDU hin bis einschließlich 16. Januar zehn Todesfälle im öffentlichen Raum und in Einrichtungen bestätigte, erklärte sein Bedauern. Zugleich erklärt er, Hamburgs Winternotprogramm sei mit 800 Plätzen mit Zwei- und Dreibettzimmern gut ausgestattet. Man habe „keine Person wegen fehlender Kapazität abgewiesen“, heißt es darin.

Ich finde es unmenschlich, Menschen wegen mangelnder Mitwirkung ein Bett zu versagen.

Olga Fritzsche, Linken-Sozialpolitikerin

Doch Hamburg bemüht sich, sein Winternotprogramm möglichst unattraktiv zu machen. So müssen die Obdachlosen die Unterkünfte tagsüber verlassen. Erst ab vier Grad Minus, so das Konzept, wird von dieser Regel abgewichen. Aktuell dürfen die Menschen zwar bis zum 9. Februar drinnen bleiben. Andere Städte im Norden wie Bremen lassen die Obdachlosen den ganzen Winter über im Warmen.

Und es gibt eine Hintertür im Hamburger Konzept. Menschen, die „keinen Anspruch auf einen Schlafplatz in den Unterkünften“ haben, wird „ein nächtlicher Aufenthalt in der Wärmestube“ geboten. Dort gibt es nur Sitzplätze. Dieses „Angebot“ gilt laut Sozialbehörde, wenn Personen ihre „Selbsthilfemöglichkeiten“ oder „Rückkehrmöglichkeiten“ nicht in Anspruch nehmen.

Sitz-Stuben sind keine Alternative

Und das passiert oft. So wurden laut offizieller Bilanz im Winter 2024/25 insgesamt 104 Personen an diese Sitzstube verwiesen. Am häufigsten wegen „mangelnder Mitwirkung“. Die Stube blieb aber meistens leer, von 100 Plätzen waren im Schnitt nur neun belegt. Das zeigt: Die Menschen gehen lieber dahin, wo sie liegen können.

„Ich finde es unmenschlich, Menschen wegen mangelnder Mitwirkung ein Bett zu versagen“, sagt die Linken-Sozialpolitikerin Olga Fritzsche. Menschen aus Osteuropa hätten einen weiteren Grund, Unterkünfte zu meiden. „Sie haben Angst, aufgegriffen und abgeschoben zu werden.“ Wie eine Anfrage der Linksfraktion ergibt, passiert das in Hamburg Dutzenden Obdachlosen, die ihren Freizügigkeitsstatus verloren.

Wie schlecht es den Menschen bei der Kälte geht, das merken die ehrenamtlichen Helfer. Sie hätten Patienten mit Wärmepflastern versehen, „um die Körpertemperatur wieder hochzubekommen“, schrieb das Team des Arztmobils nach seinem Einsatz am Sonntag auf der Reeperbahn.

Mit Lungenentzündung aus dem Krankenhaus entlassen

„Das Problem ist die Erschöpfung der Menschen durch die Kälte und die Nässe“, sagt Ronald Kelm, der beim Gesundheitsmobil am Hauptbahnhof hilft. Den Obdachlosen fehle Zugang zu medizinischer Versorgung. Ein Obdachloser sei gar mit Lungenentzündung aus dem Krankenhaus entlassen worden. „Das Grundproblem ist, dass Hamburg auf diese Kälte gar nicht eingestellt ist. Wir brauchen jetzt zusätzliche Angebote, die schneller und besser koordiniert werden müssen.“

Zuerst schlug übrigens das Obdachlosenmagazin Hinz&Kuntz Alarm. Die plötzliche Häufung der Todesfälle sei „ungewöhnlich und alarmierend“. Dessen Geschäftsführer Jörn Sturm forderte, die Stadt müsse warme Orte schaffen und wie zum Beispiel in Hannover über Nacht die U-Bahnhöfe offen lassen. Doch das findet Hamburgs Verkehrsunternehmen Hochbahn zu gefährlich. Der Engagierte Ronald Kelm regt nun an, zusätzlich Wärmezelte aufzustellen, wie es das Rote Kreuz in der Stadt Essen tut.

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