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Generation VerZicht? Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Ältere sind total verunsichert: Die Gen Z trinkt kaum noch Alkohol! Und das nicht nur im Dry January. Was soll das, fragt sich Kolumnist Aron Boks.

Eine Szene die das Boomerherz erfreut. Die Gen Z dagegen trinkt eher um es den Boomern recht zu machen Foto: picture alliance/dpa | Robert Michael

taz FUTURZWEI | Prost, sage ich und halte mein Glas der Discokugel entgegen. Ich bin bei einem Neujahrsempfang in einer Kleinstadt eingeladen. Es gibt Sekt, Cannapes, kleine Biere und keine Sorgen – nur Glückwünsche für das neue Jahr. Aber ich trinke heute nichts. Ich habe irgendwann aufgehört, Alkohol als normal anzusehen. Gut, das war erst vor ein paar Tagen, aber wie es aussieht, bin ich damit auch nicht allein.

Denn in Deutschland trinken immer weniger Menschen Alkohol. Die rückläufige Entwicklung zeigt sich dabei in allen Altersgruppen. Aber vor allem Jüngere verzichten einer Umfrage zufolge inzwischen ganz oder teilweise auf Alkohol: In der Gen Z geben lediglich noch 61 Prozent an, Alkohol zu trinken.

Bild: Jens Passoth
Stimme meiner Generation

Aron Boks und Ruth Fuentes schreiben die taz FUTURZWEI-Kolumne „Stimme meiner Generation“.

Boks, 28, wurde 1997 in Wernigerode geboren und lebt als Slam Poet und Schriftsteller in Berlin.

Fuentes, 30, wurde 1995 in Kaiserslautern geboren und war bis Januar 2023 taz Panter Volontärin.

Die Medien sind schuld!

Als ich einem Altersgenossen mit O-Saft Glas in der Hand davon erzähle, stellt sich ein Mann Anfang 60 zu uns.„Verzicht, Verzicht, Verzicht“, schimpft er, tippt sich an die Stirn. „Eure Generation verzichtet nur. Und das alles, weil uns die Medien weis machen wollen, dass wir nichts mehr trinken sollen.“, er nippt an seinem Glas Wein und schaut dann besorgt zu mir. „Und die, die am meisten darunter leiden, sind die Winzer. Da wird eine jahrhundertalte Tradition einfach plattgemacht!“, sagt er und klingt dabei so sorgenvoll, wie die Artikelüberschriften zum Thema Alkoholkonsum der Gen Z:

„Abstinenz-Welle trifft Brauereien: Wie der Alkoholverzicht der Gen Z die Börse erschüttert

„Werden wir bald alle auf Alkohol verzichten?

Und erst kürzlich fragte der Merkur: „Gen Z Schuld an Einbußen? Warum Winzer plötzlich weniger Wein verkaufen.

Fast alle diese Artikel wurden nicht von Gesundheits- oder Weinexperten geschrieben, sondern eher von älteren Journalisten. Und vielleicht haben die weit weniger Angst um den Status der Kulturnation oder die Wirtschaft als ein Unbehagen, wenn es um den Alkoholkonsum geht, der zum eigenen Alltag dazugehört. Ich merke das auch bei mir selbst, sobald ich es mit jüngeren Leuten der Gen Z zu tun habe, die noch weniger trinken.

Kontrolle ist gut, Verzicht ist besser

Rückblick auf den Neujahrsmorgen bei Mona, einer Anfang 20-jährigen Freundin. Mona macht Sachen, die ich in ihrem Alter nicht gemacht habe: über die Produktivität des Tages zu sprechen, Sätze komplett auf Englisch sagen oder auf die Gesundheit achten. Normalerweise stört mich das nicht, aber an diesem Tag schon.„Bringst du mir auch ein Bier mit?“, fragt sie vom Sofa aus. „But without alcohol. I mean I can’t drink today.“

Dry January, denke ich genervt, als ich ein Jever Fun aus dem Kühlschrank hole. Januar ist der Monat, in dem plötzlich alle für 30 Tage auf Alkohol verzichten und in dem der Drogenbeauftragte der Bundesregierung bewusst mit dem christlich-ängstlichen Bußetemperament der Deutschen spielt.

Nach dem sündigen Alkoholverzehr der Weihnachtszeit und vor der kommenden Fastnacht soll die Illusion von Kontrolle hergestellt werden, aber eigentlich sollen wir nur kräftige Arbeiter:innen bleiben, die bis zur Rente artig durcharbeiten. Eine offensichtlich biopolitische Maßnahme, und das zum hundersten Geburtstag von Michel Foucault, denke ich, schüttele traurig mit dem Kopf und gebe Mona das Bier.

„Danke“, sagt sie. „Ich bin einfach noch viel zu verkatert von gestern.“ „Verstehe“, sage ich und stoße mit ihr an.

