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Aktivistin aus Kolumbien„Menschenhandel ist Sklaverei“

Helga Flamtermesky begleitet Frauen, die Menschenhändlern entkommen sind. Sie kritisiert, dass Europa die Grenzsicherheit zunehmend über humanitären Schutz stellt.

Helga Flamtermesky ist eine kolumbianische Aktivistin, die in Spanien lebt. Sie leitet die Nichtregierungsorganisation Mujer Diáspora, die seit zwei Jahrzehnten Frauen begleitet, die in Europa unterschiedliche Formen von Gewalt erfahren haben. Darunter sind auch Opfer von Menschenhandel, ein Verbrechen, das die Behörden ihrer Ansicht nach bis heute nicht vollständig verstehen.

In 2024, dem letzten Jahr mit konsolidierten Zahlen, wurden in der Europäischen Union 9.678 Menschen als Opfer von Menschenhandel registriert. Zwei Drittel von ihnen waren Frauen oder Mädchen. Doch die offiziellen Zahlen bilden nur einen Teil des Ausmaßes ab: Viele Betroffene erstatten keine Anzeige, misstrauen den Behörden oder können ihren Peinigern entkommen, ohne jemals die vorgesehenen Schutzmechanismen in Anspruch zu nehmen.

Euromérica-Workshop

15 Jour­na­lis­t:in­nen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.

Im Gespräch mit der taz berichtet Flamtermesky über die Grenzen staatlichen Handelns im Kampf gegen Menschenhandel, trotz internationaler Abkommen und Schutzprotokolle. Flamtermesky erzählt sie von einer Frau aus Kolumbien, die sie über Jahre begleitet hat und der schließlich die Flucht vor ihren Ausbeutern gelang. Sie schaffte es bis nach Mexiko.

Zwei Jahre später traf Flamtermesky sie auf einem Kongress zum Thema Menschenhandel in Puebla wieder. „Sie war als Nonne gekleidet. Kaum hatte sie mich gesehen, sagte sie mir flüsternd, dass sie so einen Weg gefunden hatte, von dort wegzukommen und zu fliehen.“ Ihre Geschichte verdeutlicht, was eine Flucht aus dem Menschenhandel bedeutet: Sie ist ein langer, gefährlicher und einsamer Prozess, der Strategie erfordert.

Nicht auf die Behörden warten

Helga Flamtermesky betont, dass eine Frau nicht darauf warten könne, von den Behörden gerettet zu werden. Von den zahlreichen Betroffenen, die sie im Laufe der Jahre kennengelernt hat, erinnert sie sich nur an eine, die tatsächlich gerettet wurde. Alle anderen flohen selbst. „Die wichtigste Entscheidung, die ein Opfer von Menschenhandel vor seiner Flucht treffen muss, lautet: Ich werde fliehen oder ich werde sterben“, erklärt sie.

Gerade angesichts dieses Überlebenskampfes sieht sie die größten Defizite in Lateinamerika wie in der Europäischen Union bei den politischen Maßnahmen, die der Realität des Menschenhandels nicht gerecht würden. „Das große Problem ist, dass Staaten das Ausmaß des Menschenhandels weiterhin anhand von Anzeigen und Rettungsaktionen bemessen“, erklärt Flamtermesky. „Die Begleitung von Frauen, die sich gegen eine Anzeige entscheiden oder selbst vor ihren Peinigern fliehen, gerät dagegen ins Hintertreffen.“

Dem jüngsten Bericht der Europäischen Kommission zufolge stammt die größte Zahl der registrierten Betroffenen aus Nigeria: 1.747 Fälle wurden erfasst. An zweiter Stelle steht Kolumbien mit 1.083 Betroffenen, gefolgt von Marokko mit 864 und Brasilien mit 477 registrierten Fällen. Kolumbien nimmt dabei eine besondere Stellung ein: Das Land ist sowohl von sexueller Ausbeutung als auch von Zwangsarbeit besonders betroffen.

