Nachruf auf Techno-Pionier Juan Atkins: Produzent mit einer klaren Vision
Juan Atkins hat Techno von Detroit aus zum Sound der Zukunft gemacht. Nun ist er gestorben. Nachruf auf einen elektronischen Pionier.
Foto: Stefan de Batselier/Avalon/imago
Was ist Musik? Die Fragebogen-Antwort von Juan Atkins für die Linernotes zur Detroit-Techno-Compilation „Emotionselectric“ (1991) fiel damals angemessen prägnant aus: „Klangmalerei“. Sich selbst bezeichnete Atkins sehr zutreffend als „Mann mit einer Vision“.
Atkins begründete elektronische Tanzmusik im Computer-Zeitalter. Er gilt als einer der maßgeblichen US-Techno-Pioniere. Sein Erfindungsreichtum verdankt sich auch dem Zufall. Den Drumcomputer „Roland TR 808“ setzte er für seine minimalistischen Klangmalereien ein. Dass sich mit einer Rhythmusmaschine auch zwitschernde Bassmelodien kreieren lassen, stand nicht in der Bedienungsanleitung.
Tasteninstrumente hatten es Atkins seit der Kindheit angetan. Die Großmutter besaß eine Hammond-Orgel. Wenn sie darauf spielte, setzte „Magic“-Juan den Motorradhelm seines Vaters auf und rannte damit durchs Haus. „Ein Funkastronaut, der ein Starchild werden wollte“, wie Atkins’ Biograf Dave Tompkins es formuliert hat.
Als Teenager spielte Atkins Bass, Gitarre und Drums in einer Funkband. 1980 lernt er den Vietnam-Veteranen Rik Davis kennen und gründet mit ihm Cybotron. Ihr dystopisches Elektro-Album „Enter“ (1983) ist das Bindeglied zwischen Funk, Videospiel-Soundtrack und dem elektronischen Pop von Kraftwerk. Etwa beim Song „Techno City“ von 1984: Die Snare peitscht auf Windstärke zwölf, eine Stimme wiederholt mechanisch Zahlen, als zähle sie vom Dach regnende Eiszapfen. Da Atkins den Gesang von Davis vielfach verfremdete, hielt man Cybotron zunächst für Weiße.
Reaktion auf Rassismus in den USA
Juan Atkins sprach schon als Jugendlicher auf die Synthesizer-Coolness der weißen europäischen New Wave an. Das war auch eine Reaktion auf den Rassismus und die Segregation der US-Mehrheitsgesellschaft. Wobei Atkins seine Begeisterung für weißen Europop auf etwas anderes zurückführte: „Es hat mit der Autoindustrie in Detroit zu tun. Schon die Gewerkschaft UAW erkämpfte gleiche Rechte für Schwarze und Weiße in den Fabriken.“
In den 1980ern war die US-Autoindustrie in die Krise geraten, ihre PS-Schleudern sahen gegen die schlanke Konkurrenz aus Fernost alt aus. Der Wohlstand in Detroit schmolz dahin, die Stadt verfiel zusehends. Techno ist eine Antwort auf diesen Niedergang. Die drastische, mit einfachsten Mitteln inszenierte futuristische Tanzmusik träumt sich aus der wirtschaftlichen Misere raus.
Atkins wuchs in Belleville auf, einer Mittelklasse-Schlafstadt im Detroiter Großraum. Dort traf er zwei Mitschüler: Derrick May und Kevin Saunderson. Später galten die drei Produzenten als „Belleville 3“, zunächst war Atkins für die beiden Jüngeren musikalischer Mentor. Zusammen mit Derrick May etablierte Atkins 1985 das DJ-Team „Deep Space Networks“. Parallel produzierte er unter dem Alias Model 500 nun im Alleingang elektronische Musik.
Eiskalt und ein bisschen unheimlich
Straight, eiskalt und ein bisschen unheimlich. Gibt es Leben im All? Wer Atkins’ Signaturtrack „No UFOs“ hört, weiß: „They say there’s no hope / They say no Ufos / Why is no head held high / Maybe you'll see them fly.“ Damit begründete Atkins auch sein eigenes Label Metroplex, auf dem er neben „No UFOs“ viele weitere bahnbrechende Platten von sich und anderen Produzent:Innen aus Detroit veröffentlichte.
Während Techno in den USA eine kommerzielle Randerscheinung blieb, explodierte der Sound Ende der 1980er in Europa, wo eine Ravekultur in voller Blüte entstand. Speziell in England und im Nachwende-Berlin war Atkins oft gebuchter DJ, etwa im Club „Tresor“. Der Berliner Techno nahm sich Atkins’ von Improvisation getriebene Tatkraft zum Vorbild. Zudem spannte Atkins mit den Berlinern Thomas Fehlmann und Moritz von Oswald als 3 MB zusammen und startete so die bis heute bestehende kulturelle Brücke zwischen Detroit und Berlin.
Trotz aller Erfolge blieb Juan Atkins bescheiden. Ein Foto mit seinem Helden Florian Schneider von Kraftwerk zeigt ihn 2019 in einem Kiosk in Düsseldorf mit Hoodie, schüchtern lachend. Am Samstag ist „Magic“ Juan Atkins bei einem DJ-Engagement in Mexico City im Alter von 64 unerwartet gestorben.
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