piwik no script img

Unterwegs mit der Deutschen BahnEndstation Hoffnung

Deutschland ist ein Staat, der keinen geregelten Bahnverkehr hinbekommt. Wie soll man ihm da die Bewältigung sonstiger Krisen unserer Zeit zutrauen?

I ch fahre viel Bahn. Sehr viel. Es gibt Wochen, wenn ich auf Lesetour bin, in denen ich jeden Tag fahre. Oder fahren muss. Und das Klischee stimmt: Es geht auf diesen Reisen so vieles schief, dass ich mich immer wieder unwillkürlich frage: Wenn dieser Staat nicht einmal einen geregelten Bahnverkehr hinkriegt – wie soll er Herausforderungen wie die Klimakrise, Vermögensungleichheit und den Aufstieg einer autoritären Partei bewältigen?

Ja, das ist überspitzt und übertrieben. Ich kann mir gleichzeitig nicht helfen, wenn ich wieder einmal nachts auf einem verlassenen Regiobahnhof lande, weil der Zug nicht kommt. Wenn ich drei Stunden früher losfahren muss, falls es wieder Verspätungen gibt, oder wenn ich im Zug nicht arbeiten kann, weil das WLAN nicht funktioniert oder ich keinen Sitzplatz habe. Nach dieser Woche, in der ich an vier Tagen über längere Strecken Regionalbahn gefahren bin, habe ich einmal gerechnet: Ich habe fünf Stunden Schlaf, zehn Stunden Arbeitszeit und schließlich 150 Euro verloren, weil eine Fahrt ausfiel und ich ein Taxi bezahlen musste.

Solche Beschwerden haben die Tendenz, selbstbezogen zu klingen, das verstehe ich gut. Und in einer Welt der Kriege und Krisen ist das in jeder Hinsicht eine privilegierte Sicht. In diesen Beschwerden steckt tatsächlich ein gehöriges Maß Genervtheit. Manchmal frage ich mich gleichzeitig, ob Menschen, die nicht oft Bahn fahren, eigentlich wissen, wie groß das Ausmaß dieser Probleme ist. Und ob die Dringlichkeit, inmitten einer Klima- und Energiekrise diese Probleme lösen zu müssen, wirklich bei den Ent­schei­de­r:in­nen in der Politik angekommen ist.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Ich bin immer froh, wenn Menschen erzählen, dass bei ihnen das Bahnfahren richtig gut geklappt hat, der Zug pünktlich, das Bordbistro offen und die Toilette sauber war. Das gibt mir ein bisschen Hoffnung, dass es ja doch irgendwie geht. Zumindest bis zur nächsten Bahnfahrt. Ein bisschen Hoffnung soll jetzt wohl auch der neue „Infraplan“ versprechen, den das Verkehrsministerium diese Woche vorstellt. Er soll, so heißt es darin, „Transparenz, Vertrauen und Verlässlichkeit in das System Schiene zurückbringen“.

Die Realität sieht vorerst so aus: Ich stand vor ein paar Tagen in einer Regionalbahn zwischen Karlsruhe und Stuttgart. In der App war bereits angezeigt: Mehrere Wagen fehlen. Ich dachte: Soll ich es wagen oder auf den IC warten? Ich hatte es schließlich gewagt – und gedacht: So schlimm kann es ja nicht werden. Das denke ich oft. Mein Gehirn trickst mich aus, damit ich es weiterhin für eine gute Idee halte, Bahn zu fahren.

Es fehlten dann in der Tat so einige Wagen. Es gab nur zwei. Wir Reisenden gaben jegliche Berührungsängste auf, Taschen und Koffer steckten irgendwo zwischen Beinen, Gesichter berührten sich, das Atmen wurde schwer. Eine Frau vor mir sagte „dieses Land kriegt wirklich gar nichts mehr hin“, eine andere Frau neben mir schüttelte unentwegt den Kopf und sagte „mein Bein tut weh“, ein Mann zwei Menschenreihen entfernt machte Witze und hellte die Stimmung auf. Es half sehr zu lächeln, ich spürte, wie ich dadurch entspannter wurde. An den nächsten Bahnhöfen versuchten sich weitere Menschen hineinzudrücken, die meisten gaben aber entnervt auf.

Ein anderes Mal saß ich im Bordbistro des ICE, da trat die Zugbegleiterin in den Gang, warf die Hände in die Luft und rief mit einem schweren Seufzer: „Es ist alles kaputt!“ Wir lachten über ihre liebenswerte Authentizität und machten es uns mit Snacks gemütlich. Überhaupt, die Bahnmitarbeitenden: Ihnen gebührt wirklich ein Preis, jeden Tag. Auch sie kommen spät nach Hause, auch ihnen wird Freizeit genommen, auch sie müssen Überstunden machen. Sie dürfen aber nicht, wie ich, genervt sein, sondern sie müssen höflich bleiben, sich die Wut der Reisenden anhören und dann noch versuchen, Lösungen für deren Probleme zu finden.

Vor einigen Wochen saß ich in einem ICE von Berlin nach Frankfurt, wieder mit stundenlanger Verspätung. Der Zugführer, der die Lautsprecheransagen machte, erklärte bei jedem ungeplanten Halten, was gerade los war, er gab freimütig zu, dass auch er nicht wisse, wann es weitergehe, und versprach, uns Reisende über alles zu informieren. Am Ende der Fahrt dankte er ausdrücklich seinen Kol­le­g:in­nen für ihre gute Arbeit und dafür, dass sie diesen ganzen Stress mitgemacht hatten. Und er sagte, dass er hoffe, dass die Mit­ar­bei­te­r:in­nen bald in den wohlverdienten Feierabend kämen. Als ich ausstieg, dankte ich ihm dafür, dass er sich so viel Mühe gegeben hatte, die Stimmung zu halten und allen, Mitarbeitenden und Mitfahrenden, so viel Wertschätzung geschenkt hat.

