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Zugunglück in SpanienMenschliches Versagen und keine Chance zu bremsen

Bei einem neuen Zugunglück in Spanien kommen mindestens 68 Menschen ums Leben. Die rechtsextreme VOX macht die Katastrophe sofort zum Wahlkampfthema.

Reiner Wandler

Aus Madrid

Reiner Wandler

Mindestens 68 Passagiere sind am Mittwochmorgen bei einem Zugunglück in Spanien ums Leben gekommen. Laut dem staatlichen Rundfunk RNE wurden zudem mindestens mehr als 100 Menschen zum Teil schwer verletzt.

Um 8.54 Uhr fuhr ein Hochgeschwindigkeitszug der Staatsbahn RENFE 118 Kilometer südlich von Madrid auf der Strecke von Madrid nach Sevilla auf einen anderen Zug des privaten Anbieters Iryo auf. Zwei Wagons wurden dadurch aus den Gleisen geschleudert und fielen den Bahndamm hinab. Die Zahl der Toten könne sich, so die RENFE gegenüber RNE, auf 40 erhöhen.

Der Zugverkehr zwischen Madrid und Sevilla wurde bis auf Weiteres eingestellt. Vermutlich wird es Tage dauern, bevor die Strecke wieder freigegeben werden kann. Auch wenn sich zuerst einmal Trauer breitmachte, ist zu erwarten, dass das Unglück bald schon den Vorwahlkampf für die Parlamentswahlen am 29. November bestimmen wird.

Bei dem Unglück in der Nähe des Ortes Urda in der Provinz Toledo in der Region Castilla-La Mancha handelt es sich um den zweiten schweren Unfall auf der Strecke von Madrid ins südspanische Andalusien in nur wenigen Monaten. Im Januar dieses Jahres sprang weiter im Süden ein Hochgeschwindigkeitszug der Iryo aus den Gleisen und ließ einen entgegenkommenden Zug der RENFE entgleisen. Es kam zu 46 Toten und über 150 Verletzten. Die Unfallursache war damals eine an einer Schweißnaht gebrochene Schiene. Die Folge waren schwere Anschuldigungen gegenüber der Regierung, die Infrastrukturen vernachlässigt zu haben.

Sozialisten und Konservative sagen Wahlkampftermine ab

Es ist wohl eine Mischung aus Informatikproblemen und menschlichem Versagen schuld. Nach einer Notabschaltung durch defekte Computer gab die Leitstelle in Madrid den Befehl „normal“ loszufahren, anstatt Vorsicht und 40 km/h anzumahnen, obwohl der Iryo Zug 25 Kilometer weiter noch stand. Der Lokführer des Hochgeschwindigkeitszuges der RENFE hatte keine Chance rechtzeitig zu bremsen.

Verkehrsminister Óscar Puente sprach am Mittwochnachmittag von einer „falschen Entscheidung“ des Kontrollzentrums, die unter „für uns unerklärlichen Umständen“ getroffen worden sei und zum Zusammenprall geführt habe.

„Der Aufprall war extrem heftig“, berichtete Miguel Ángel Pérez Laguna, ein Radioredakteur, der sich im Zug der RENFE befand, beim valencianischen Regionalsender Capital Radio. Selbst in einem der hinteren Wagons habe er den Aufprall so gespürt, als hätte er sich „direkt vor mir“ ereignet. Er sah, wie die zwei Iryo-Waggons weggeschleudert wurden. Die beiden Waggons wiegen zusammen 100 Tonnen. Insgesamt befanden sich 147 Passagiere im Iryo-Zug und 397 in dem von RENFE.

Während die Rettungskräfte – darunter die Notfalleinheit der Armee (UME) – vor Ort nach Verletzten und Überlebenden in den Unfallwaggons suchten, ging ein Aufruf übers Radio, in Madrid Blut zu spenden. In der Gemeinde Urda wurden zwei Hilfszentren für Passagiere und Angehörige eingerichtet, wo sie medizinisch versorgt werden und psychologische Hilfe erhalten. Für diejenigen, die nicht mit dem Zug reisen können, werden in den großen Bahnhöfen entlang der Strecke Alternativen organisiert. Verkehrsminister Oscar Puente begab sich unverzüglich in besagtes Kontrollzentrum, um „sämtliche verfügbaren Informationen über den Vorfall zu erhalten“.

Spanien befindet sich mitten im Vorwahlkampf für die vorgezogenen Parlamentswahlen am 29. November. Die beiden großen Partien, die sozialistische PSOE von Ministerpräsident Pedro Sánchez und die konservative Partido Popular (PP) von Herausforderer Alberto Núñez Feijóo, sagten alle Wahlkampfveranstaltungen ab. Sánchez zeigte sich auf X „bestürzt über das schwere Zugunglück in Toledo“. Er sprach den Betroffenen und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. „Das Wichtigste ist es jetzt, sich um die Opfer und ihre Angehörigen zu kümmern“, erklärt Feijóo.

Die drittstärkste Kraft im spanischen Parlament, die rechtsextreme VOX, die hofft, als Koalitionspartner mit der PP regieren zu können, zeigt weniger Pietät. Sie hielt ihre Termine aufrecht. VOX-Chef Santiago Abascal gab gar ein Interview in einem Privatfernsehen. Er sprach von einem „Verfall der Infrastrukturen und Institutionen in Spanien“. Das sei „völlig unerträglich“. Auf X ging er noch einen Schritt weiter und gab seiner „Wut angesichts der Vernachlässigung, des Verfalls und des Verrats, unter denen die Spanier leiden“, Ausdruck.

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