Das tatsächliche Ausmaß der Menschenhandelsnetzwerke lässt sich allerdings nur schwer erfassen. Im März 2024 führte eine Razzia zur Festnahme von sieben Mitgliedern eines Netzwerks, das Frauen in Venezuela und Kolumbien anwarb und sie unter falschen Versprechungen an verschiedene Orte in Europa brachte.

Hilft die Europäische Union?

Die Kritik der Expertin kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für Europa. Am 15. Juli 2026 lief die Frist ab, innerhalb derer die Mitgliedstaaten eine 2024 verabschiedete Reform zur Bekämpfung des Menschenhandels in nationales Recht umsetzen mussten. Die neue Regelung erkennt ausdrücklich an, welche Rolle das Internet und digitale Technologien bei der Anwerbung und Ausbeutung von Betroffenen spielen.

„Die Behörden suchen weiterhin nach den sichtbaren Strukturen der Menschenhandelsnetzwerke, etwa nach Vermittlern, die früher die Anwerbung übernommen haben“, sagt Flamtermesky. „Heute läuft das aber zunehmend über soziale Netzwerke und das Internet.“

Die EU-Reform sieht außerdem verschärfte Strafen für die Verbreitung sexueller Bilder und Videos von Betroffenen vor. Damit soll auch gegen die Weiterverbreitung solchen Materials vorgegangen werden. Eine weitere wichtige Neuerung: Ermittlungen sollen nicht mehr allein von formellen Anzeigen abhängen.

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Für Flamtermesky liegt die Herausforderung nun darin, dass die Schutzmechanismen den tatsächlichen Erfahrungen der Betroffenen gerecht werden, auch jenen Frauen, denen die Flucht gelingt, die den Behörden aber nicht vertrauen. Manche suchen schließlich Hilfe bei Beratungsstellen für Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt. Dort können sie Unterstützung erhalten, ohne zunächst die gleichen Hürden überwinden zu müssen wie bei einer offiziellen Anerkennung als Opfer von Menschenhandel.

Deshalb glaubt die Aktivistin nicht, dass neue Gesetze das Problem allein lösen werden. Erst recht nicht in einer Zeit, in der Europa ihrer Ansicht nach den humanitären Schutz zunehmend zugunsten der Grenzsicherheit zurückstellt.

Zwischen Schutz und Abschottung

„Europa befindet sich in einer seiner schlimmsten Phasen, was seine moralischen, ethischen und humanitären Grundsätze angeht“, sagt Flamtermesky. Sie kritisiert die Umsetzung des EU-Migrations- und Asylpakts. Dieser habe zwar durchaus sinnvolle humanitäre Ansätze enthalten, doch seien diese inzwischen in den Hintergrund gerückt. „Es spielt keine Rolle mehr, ob du Opfer von irgendetwas bist. Noch weniger, wenn du Migrantin bist. Heute zählen vor allem Sicherheit und Aufrüstung.“

Erschwerend kommt hinzu, dass Menschenhandel noch immer vor allem mit sexueller Ausbeutung gleichgesetzt wird. Diese verkürzte Perspektive blendet andere Formen der Ausbeutung aus und beeinflusst, wie Behörden Betroffene überhaupt erkennen. „Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass es dabei nur um Prostitution geht. Menschenhandel ist vor allem Sklaverei“, betont Flamtermesky.

Doch wer es schafft, seinen Peinigern zu entkommen, findet deshalb noch lange keinen sicheren Zufluchtsort. Nicht immer gibt es eine Unterkunft, ein Schutzprotokoll, das greift, oder eine Behörde, die bereit ist, die Betroffenen zu begleiten. Der erste Schritt zurück in ein selbstbestimmtes Leben ist oft viel grundlegender: ein Mensch, der Essen anbietet, unterwegs ein Telefon leiht oder einer Frau ohne Vorurteile begegnet.

Valentina Parada Lugo ist eine Journalistin aus Kolumbien und für die Tageszeitung El País tätig.

Übersetzung aus dem Spanischen von Niklas Franzen

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