Das war toll – und sollte nicht notwendig sein. Die Bahn ist eine weitere jener Institutionen in Deutschland, an der seit Jahren gespart wurde und wird. Was rein volkswirtschaftlich schon keinen Sinn ergibt: Die Anzahl an Arbeitsstunden, die durch das Bahnchaos jedes Jahr verloren gehen, muss immens sein. Ziemlich sicher liegt sie weitaus höher als der Arbeitszeitverlust durch, zum Beispiel, die telefonische Krankschreibung, die die Bundesregierung beenden will – Ar­beit­neh­me­r:in­nen könnten ja betrügen! Die Prioritätensetzung in der aktuellen Politik ist manchmal erstaunlich.

Seit ein paar Tagen wird die Strecke zwischen Berlin und Hannover saniert. Fast eineinhalb Stunden länger braucht man nun, um diesen Weg mit der Bahn zu fahren. Eine Zugfahrt nach Köln oder Bonn kann so, je nachdem, wie viel Verspätung noch aus anderen Gründen dazukommt, schnell mal sieben, acht oder auch mehr Stunden dauern. Kann man da beruflich oder privat Vielreisenden wirklich noch verübeln, wieder über Inlandsflüge nachzudenken? Die Streckensperrung sollte ursprünglich 10 Monate dauern, jetzt sollen es doch mindestens 14 Monate werden. Solche Meldungen nimmt man kaum noch wahr.

Dabei ist Bahn fahren unheimlich schön. Ich habe so viele Geschichten von besonderen Momenten und Begegnungen in der Bahn, dass ich sie gar nicht zählen kann. Ich wünschte nur, sie wären irgendwann frei von Signalstörungen, Oberleitungsproblemen und völlig unerklärlichen Stopps. Bahn fahren in Deutschland: das Prinzip Hoffnung.

Gilda Sahebi

Gilda Sahebi

Ausgebildet als Ärztin und Politikwissenschaftlerin, dann den Weg in den Journalismus gefunden. Beschäftigt sich mit Rassismus, Antisemitismus, Medizin und Wissenschaft, Naher Osten.
Mehr zum Thema

3 Kommentare

  • Suryo

    Die DB ist tatsächlich ein Abbild Deutschlands.

    1) Wenn etwas verbessert werden soll, dann wird es hinterher schlechter. Beispiel die Strecke Berlin - Hamburg. Seit der monatelangen, extrem nervigen und teuren "Verbesserung" der Strecke fallen SEHR viel mehr Züge aus und es gibt SEHR viel schlimmere Verspätungen. Oft, weil Personal nicht rechtzeitig in Hamburg eingetroffen ist oder, weil sich ein Zug, der erst von Innsbruck nach Berlin fahren mus, sich selbstverständlich verspätet. Bei der DB weiß man natürlich spätestens seit dem zehnten wegen "zu spät eintreffendem Personal" am zweitgeschäftigsten Bahnhof Europas (Hamburg) ausgefallenen ICE, dass das Konzept, das Personal erst anfahren zu lassen, nicht funktioniert. Getan wird dennoch NICHTS.

    2) Man sieht an anderen Ländern, was super läuft, macht aber nicht mal den Versuch oder äußert auch nur die Idee, es ihnen gleichzutun. Beispiel: Spaniens großartiges eigenes Zugnetz für Hochgeschwindigkeitszüge. In Deutschland denkt man nicht einmal darüber nach, ob man selbst ähnliches schaffen könnte. Man sieht, dass andere besser sind, versucht es aber gar nicht erst.

    Wenn das nicht exemplarisch für das ganze Land steht...

  • Pseudacacia

    Es stimmt schon, die Bahn hat ein Performance-Problem.

    Doch als jemand, der ca. 3-4 x wöchentlich mit der Bahn fährt, sowohl regional als auch überregional, muss ich sagen, dass es aus meier Sicht nicht so furchtbar ist, wie im Allgemeinen behauptet wird. Klar, auch ich habe 2 - 3 std Verspätung erlebt, doch die allermeisten Verspätungen Fahrten liegen bei maximal 30 min. Und ehrlich gesagt, aus meiner Sicht sind mehr als Hälftemeiner Fahrten pünktlich - plus minus10 min.

    Es besteht erhebliches Verbesserungspotential - zweifellos, doch psychologisch bleiben natürlich die negativen Erlebnisse besser im Gedächtnis. Und dies wird vestärkt durch andauerndes Bahn-Bashing.



    Und NEIN - ich bin kein Bahn-Mitarbeiter.

  • Troll Eulenspiegel

    Solange es wichtiger ist "Wer es bezahlen soll", wo der Rotstift angesetzt werden muss, oder wo Verkehrsunternehmen Profit machen können, solange wird Deutschland in Sachen Öffentlicher Personenverkehr, nah und fern, immer mehr an Boden verlieren.

    Und je länger es dauert, bis der Bahnverkehr wieder Spitzenklasse wird, desto extremer muss die Kehrtwende erfolgen. Vor fünf Jahren war es in etwa: Innerhalb von wenigen Jahren die Schweiz, China, beide(!) Koreas und Japan einholen. Die Kehrtwende jetzt steht derzeit bei: Autos wegnehmen, auch auf dem Land.

    Irgendwann gibt es diesen Punkt, bei dem die Regierung garnichts mehr anderes übrig bleibt, als den Neoliberalismus der Bahn abzuschaffen. Die Privatisierung des Bahnverkehrs in Großbritannien ist vor vielen Jahren daran zu Grund gegangen mit Einsparungen und Boni an Managern und erholt sich (immerhin) nur langsam von diesem Fehlschlag.