107 falsche Zeugnisse: Oberschule in Vechta vergibt seit Jahren falsche Abschlüsse
Eine Schülerin moniert, ihre Schule habe sie um ihren Realschulabschluss gebracht. Bei der Überprüfung stellt sich heraus: Sie ist nicht die einzige.
Foto: Sebastian Gollnow/dpa
In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz am Freitag musste die niedersächsische Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) einen schwerwiegenden und peinlichen Fehler im System eingestehen. An der Geschwister-Scholl-Oberschule in Vechta sind jahrelang Schulabschlüsse falsch vergeben worden.
Zwischen den Schuljahren 2019/2020 und 2025/2026 sind in 107 Fällen die Zeugnisse von Schülerinnen und Schülern nicht richtig eingestuft worden. In 56 Fällen ist der erweiterte Sekundarabschluss nicht gewährt worden, der zum Besuch der Oberstufe berechtigt.
In 49 Fällen ist ein Hauptschulabschluss erteilt worden, obwohl es ein Realschulabschluss hätte sein müssen. Und in 2 Fällen haben Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen, obwohl ihre Noten eigentlich für einen Hauptschulabschluss ausreichten.
Die Ursache war offensichtlich, dass die Schulleitung die Abschlussverordnung für den 10. Jahrgang nicht richtig verstanden und angewandt hatte. Dabei ging es vor allem darum, in welchen Fällen man schlechte Noten in einem Fach mit besseren Noten in anderen Fächern ausgleichen kann. In weiteren 32 Fällen sind Ermessensspielräume nicht hinreichend diskutiert worden, in diesen Fällen müssen Zeugniskonferenzen wiederholt werden.
Eine ehemalige Schülerin bringt die Überprüfung ins Rollen
Aufgeflogen war dieser Fehler, weil sich eine ehemalige Schülerin im Juni an das Regionale Landesamt für Schule und Bildung Osnabrück gewandt hatte. Sie hatte die Schule 2022 mit dem Hauptschulabschluss verlassen und dann auf dem zweiten Bildungsweg ihren Realschulabschluss nachgemacht. Dabei stellte sich mit vier Jahren Verspätung heraus: Eigentlich hätte sie den von Anfang an bekommen müssen.
Nachdem die Verwaltung dies klargestellt hatte, meldete sich eine weitere Schülerin, der es ähnlich ergangen war. Ein Bericht in der Lokalzeitung löste schließlich erhebliche Unruhe aus und sorgte dafür, dass eine flächendeckende Überprüfung eingeleitet wurde.
Dabei wurden alle Zeugnisse händisch und im Vier-Augen-Prinzip überprüft, erläuterte Kultusministerin Julia Willie Hamburg. Es sei ihr ein großes Anliegen, sich auch persönlich bei den Betroffenen zu entschuldigen. Sie werden in den kommenden Tagen und Wochen alle ein korrigiertes Zeugnis, ein Entschuldigungsschreiben und eine Aufklärung über mögliche rechtliche Ansprüche erhalten.
In bestimmten Fällen – wie dem aus eigener Tasche bezahlten zweiten Bildungsweg – könnten auch Schadensersatzansprüche entstanden sein. Für Fragen und zur weiteren Beratung steht im zuständigen Regionalen Landesamt für Schule und Bildung Osnabrück eine Anlaufstelle zur Verfügung, die unter der E-Mailadresse anlaufstelle-abschluesse@rlsb-os.niedersachsen.de erreichbar ist.
Stichproben an weiteren Schulen
Die Überprüfung werde damit allerdings auch nicht Halt machen, sagt die Kultusministerin. Bisher gebe es keine Hinweise, dass es an anderen Schulen ähnliche Probleme gäbe – nicht einmal an der Oberschule, an der die Schulleiterin vorher tätig war. Trotzdem werden nun zum Schulstart noch einmal alle Schulleitungen der betreffenden Schulformen befragt und Stichproben untersucht.
Möglicherweise müsse man auch eine Neuformulierung der betreffenden Verordnung und der Anwendungsleitfäden in Betracht ziehen. Die werden aber ohnehin regelmäßig überarbeitet. Betroffen sind nach Einschätzung des Ministeriums nur solche Schulformen, an denen mehrere Abschlüsse vergeben werden und die Einstufung entsprechend komplex ist.
Das sind in Niedersachsen 288 Oberschulen und 130 Gesamtschulen. Wobei die Oberschulen das jüngere Modell sind, es gibt sie erst seit 2011. Deshalb musste auch in Vechta „nur“ bis ins Schuljahr 2019/2020 zurückgegangen werden – das war der erste Abschlussjahrgang überhaupt.
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