„Bist du schwanger?“

Auf Instagram verbreitet sich gerade neben dem Dry January ein anderer Trend: Menschen werden angehalten, zehn Jahre zurück und auf ihr Leben im Jahr 2016 zu blicken.

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Damals war ich 19, hatte gerade Abi gemacht und war nach Berlin gezogen. Auf Partys gab es kein alkoholfreies Bier, und wer nicht trank, musste sich kritischen Fragen stellen. „Bist du schwanger?“, „Musst du etwa fahren?“, „Ist alles in Ordnung?“

Mich fragte keiner. Ich trank. Jetzt, zehn Jahre später, nehme ich mir vor, weniger zu trinken.

Der Geschmack von Ibu am Morgen

Anfang Januar bin ich zusammen mit meiner Freundin Mathilda von einem älteren Schriftstellerpaar zum Italiener eingeladen.

Ich bewundere die zwei, die in den 80ern Häuser besetzt haben, den Tunix-Kongress und die taz als linksradikale Zeitung erlebt haben. Abende mit ihnen schmecken schon in Gedanken nach Zigaretten, Chianti – aber auch nach Ibuprofen am nächsten Morgen.

„Sollen wir Sprudelwasser bestellen?“, frage ich vorsichtig und sehe die beiden Älteren ernst an. „Oder wollt ihr lieber Wein trinken?“Die beiden nicken und fragen, ob wir auch wollen.

Ok, denke ich, ein Glas Wein ist ja auch gesund – und meine Gedanken schweifen zu den vielen Dokus, die es auf YouTube zum Thema Alkoholverzicht gibt.

Ist „alkoholfrei“ das neue „vegan“?

Dort wird beschrieben, dass der Mythos vom gesunden Glas Wein sehr wahrscheinlich durch die viele Lobbyisten der Alkoholindustrie verbreitet wurde, aber überhaupt nichts mit der Realität zu tun hat. Ein Bericht der WHO, der sich zum Ziel gesetzt hat, Krebs den Kampf anzusagen, hatte klargestellt, dass jeder Tropfen Alkohol das Risiko von Krebs erhöht.

„Ich lebe lieber etwas kürzer als ohne Spaß“, hatte neulich mein Freund Timo die Reaktion seines Vaters zitiert, als er an Weihnachten keinen Alkohol getrunken hatte. Immer wieder würden sich ältere Männer vor Timo mit genau diesem Satz erklären. Egal ob zuhause, in der Altherrenmannschaft oder beim Geschäftsessen – überall dort, wo stets und ständig getrunken wird.

Vor älteren Leuten keinen Alkohol zu trinken ist vielleicht so ähnlich wie vegan sein oder geschlechtergerechte Sprache zu verwenden – irgendjemand fühlt sich automatisch angegriffen und mutiert sofort zu einem Experten für Sojaprodukte, Vitamine, die deutsche Sprache, Mental Health oder Tradition.

„Man muss ja auch sehen, dass man im Leben ein bisschen Freude haben will. Und da gehört das nun mal dazu“, hatte der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft vor ein paar Jahren zum Oktoberfest der Bayerischen Landesvertretung in Berlin erklärt und im nächsten Atemzug Alkohol zum Deutschen Kulturgut empor gehoben.

Traditionen wollen gepflegt werden

Aber worauf fußt diese vermeintliche Tradition? Wie oft haben Abendessen mit neuen Leuten, Dates oder Partys schon ganz ohne Alkohol stattgefunden – und sind trotzdem rauschend gewesen? Vielleicht macht einigen das nüchterne Leben auch etwas Angst.

„Wir bestellen gleich eine Flasche, oder?“ Mathilda und ich nicken artig und zwei Stunden später laufen wir eingehakt wie Bob Dylan und Suze Rotolo auf dem Cover von „The Freewhilin’ Bob Dylan” vom Restaurant nach Hause.

Der Januar schlägt uns seine eisige Kälte ins Gesicht, aber unsere Gesichter haben ein Leuchten, das direkt aus unseren Herzen kommt.

„Das war einer der schönsten Abende überhaupt.“„Und die Zeit ist verflogen!“ „Wie im Nichts.“ „Und du hast einfach aus dem Stand Madame Bovary mit Kassandra verglichen“, sage ich.

„Das fühlte sich einfach stimmig an!“

„Ich liebe dich!“

„Und ich dich erst!“

Ach ja, wir hatten dann noch eine zweite Flasche Rotwein bestellt. Ich meine, was soll man machen? Irgendwie mussten wir die Boomer ja bei Laune halten.

🐾 „Stimme meiner Generation“ heißt die gemeinsame Online-Kolumne von Aron Books und Ruth Lang Fuentes. In loser Folge schreiben sie darin für unser Magazin taz FUTURZWEI über die Lebensrealität der Gen Z und darüber hinaus.

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