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1.492 Tage Krieg in der UkraineAls Journalist in den Schützengraben

Unser Autor arbeitet in der gesamten Ukraine mit Medienvertretern aus Westeuropa. Wie reagiert er, wenn sie an der Front Soldaten interviewen wollen?

Ukrainische Soldaten in einem Schützengraben im Oblast Donezk im Osten der Ukraine Foto: Efrem Lukatsky/ap

S eit Kriegsbeginn begleite ich als Stringer ausländische Journalisten in der ganzen Ukraine. Meine aktuelle Lieblingsfrage von westlichen Medienleuten ist: „Können wir an die Front fahren und dort mit Soldaten in den Schützengräben sprechen?“

Und das fragen sogar supererfahrene Kollegen, die bereits aus Afrika, Syrien und Afghanistan berichtet haben. Weniger erfahrene Kollegen glauben, so scheint es mir zumindest, dass eine offizielle Akkreditierung und eine Weste mit der Aufschrift „Presse“ sie vor russischen Geschützen und Drohnen bewahrt. Und einige von ihnen diskutieren nach wie vor völlig ernst über die in einigen Ländern Europas beliebte Frage: „Vielleicht ist das ja alles Propaganda und es gibt überhaupt keinen Krieg in der Ukraine?“

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Menschensafari in Cherson

Gerne gebe ich Ihnen die Möglichkeit, einige der Highlights unseres „nicht existierenden Krieges“ zu erleben. Wir könnten zum Beispiel in den frontnahen Städten Kramatorsk, Saporischschja oder Cherson mal eine Nacht verbringen. In Cherson gibt es die fantastische Möglichkeit, an einer sogenannten „Drohnen-Safari“ auf Menschen teilzunehmen. Natürlich nur als Opfer, aber immerhin mit einem Upgrade. Denn höchstwahrscheinlich wird Sie ein Pressesprecher mit einer Pumpgun begleiten, mit der er Sie gegen Kamikaze-Drohnen verteidigen kann. Auf den letzten 20 Kilometern bis Cherson muss man auf sehr schlechten Straßen mit mindestens 160 Stundenkilometern fahren, weil die Anti-Drohnen-Netze über den Straßen nicht besonders effektiv sind.

Bild: privat
Artem Perfilov

Freiberuflicher Journalist und lokaler Produzent aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Seit Beginn der russischen Großoffensive in der Ukraine begleitet er ausländische Journalisten, unter anderem in die Frontgebiete. Der Autor war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.

Vor drei Jahren hat ein Journalist sehr schnell seine Meinung zu den Schützengräben geändert, als das Auto, mit dem er dort hinfuhr, fünf Kilometer vor der Front im Gebiet Saporischschja nach Drohnenbeschuss in Flammen aufging. Die Journalistengruppe überlebte wie durch ein Wunder. Seitdem feiern sie an diesem Datum jedes Jahr ihren zweiten Geburtstag. Und nähern sich der Front nicht weiter als bis auf 30 Kilometer.

Ich persönlich bin nicht davon überzeugt, dass die Journalisten, die an die Front wollen, wirklich darauf vorbereitet sind. Einmal war ich mit einer Gruppe auf einer vergleichsweise ruhigen Strecke unterwegs. Plötzlich überflog uns ein ukrainisches Kampfflugzeug, das Wärmefallen abgeschossen hat. Die drei mutigen Journalisten in meinem Auto hatten es plötzlich sehr eilig, ihr Testament zu verfassen. Von Besuchen in Schützengräben war plötzlich keine Rede mehr.

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Modernster Krieg weltweit

„Und trotzdem“, entgegnen sie mir, „wenn wir wirklich fahren wollen und keine Angst haben?“ „Gerne“, sage ich. „Ich möchte Sie nur darauf hinweisen, dass zwischen Russland und der Ukraine gerade der modernste Krieg weltweit stattfindet. Er hat dazu geführt, dass sich beiderseits der Frontlinie eine 15 bis 20 Kilometer breite Todeszone gebildet hat, in der alles, was sich bewegt, von Drohnen zerstört wird.“

Und diese Todeszone wächst mit der technologischen Entwicklung weiter.

Die Soldaten selber erreichen ihre Stellungen im Schutz der Nacht und bei schlechtem Wetter zu Fuß. Essen und Munition erhalten sie per Drohne. Vielleicht könnte man auch Journalisten per Drohne transportieren, auch wenn das nicht die sicherste Methode ist.

Körperliche Vorbereitung und Erste-Hilfe-Kurse

Zunehmend beliebter werden derzeit Schulungen für Journalisten, in denen sie lernen, sich aus Gefahrenzonen zu retten, aus Fahrzeugen zu flüchten und wie sie sich verhalten, wenn in ihrer Nähe eine Granate einschlägt. Wobei in den den Schulungen echte Drohnen und Blendgranaten zum Einsatz kommen. Und wie man einen Druckverband richtig anlegt. Wir lernen, dass man maximal vier Tourniquets, also Aderpressen, pro Person braucht – je zwei für Arme und für Beine. Wir begreifen, dass wir zuerst unsere eigene Haut retten müssen, bevor wir uns um Verletzte kümmern – weil sonst zu viele Menschen sterben (zynisch, aber Tatsache). Und wir lernen, überall schnell einzuschlafen, egal, wie dreckig es ist.

Deshalb beantworte ich die Frage nach einem Besuch der Schützengräben immer mit Gegenfragen: Haben Sie einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht? Können Sie mit kugelsicherer Weste laufen und sich zu Boden werfen? Mussten Sie schon einmal nachts, bei Nebel, in voller Montur zehn bis fünfzehn Kilometer gehen/rennen/robben, immer mit dem Risiko eines russischen Drohnenangriffs? Ja? Dann helfe ich Ihnen gerne bei diesem Experiment. Kommen Sie vorbei und beweisen Sie allen, dass es gar nicht so schlimm ist, dass keine Gefahr besteht, dass die Politiker übertreiben. Und dass es in der Ukraine gar keinen Krieg gibt.

Aus dem Russischen Gaby Coldewey

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